Ende der Schonzeit (2012)

Nächstes Jahr werde ich nach Dresden fahren, damit ich endlich den Punkt „Christian Friedel live auf der Bühne sehen“ von meiner Bucket List streichen kann. Um die Wartezeit zu überbrücken, habe ich mir schon mal alle möglichen Filme auf meine Watchlist gepackt, damit ich ein paar Bildungslücken schließen kann. Und so ist der Film ENDE DER SCHONZEIT auf meinem Radar gelandet, weil er momentan bei Prime Video im Abo enthalten ist. Und was soll ich sagen? Das Drama von Franziska Schlotterer hat mich ziemlich begeistert. Die Geschichte spielt 1942 im Schwarzwald. Emma (Brigitte Hobmeier) und Fritz (Hans-Jochen Wagner) sind seit zehn Jahren verheiratet und bewirtschaften einen abgelegenen Hof. Kinder haben sie keine. Im Dorf wird darüber schon getuschelt. Eines Abends stößt Fritz beim Wildern auf Albert (Christian Friedel). Der Jude flieht vor den Nazis und will eigentlich in die Schweiz. Fritz bietet ihm Unterschlupf an. Als Gegenleistung soll Albert auf dem Hof mit anpacken. Emma ist nicht begeistert davon. Doch bald äußert Fritz einen ganz anderen Wunsch: Albert soll an seiner Stelle mit Emma ein Kind zeugen.

Szenenbild aus ENDE DER SCHONZEIT - Regie: Franziska Schlotterer - Emma (Brigitte Hobmeier) und Fritz (Hans-Jochen Wagner) nehmen Albert (Christian Friedel) auf. - © Farbfilm Verleih
Emma (Brigitte Hobmeier) und Fritz (Hans-Jochen Wagner) nehmen Albert (Christian Friedel) auf. – © Farbfilm Verleih

Eine Frau, zwei Männer und die Hoffnung auf ein Baby

Schauspielerisch und atmosphärisch ist ENDE DER SCHONZEIT wirklich stark. Das liegt besonders am starken Cast, aber auch an der kammerspielartigen Atmosphäre. Fast alles spielt sich auf dem Hof ab. Das Trio funktioniert grundsätzlich sehr gut. Am meisten hat mich Brigitte Hobmeier begeistert. Vielleicht auch, weil ihre Emma die meiste Charakterentwicklung durchmacht. Am Anfang ist sie eine sehr passive Frau. Sie lässt sich von ihrem Mann alles sagen und hinterfragt seine Entscheidungen kaum. Mit Albert schlafen will sie zunächst nicht, beugt sich schließlich aber dem Willen ihres Mannes.

Schnell wird klar: Die beiden Männer haben zwei völlig unterschiedliche Weltbilder. Albert ist Emma gegenüber fürsorglich und respektvoll. Fritz hingegen gibt das stoische Familienoberhaupt nach dem Motto „Was ich sage, wird gemacht“. Emmas Göttergatte fällt in erster Linie durch Abwesenheit am Stammtisch auf. Kein Wunder also, dass Emma sich mit der Zeit zu Albert hingezogen fühlt. Die beiden haben definitiv eine Verbindung. Emma sieht in Albert aber zunehmend auch eine Art Flucht vom Hof und von ihrem Mann. Genau das ist ihre Schwäche. Sie will nicht verstehen, dass sie sich nicht einfach von Fritz trennen kann. Und dass Albert nicht bereit ist, länger als nötig als „Zuchtstier“ herzuhalten.

Szenenbild aus ENDE DER SCHONZEIT - Regie: Franziska Schlotterer - Albert (Christian Friedel) - © Farbfilm Verleih
Albert (Christian Friedel) – © Farbfilm Verleih

Pragmatismus aus dem Nichts

Anfangs hatte ich so meine Zweifel bei Hans-Jochen Wagner als Fritz. Seine Charakterentwicklung finde ich ein bisschen zu forciert. Er trifft Albert im Wald, nimmt ihn auf und rückt schon am zweiten Tag auf dem Hof mit seinem Vorschlag heraus. Die beiden kennen sich da praktisch gar nicht. Klar, im Dorf wird geredet, der Druck ist groß. Vielleicht hat Fritz auch schon länger mit der Idee gespielt. Trotzdem ist mir das arg schnell. Fritz liefert zwar ein paar Analogien aus der Tierwelt und behauptet, es würde ihm nichts ausmachen, aber man merkt schon da, dass ihn sein eigener Vorschlag eigentlich völlig fertigmacht. Im späteren Verlauf gibt sich das aber, weil dann die Dynamik zwischen den dreien stimmt.

