Merlin oder das wüste Land (2026)

Drei Stunden und 20 Minuten Laufzeit sind schon mal eine Ansage. Und als ich nach eben diesen über drei Stunden aus dem Akademietheater kam, musste ich an eine Podcastaufzeichnung denken, die ich vor kurzem als Video gesehen habe. In diesem Jahr wird das Burgtheater 250 Jahre alt und im Zuge der Feierlichkeiten gab es in Zusammenarbeit mit der österreichischen Wochenzeitung Falter eine → Podcastfolge mit Stefan Bachmann und Nils Strunk. Als es um das Publikum ging, bezeichnete Letzterer es als traurig, wenn sich das Publikum „zu dumm“ für den Abend fühlt. Und genau dieses Zitat kam mir wieder in den Sinn, denn ich habe mich nach MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND wirklich sehr dumm gefühlt. Tankred Dorst und Ursula Ehler haben das Stück 1980 fertiggestellt. Anhand der Artussage erzählen sie ein Märchen über das Scheitern von Utopien. Der Zauberer Merlin (Sarah Viktoria Frick) soll die Menschheit eigentlich ins Böse führen. Doch er widersetzt sich seinem Auftrag und macht Artus (Michael Maertens) zum König. Der gründet die Tafelrunde. Dort sind alle Ritter gleich und sollen nun für Gerechtigkeit sorgen. Doch die Utopie gerät ins Wanken. Die Ritter streiten um Macht, verraten einander und verstricken sich in üble Affären. Königin Ginevra (Katharina Lorenz) betrügt ihren Mann mit Sir Lancelot (Lilith Häßle). Schließlich stellt Sir Mordred (Felix Rech) als Vertreter der neuen Generation alle bisherigen Moralvorstellungen infrage. Über allem wachen Merlins Eltern: die Liebe (Michael Wächter) und der Teufel (Marie-Luise Stockinger).

Szenenbild aus MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND - Burgtheater Wien - Merlin (Sarah Viktoria Frick) - © Tommy Hetzel
Merlin (Sarah Viktoria Frick) – © Tommy Hetzel

Soll ich da mitmachen?

Regisseur Antú Romero Nunes macht es seinem Publikum nicht besonders einfach, denn er lässt sein Ensemble Fantasie-Mittelhochdeutsch sprechen. Man sitzt also die ganzen drei Stunden dort und muss erst einmal übersetzen und verstehen, was überhaupt gesagt wird. Wer nicht schnell genug mitkommt, verpasst dann Witze, die andere schon verstanden haben. Dann lacht die eine Hälfte des Saals, während die andere noch am Rätseln ist. So entsteht keine Einheit im Publikum. Das ist deshalb schwierig, weil vom Publikum auch ein gewisses Maß an Beteiligung erwartet wird. Es gibt Mitmachelemente. Das Publikum soll schnipsen, einen Kauz lautmalerisch vertonen, mitsingen oder aufstehen. Immer wieder tauchen Figuren im Zuschauerraum auf und werden auf die Bühne gerufen. Die vierte Wand ist komplett durchbrochen, allerdings wusste ich nie so recht, ob ich jetzt tatsächlich mitmachen soll oder ob es nur ein Witz ist. Nunes inszeniert hier ganz in der Tradition von Bertolt Brecht. Der hat sein Publikum mit Verfremdungseffekten zum Nachdenken bringen wollen, statt es in die Handlung eintauchen zu lassen. Vielleicht kommt daher auch mein innerer Widerstand. Ich will in die Handlung eintauchen. Ich will mich verzaubern lassen.

Szenenbild aus MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND - Burgtheater Wien - Artus (Michael Maertens) - © Tommy Hetzel
Artus (Michael Maertens) – © Tommy Hetzel

Bin ich Drama oder Komödie?

MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND springt ständig zwischen Drama und Komödie hin und her. Mal spult die Handlung vor, mal wieder zurück. Fast alle Darstellerinnen und Darsteller overacten mit voller Absicht. Dann gibt es wieder Musik. Filmblut. Drama und Mord. Eine Figur bringt sich um, kann aber nicht sterben und kommt wieder zurück ins Leben. Ist das eine Komödie oder was ist hier der Punkt? Der Abend bietet so viele Aspekte, dass man nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Ich fühle mich nicht abgeholt, sondern komplett alleingelassen.

Dabei steckt einiges im Text. Der naive König Artus sagt beispielsweise über seinen Nachfolger, der solle erst mal regieren, dann sehe er schon, wie schwierig das ist. So argumentieren auch viele AfD-Wähler: Man solle die Partei ruhig an die Macht lassen, dann würde sie sich selbst entzaubern. Doch gerade in solchen Aha-Momenten geht es schnell wieder weiter. So als wolle man sich gar nicht mit spannenden Argumenten aufhalten.

Szenenbild aus MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND - Königin Ginevra (Katharina Lorenz) betrügt ihren Mann mit Sir Lancelot (Lilith Häßle). - © Tommy Hetzel
Königin Ginevra (Katharina Lorenz) betrügt ihren Mann mit Sir Lancelot (Lilith Häßle) und die Liebe (Michael Wächter) schaut zu. – © Tommy Hetzel

Der naive König und der schlechte Ratgeber

Michael Maertens spielt diesen Artus herrlich. Zwischen all den überzeichneten Figuren ist er noch der „Normalste“. Merlin hat ihm geweissagt, dass Ginevra ihn in der Zukunft betrügen wird. Trotzdem lässt er sich liebestrunken auf sie ein. Wenn Ginevra und Lancelot zusammen sind, stolpert er in die Szene und fragt naiv: „Stör ich euch?“ Spricht ihn jemand darauf an, relativiert er alles. Lancelot sei ja „ein Guter“. Das sagt er so oft, als müsse er sich selbst davon überzeugen. Mit der Titelfigur wurde ich dagegen nicht warm. Bei Merlin denke ich an eine Mischung aus Macht und Wissen. Das Wissen hat dieser Merlin zwar, aber mächtig fühlt er sich nicht an. Sarah Viktoria Frick spielt ihn genauso überdreht wie alle anderen.

