Bevor ich es vergesse (2025)

Jetzt wird also aus dem Hörbuch der Romanvorlage ein Theaterstück. Im letzten Jahr hat die Kammerschauspielerin Wiebke Puls BEVOR ICH ES VERGESSE von Anne Pauly eingelesen. Ihr hat der Text so gut gefallen, dass sie aus „Avant que j’oublie“, wie der Roman im Original heißt, einen Monolog erarbeitet hat. Die Geschichte lässt sich schnell zusammenfassen: Eine Frau namens Anne (Wiebke Puls) muss nach dem Tod ihres Vaters Jean-Pierre all die Dinge regeln, die so anfallen: Trauerfeier und Beerdigung organisieren. Durchsicht und Entrümpelung der Habseligkeiten ihres Vaters. Die Tochter kämpft gegen das Vergessen und ahnt zugleich, dass sie loslassen muss. Aus dem mühsamen Abschied wird nach und nach eine Reise voller absurder und schmerzhafter Momente. Am Ende steht eine Versöhnung mit dem Vater und mit den eigenen Erinnerungen.

Szenenbild aus BEVOR ICH ES VERGESSE - © Armin Smailovic
Anne (Wiebke Puls) durchforstet den Schrank. – © Armin Smailovic

Wiebke und ihr Zauberkasten

Die komplette Handlung spielt sich auf der Vorbühne ab. Im Mittelpunkt: ein offensichtlich magischer Schrank. Er bestückt sich scheinbar immer wieder neu. Wo eben noch Kleidung und ein Schemel hinter einer Schranktür lagen, finden sich Minuten später Musikinstrumente und Keksdosen. Oder Konserven. Oder Lebensmittel mit verdächtig alten Haltbarkeitsdaten. Was hinter den Türen wirklich vor sich geht, kann man nur ahnen. Hin und wieder tritt die Beinprothese des verstorbenen Vaters von innen auch eine Tür auf. Dieser Schrank „lebt“. Die Gegenstände verraten viel über ihren vorherigen Besitzer. Puls macht keine bloße Bestandsaufnahme für sich allein. Sie zeigt jedes Stück direkt ins Publikum: verschiedene Buchcover, eine Holzbox, einen Kassettenkoffer. Die vierte Wand ist hier ziemlich durchlässig. Es ist, als wäre man mit Anne zusammen in diesem Raum und würde mit ihr diese ganzen Lebenszeichen ihres Vaters begutachten und einordnen. Obwohl man ein stiller Beobachter ist, sorgt das dann doch für eine gewisse Nähe mit dem abwesenden Vater.

Szenenbild aus BEVOR ICH ES VERGESSE - © Armin Smailovic
Anne (Wiebke Puls) – © Armin Smailovic

Zwischen Mahatma-Gandhi-Zitaten und Schnapsflaschen

Was BEVOR ICH ES VERGESSE auszeichnet, ist auch eine gewisse Ambivalenz. Dieser abwesende Vater wird nicht glorifiziert. Der Vater ist in schlichten Verhältnissen aufgewachsen. Puls erzählt von dessen Alkoholsucht, die nicht selten in Gewalt geendet hat. Aber sie spricht auch von seinen Büchern. Von seinem Interesse an Philosophie und Religion. Von seinem Humor. So entsteht das Bild von einem Menschen, kein unumstößliches Denkmal. Nebenbei schlüpft Puls auch in alle anderen Figuren. Manche werden über die Tonspur eingespielt, andere spielt sie auf der Bühne selbst. Etwa den senilen Pater, der bei der Beerdigung partout nicht auf den Punkt kommen mag, oder die Krankenpflegerin, die den kranken Vater auf eine neue Matratze hievt.

Szenenbild aus BEVOR ICH ES VERGESSE - © Armin Smailovic
Anne (Wiebke Puls) – © Armin Smailovic

Am Ende dann doch etwas Pathos

Wiebke Puls wechselt mühelos zwischen Komik und Tragik. Eben noch wühlt sie durch alte Briefe und Notizzettel, dann übermannt sie wieder die Trauer und sie kauert sich weinend zusammen. Wiebke Puls ist einfach fantastisch in dem, was sie da auf die Bühne zaubert. Aus der viereinhalbstündigen Hörspielfassung hat sie zwei Stunden Theater destilliert. BEVOR ICH ES VERGESSE wirkt wie aus einem Guss. Trotzdem schwächelt der Abend gegen Ende dann etwas. Hier kommt nach einem eher sanften Erzählfluss dann noch eine deutsche Übersetzung von Céline Dions „Parler à mon père“, die noch einmal alle Motive aus dem Stück aufgreift und zusammenfasst. Das war mir dann doch zu viel des Guten. Das Pathos passt nicht so recht zum eher ruhigen Erzählfluss, der vorher etabliert wurde. Es ist ein bisschen zu wuchtig. Den positiven Gesamteindruck trübt das aber nur ein bisschen.

Die Buchvorlage BEVOR ICH ES VERGESSE von Anne Pauly gibt es sowohl als → Buch, eBook und Hörbuch. Gesehen am 02. Mai 2026 in den Münchner Kammerspielen.

9/10

Bewertung: 9 von 10.

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