Seitdem ich DREI SCHWESTERN gesehen habe, hat Simon Stone bei mir einen Stein im Brett. Sobald es irgendeine neue Inszenierung oder einen neuen Film gibt, werde ich hellhörig. Wobei es im Fall von DAS FERIENHAUS etwas neues Altes ist. Für das Burgtheater hat er eine neue Fassung seines Stücks IBSEN HUIS entwickelt, das er 2017 in Amsterdam uraufgeführt hat. Im Zentrum steht Carl Albrich (Michael Maertens), ein erfolgreicher Architekt, der 1964 ein gläsernes Ferienhaus für sich und seine Familie entwirft. Über 60 Jahre später wird dieses Haus zerstört sein. Dazwischen liegt das Leben mehrerer Generationen, die das Haus bevölkern. Sie treffen hier aufeinander, diskutieren, streiten, feiern und lieben sich. Doch man lügt hier auch, verheimlicht und kämpft für die eigenen Belange ohne Rücksicht auf Verluste. Das Ferienhaus wird von manchen als Ruheort und Rückzugsort, von anderen als Gefängnis und Tatort erlebt. Und manch ein Familienmitglied wie etwa Tochter Flora (Fabia Matuschek) konfrontiert dann die eigene Mutter Lena (Franziska Hackl), was wiederum zu Streit mit deren Partnerin Katrin (Caroline Peters) führt, weil auch sie von all den Schandtaten nichts wusste. So gerät manche Figur vom Regen in die Traufe und überlebt das Ende des Stücks nicht.

Ein langer Anfahrtsweg
Eines vorweg: DAS FERIENHAUS dauert. Vier Stunden abzüglich 20 Minuten Pause. Das merkt man auch. Wie man sich schon denken kann, wenn man eine Geschichte über mehrere Generationen erzählen möchte, braucht man entweder sehr viele Schauspielerinnen und Schauspieler oder aber man entscheidet sich, ein festes Ensemble mehrere Rollen spielen zu lassen. Stone entschied sich für Letzteres. Fast alle Schauspielerinnen und Schauspieler übernehmen mehrere Rollen. Gleichzeitig springt die Handlung munter durch die Jahrzehnte. Am Ende werden auch die Ereignisse zweier verschiedener Jahre parallel dargestellt. Das ist ungemein fordernd, weil man hier gerne mal die Orientierung verliert. Da hilft es auch nicht, dass im Programmheft ein Stammbaum mit den verwandtschaftlichen Verhältnisse abgebildet ist. Nicht immer wird klar, wer eigentlich grad wer ist. Bei Rollen, die nur eine einzige Figur spielen, funktioniert das deutlich besser. Birgit Minichmayrs Caroline erkennt man immer sofort wieder. In Summe hätte der Abend durchaus ein bisschen kompakter sein können.

Erstklassige (Haus-)Besetzung
Zusätzlich kippt die Stimmung auch irgendwann. Zu Beginn liefern sich die Figuren noch sarkastische, herrlich bissige Wortgefechte. Man lacht viel und findet diese Figuren nahbar und in Teilen auch recht sympathisch. Doch in der zweiten Hälfte kippt das Ganze. Die Leichtigkeit verschwindet. Übrig bleibt eine Geschichte, die nur noch tragisch und todernst daherkommt. Das liegt mit Sicherheit auch am Autor, denn Ibsen nutzt in seinen Erzählungen häufig das Motiv der Lebenslüge und wie diese verheimlicht und schließlich enttarnt wird. In DAS FERIENHAUS hat Stone mehrere Ibsen-Stoffe, wie beispielsweise BAUMEISTER SOLNESS oder DIE WILDENTE zu einer Collage zusammengefasst. Dass die doch ein weitestgehend plausibles Ganzes gibt, liegt an der Besetzung. Besonders im Gedächtnis bleibt Birgit Minichmayr als chaotische, alkoholkranke Caroline. Sie spielt diese Frau mit so viel Wucht. Ebenso stark agiert Michael Maertens als erfolgreicher Meisterarchitekt Carl Albrich, der sich beim näheren Hinsehen als ekelhafter Egomane entpuppt. Einer, der im Zweifel auch mal gerne Designideen seiner Mitarbeiter als die eigenen ausgibt.

Ein Haus, in das man einziehen möchte
Wir müssen aber auch noch über das fantastische Bühnenbild reden. Wie schon in vergangenen Arbeiten mit Stone hat hier wieder Lizzie Clachan das Fundament bzw. das Haus gebaut. Ich bin ja schon ein großer Fan vom DREI SCHWESTERN-Haus und der Tankstelle aus UNSERE ZEIT gewesen. Auch hier ist es wieder ein wahnsinnig stylisches Bühnenbild geworden, das auch durch seine Funktionalität und Vielseitigkeit überzeugt. Man möchte am liebsten selbst dort einziehen. Trotz kleinerer Schwächen hat mich DAS FERIENHAUS begeistert. Ja, der Abend zieht sich. Ja, man verliert hin und wieder den Überblick über die Zeitebenen und verwandtschaftlichen Verhältnisse. Aber die starken Leistungen, die kluge Verdichtung der Ibsen-Motive und das großartige Bühnenbild gleichen das wieder aus.
Gesehen am 28. Mai 2026 im Burgtheater in Wien
8.5/10



