Fräulein Else (2026)

Es ist wirklich ein äußerst unpassender Zeitpunkt im Juni mit Erkältung zuhause zu sitzen und zu versuchen, die 30 Grad Außentemperatur in der eigenen Wohnung zu ignorieren, die unaufhörlich am Turmventilator vorbei durchs Fenster kommt. Es bietet es aber auch die Möglichkeit, endlich die Theateraufzeichnung FRÄULEIN ELSE von Leonie Böhm und Julia Riedler anzuschauen. Wenn ich schon nicht in die Münchner Kammerspiele gehen kann, dann schaue ich mir wenigstens die Aufzeichnung an, die im Rahmen der Einladung zum Berliner Theatertreffen entstanden ist.

Die junge Else (Julia Riedler), Tochter aus gutem Hause, ist zur Sommerfrische in einem noblen Kurort. Sie vertreibt sich die Zeit, bis ein Expressbrief aus Wien alles ändert. Ihre Mutter schreibt, flehend. Else muss die Finanzen ihres Vaters in Ordnung bringen, da dieser sonst im Gefängnis landen würde. Einen reichen Freund der Familie soll sie nun um das Geld bitten: den Kunsthändler Dorsday. Dieser, deutlich älter als Else, urlaubt im selben Kurhotel und macht ihr Komplimente. Sie findet ihn zwar abscheulich, doch was nützt es? Der gute Ruf der Familie muss bewahrt werden. Dorsday erkennt die Ausweglosigkeit von Elses Situation und bietet ihr das Geld im Austausch dafür, dass er Else 15 Minuten lang nackt anschauen darf.

Szenenbild aus FRÄULEIN ELSE - Kammerspiele München - Else (Julia Riedler) - © Armin Smailovic
Else (Julia Riedler) ist sich unsicher, was sie tun soll. – © Armin Smailovic

Eine, die man sich ruhig ansehen sollte

Es gibt Schauspielerinnen, bei denen ich mich frage, wieso ich sie noch nicht kenne. Julia Riedler ist so ein Fall. Was für eine Wahnsinnsfrau und was für ein Wahnsinnsmonolog. Völlig zu Recht wurde sie im letzten Jahr zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Das liegt an dieser Präsenz, die jeden Gedanken im selben Moment zu erfinden scheint, in dem sie ihn ausspricht. Schnitzlers Novelle lebt vom inneren Monolog, und Riedler macht diesen Gedankenstrom hörbar, mischt alte und moderne Sprache, Dramatik und Galgenhumor zu einem neuen Ganzen.

Riedler kommentiert das Aussehen ihres Publikums, macht einzelne Zuschauer zu Stellvertretern ihrer Verwandten und Bekannten, geht aber auch durch die Reihen und fragt nach Geld, fragt nach Zweit- und Drittmeinungen zu ihrer vertrackten Lage. Hier und da entstehen minimale Längen, weil die Gespräche mit dem Publikum etwas ausufern. All das verstärkt den Eindruck, dass Else „eine von uns“ ist. So entsteht eine Verbundenheit mit der Figur, die Böhm und Riedler ganz bewusst herstellen. Denn dem Duo ist wichtig: Kein #MeToo-Fall ist der vielzitierte Einzelfall. Es geht um das systemische Versagen einer ganzen Gesellschaft, die wegschaut und schweigt und die Mr. Dorsdays dieser Welt gewähren lässt.

Szenenbild aus FRÄULEIN ELSE - Kammerspiele München - Else (Julia Riedler) - © Armin Smailovic
Erdrückt: Else (Julia Riedler) – © Armin Smailovic

Ein unmoralisches Angebot

Nachdem man Else ein bisschen kennengelernt hat und auch ihre Geschichte kennt, wird FRÄULEIN ELSE zur theatergewordenen Pro-/Kontra-Liste. Was spricht dafür, das Angebot abzulehnen, was dagegen? Welche Auswirkungen hätte es für sie selbst, für ihren Vater, ihre Familie? Dann wieder Ausflüchte. Sie träumt sich ein Leben am Strand herbei, mit Polonaise und einem Bad im Meer. Unbeschwertheit in einer beschwerlichen Situation, die schon grundsätzlich eine Lose-lose-Situation ist, ganz egal, wie sie sich entscheidet. Es könnte alles so schön sein, wäre da nicht dieses widerliche Angebot von Herrn Dorsday. Die Inszenierung verzichtet auf großes Bühnengetöse. Die meiste Zeit spielt Riedler im Parkett und auf der Vorbühne. Auf der rechten Seite hängt ein höhenverstellbarer Kronleuchter, der sich wahlweise in ein Feuerzeug, ein prasselndes Lagerfeuer oder eine Parkbank verwandelt. Der Kronleuchter, der manchmal auch für Reichtum und Macht steht, erdrückt in einigen Momenten Else und im nächsten Moment tanzt Else wieder darauf herum.

Szenenbild aus FRÄULEIN ELSE - Kammerspiele München - Else (Julia Riedler) - © Armin Smailovic
Else (Julia Riedler) – © Armin Smailovic

„Die Scham muss die Seite wechseln“

Die bitterste Pointe des Abends ist, dass die literarische Vorlage von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1924 stammt, aber auch über hundert Jahre später das Thema Machtmissbrauch gegenüber Frauen immer noch relevant und zeitgemäß ist. Während des Stücks wurde ich immer wieder an die vielen MeToo-Fälle oder den Fall von Gisèle Pelicot erinnert. Pelicots bekanntes Zitat „Die Scham muss die Seite wechseln“ lässt sich auch im Stück beobachten. Das Publikum wird in die Pflicht genommen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen. Riedler befragt als Else das Publikum, sie lässt es mitdenken. Und dadurch verteilt sie auch die Verantwortung. Es kann hinterher keiner sagen, man hätte nichts gewusst. Das Verschwiegene wird plötzlich laut. Das Innere nach außen gekehrt. Es ist ein packendes, kluges Theaterstück, getragen von einer fantastischen Schauspielerin, die mühelos durch den Abend führt.

Die Aufzeichnung von FRÄULEIN ELSE ist noch bis 30.04.2029 in der 3sat-Mediathek zu sehen. Wer Fräulein Else lieber leibhaftig treffen möchte, kann das auch weiterhin in den Münchner Kammerspielen tun.

9.5/10

Bewertung: 9.5 von 10.

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