Der Bösewicht, die Liebe und der Teufel

Felix Rechs Sir Mordred kommt als klassischer Bösewicht daher, relativ eindimensional. Er will halt den Thron und die Macht. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Einen Mord, den er selbst begangen hat, schiebt er Lancelot in die Schuhe. Der hinterfragt das aber nicht einmal. Dabei ist Mordreds Origin-Story eigentlich ganz interessant. Merlin hatte einmal geweissagt, dass Mordred das Königreich zerstören wird. Also hat Artus Babys auf ein Schiff gepackt und aufs Meer geschickt. Nur Mordred hat überlebt. Als er heimkehrt, nimmt Artus ihn aus Schuldgefühlen auf und macht ihn zum Ritter. Mordred hat nichts anderes zu tun, als sich an seinem Vater zu rächen.

Am besten gefallen mir die Liebe und der Teufel. Nunes hat die beiden genderübergreifend besetzt. Michael Wächter spielt die Liebe, Marie-Luise Stockinger den Teufel. Als Merlins Eltern haben sie beide etwas Fürsorgliches, für ihren Sohn und füreinander. Gleichzeitig sind sie gottgleiche Wesen, die außerhalb und innerhalb der Geschichte funktionieren. Die Liebe busselt auch mal Lancelot ab und befürwortet seine Affäre mit Ginevra. Aber für die beiden ist alles nur ein Spiel.

Szenenbild aus MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND - Regie: Antú Romero Nunes - Der Teufel (Marie-Luise Stockinger) - © Tommy Hetzel
Der Teufel (Marie-Luise Stockinger) – © Tommy Hetzel

Fatsuits, Fässer, Ventilatoren und Vorhänge

Die Kostüme sind auffallend und so überzogen wie auch schon die Rollen. Manche Figuren tragen Fatsuits, die meisten Klamotten sind farbenfroh und körperbetont. Im Bühnenbild spielen Vorhänge die Hauptrolle. Am Ende der ersten Hälfte stellt das Team einen riesigen Ventilator hinter den bereits geschlossenen Vorhang. Der weht Blüten in den Zuschauerraum. Ein hübscher Effekt. Nach der Pause wirken die Stoffbahnen dann wieder wie ein Wald. Überdimensionale Fässer dienen mal als Percussionselemente, mal als Versteck. Die Live-Musik fand ich sehr passend. Dazu streut der Text popkulturelle Referenzen ein. Merlin entwaffnet einen Gegner mit dem Zauberspruch „Expelliarmus“. Und die Liebe spielt passenderweise ein Lied aus dem Score von DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE. Am meisten hat mir der Schluss gefallen. Der Teufel weint und möchte „nicht mehr spielen“. Die Liebe versucht ihn zu überzeugen und stimmt mit dem Publikum ein Lied an. Dann geht das Licht aus. Am hinteren Ende der Bühne leuchtet nur noch ein Sternenhimmel.

Szenenbild aus MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND - Parzival (Bruno Cathomas) trifft auf die Liebe (Michael Wächter), den Teufel (Marie-Luise Stockinger), Königin Ginevra (Katharina Lorenz), Sir Lancelot (Lilith Häßle), König Artus (Michael Maertens) und Merlin (Sarah Viktoria Frick) - © Tommy Hetzel
Parzival (Bruno Cathomas) trifft auf die Liebe (Michael Wächter), den Teufel (Marie-Luise Stockinger), Königin Ginevra (Katharina Lorenz), Sir Lancelot (Lilith Häßle), König Artus (Michael Maertens) und Merlin (Sarah Viktoria Frick) – © Tommy Hetzel

Spektakel um des Spektakels willen

Ja, der Abend ist lang. Der Herr an der Garderobe hat auch bei der Herausgabe von Mänteln und Jacken in der Pause mehrfach betont, dass das erst die erste Hälfte gewesen ist. Offenbar wollte er verhindern, dass die Leute „versehentlich“ gehen. Trotzdem hat der Saal nach der Pause leerer gewirkt. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, hätte ich den Abend stilistisch entschlackt. Entweder man konzentriert sich voll auf das Fantasie-Mittelhochdeutsch, kreiert dafür aber eine stringente Geschichte, bei der alle mitkommen. Oder alle sprechen Hochdeutsch, und man konzentriert sich auf die Musik. Mit ein oder zwei Stilelementen statt einem ganzen Sammelsurium wäre MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND automatisch auch kürzer ausgefallen, was dem Abend gut gestanden hätte.

Im Stück heißt es, nichts im Leben habe einen Sinn, alles sei einfach nur ein Spiel. Aber wenn nichts einen Sinn hat und wenn das die Pointe sein soll, wieso schaut man dann diesem Spektakel zu? Vielleicht ist der Abend einfach Spektakel um des Spektakels willen. Unterhaltsam ist das in Teilen schon. Aber wer einen tieferen Sinn erwartet, wird enttäuscht. Zugegeben: Es ist meine erste Begegnung mit dem wüsten Land von Dorst und Ehler. Und ich glaube, ich habe das Stück einfach nicht verstanden.

Gesehen am 27.10.2026 im Akademietheater Wien

4/10

Bewertung: 4 von 10.

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