Christian Friedel spielt Albert sehr zurückhaltend und übervorsichtig. Albert vergisst zu keinem Zeitpunkt, welche Gefahr außerhalb des Hofes auf ihn lauert. Deshalb will er es sich mit seinen Gastgebern auch nicht verscherzen. Über weite Strecken kommt er sympathisch rüber. Das liegt an der Dynamik mit Emma, aber natürlich auch daran, dass er auf der Flucht ist. Dass auch er Dreck am Stecken hat, mochte ich erst gar nicht so richtig glauben. Ich spoilere jetzt mal nicht, aber so viel: mich hat die Handlung, die 1945 spielt, ziemlich geschockt.

Szenenbild aus ENDE DER SCHONZEIT - Regie: Franziska Schlotterer - Fritz (Hans-Jochen Wagner) und Albert (Christian Friedel) - © Farbfilm Verleih
Fritz (Hans-Jochen Wagner) und Albert (Christian Friedel) – © Farbfilm Verleih

Mittel zum Zweck

Schlotterer bindet die Handlung in eine Rahmenhandlung ein: In den Siebzigern reist Bruno (Max Mauff), Emmas Sohn, nach Israel und steht dort dem älteren Albert (Rami Heuberger) gegenüber, der ihm dann von seiner Zeit in Deutschland erzählt. Durch diesen Überbau weiß man von Anfang an, dass Albert überleben wird, was ich erzähltechnisch nicht so sauber gelöst finde. Offen bleibt aber, ob er wie geplant über die Schweiz entkommt oder auf anderem Weg. Die Bedrohung für seine Person wirkt trotzdem sehr real. Etwa wenn Verwandte von Fritz im Schuppen herumlaufen, in dem sich Albert gerade versteckt. Oder wenn Fritz mal wieder einen über den Durst trinkt. Dann schwingt immer die Gefahr mit, dass er sich im Suff verplappern könnte. Die Rahmenhandlung ist erst am Ende stark, wenn durch Brunos Nachforschungen neue Erkenntnisse ans Licht kommen. Die Spannung bleibt durchweg hoch, und den Wendepunkt kurz vor Ende habe ich gar nicht kommen sehen.

Szenenbild aus ENDE DER SCHONZEIT - Regie: Franziska Schlotterer - Emma (Brigitte Hobmeier) - © Farbfilm Verleih
Emma (Brigitte Hobmeier) – © Farbfilm Verleih

Nüchterne Bilder

Bildgewaltig ist ENDE DER SCHONZEIT nicht besonders. Die Kamera setzt eher auf nüchterne Bilder, die durch den Alltag auf dem Hof geprägt sind. Der Hof fühlt sich an wie ein „echter“ landwirtschaftlicher Betrieb. Einige Kritiker haben bemängelt, dass auf einem Schwarzwaldhof Hochdeutsch statt Mundart gesprochen wird. Mir ist das beim Schauen gar nicht aufgefallen. Und ganz ehrlich: Wer von Schauspielerinnen und Schauspielern Schwäbisch verlangt, muss am Ende den kompletten Film untertiteln. In den sauren Apfel muss man wohl beißen. Entweder man macht den Film authentisch oder verständlich. Unterm Strich bin ich ziemlich begeistert. ENDE DER SCHONZEIT ist ein leises, kluges und bis zum Schluss packendes Drama. Kleine Schwächen wie der holprige Einstieg kann man dem Film verzeihen.

ENDE DER SCHONZEIT ist aktuell (Stand: 08.10.2026) im Angebot von Prime Video enthalten.

9/10

Bewertung: 9 von 10.

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