Es ist kein besonders einfaches Thema für einen Film: Zwangssterilisationen an inhaftierten Frauen im Konzentrationslager Auschwitz. So schmerzhaft das schon beim Lesen klingt, so schmerzhaft ist auch der Film beim Anschauen. BLOCK 10 will aufrütteln, erinnern und mahnen. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Film dabei den richtigen Ton trifft. 1943 richtet die SS im Konzentrationslager Auschwitz einen Bereich ein, der eine Sonderstellung einnimmt: Block 10. Hinter diesen Mauern werden hunderte größtenteils jüdische Frauen zu Objekten medizinischer Experimente. Man misshandelt sie systematisch, verstümmelt sie und führt Experimente an ihnen durch. Der überzeugte Nazi und Gynäkologe Dr. Clauberg (Axel Prahl) sucht nach einer Methode, ohne Operation eine Sterilisierung an Frauen vorzunehmen. Den jüdischen Gynäkologen Dr. Maximilian Samuel (Christian Berkel) zwingt man zur Kollaboration bei den Misshandlungen. Aus Angst um das Leben seiner Tochter beteiligt er sich an den Gräueltaten.

Brüllende Nazis, brutale Aufsichtspersonen
Rein handwerklich betrachtet ist BLOCK 10 kein schlechter Film, im Gegenteil. Das Setdesign überzeugt. Auch die beklemmende Atmosphäre ist durch das Sounddesign spür- und hörbar. Kameramann Peter J. Krause streift durch die kahlen Gänge und filmt wirklich schockierende Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben. Auch das Schauspielensemble macht so ganz grundsätzlich – unabhängig vom Drehbuch, auf das ich noch genauer eingehen möchte – einen guten Job, auch wenn gerade die Täterfiguren durchweg klischeehaft daherkommen. Sie brüllen immer sofort cholerisch herum und müssen zeigen, wer hier die Ansagen macht. Ähnlich ist das auch bei den Aufsichtspersonen, die sofort eine Insassin drangsalieren, wenn sie eine sehen. Da das Drehbuch „die Bösen“ relativ eindeutig markiert, muss sich niemand im Publikum fragen, ob er unter ähnlichen Umständen vielleicht auch selbst mitgemacht hätte.

Wenn das Grauen zur Routine wird
Dem Filmteam war besonders wichtig, dass der Film trotz seiner Fiktionalisierung immer noch nah an der historischen Realität ist. Und so ehrenwert das Anliegen dieses Films auch ist, muss ich sagen, dass mir bei der Premiere auf dem Filmfest München mehrmals beim Ansehen das Wort „Torture Porn“ durch den Kopf gegangen ist. Die Misshandlungen der Frauen zeigt Marcus O. Rosenmüller ausgesprochen explizit. Da sind offene, blutige Bäuche zu sehen. Entnommene Eileiter. Bestrahlungen. Überlange Spritzen, die in Frauen eingeführt werden. Richtig harter Tobak und schwer zu ertragen. Das ist Absicht. Das Publikum soll schockiert werden. Der Effekt kippt allerdings ziemlich schnell. Man stumpft innerlich ab. Irgendwann hat man jede Form der Misshandlung gesehen, und der Schock verliert seine Wirkung. Das war für mich persönlich die eigentliche schockierende Wendung an diesem Film.

Das Problem mit fiktionalen Filmen über den Holocaust
„Alles, was Sie hier sehen, ist wirklich so passiert“, hat die promovierte Historikerin, Produzentin und Drehbuchautorin Alice Brauner beim Filmfest München erklärt. In einem Essay auf der Webseite des Verleihs spricht sie sich klar für fiktionale Erzählungen über den Holocaust aus: Sie könnten eine emotionale Ebene schaffen, die das Publikum persönlich anspricht, und so das Verständnis für die Verbrechen wachhalten. Genau diese Verbindung kommt hier aber nur in Teilen zustande. Brauner wollte mit ihrem Drehbuch besonders die jüdischen Frauen ins Zentrum rücken. Die meiste Screentime bekommen aber die bösen Nazi-Ärzte und der jüdische Frauenarzt Samuel, der aus Angst um seine Tochter bei nahezu allen Schandtaten mitmacht. Ich habe mich wirklich gefragt, warum die Ärzte in diesem Film so viel Raum bekommen, wenn man doch das Schicksal der misshandelten Frauen dokumentieren möchte. Möglicherweise war die Quellenlage bei den Herren schlicht besser. Vielleicht lagen einfach mehr Gerichtsdokumente, Akten und Protokolle über sie vor. Dem Punkt, den der Film machen möchte, hilft das trotzdem nicht, weil die Frauenrollen zunehmend wie austauschbare Statistinnen wirken.

Wenn jede Szene das Publikum anschreit
Für Alice Brauner ist der Stoff ein persönliches Anliegen. Ihre Eltern, Artur und Maria Brauner, haben den Holocaust überlebt. Gerade in Zeiten rechtsnationaler Tendenzen daran zu erinnern, wie es enden kann, wenn Menschen ihr Menschsein vergessen, ist verständlich. Nur merkt man dem Drehbuch diese Agenda eben sehr deutlich an. Wirklich jede Szene schreit das Publikum an: SO ETWAS DARF NIE WIEDER PASSIEREN! Und ja, so etwas darf nie wieder passieren. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Menschen, die man mit dieser Botschaft erreichen will, nicht im Kino sitzen und diesen Film schauen. Wer sich freiwillig in einen Film über die Zwangssterilisation von Frauen setzt, braucht die Ermahnungen vermutlich am wenigsten. Ende Oktober erscheint Brauners Buch über die Erkenntnisse, auf denen auch das Drehbuch beruht. Und spätestens hier habe ich mich gefragt, warum daraus keine Dokumentation geworden ist. Das Material hätte es hergegeben. Die Recherche ist wichtig und sollte auf jeden Fall veröffentlicht werden. Ich glaube nur nicht, dass BLOCK 10 dem Thema als Spielfilm voll und ganz gerecht wird.
BLOCK 10 kommt am 5. November 2026 in die deutschen Kinos. Ich habe den Film vorab am 3. Juli 2026 im Rahmen des Münchner Filmfests gesehen.
6.5/10



