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Kritiken zu Filmen, Serien und Theater

Drama, Komödie

All I Never Wanted (OmU, 2019)

Szenenbild aus ALL I NEVER WANTED - Nina (Lida Freudenreich) - © Filmfest München

Nina (Lida Freudenreich) - © Filmfest München

Bei deutschen Filmen bin ich traditionell immer ein bißchen vorsichtig, besonders wenn es sich dabei um Abschlussarbeiten von Filmhochschulen handelt. Entweder kommt dabei etwas Neues und Sehenswertes heraus oder irgendwas undefinierbares Sperriges oder Experimentelles, das für den Massenmarkt nicht geeignet ist. Der Abschlussfilm von Leonie Stade und Annika Blendl, zugleich schon der dritte gemeinsame Film, ALL I NEVER WANTED gehört allerdings zu der sehenswerten Kategorie. In diesem Film spielen sich die beiden Regisseurinnen selbst. Ihre filmischen Alter Egos möchten eine Dokumentation über das 18-jährige Nachwuchsmodel Nina (Lida Freudenreich) und die 42-jährige Schauspielerin Mareile (Mareile Blendl) drehen. Während Nina in Mailand versucht in das schwierige Modelbusiness einzusteigen, kämpft Mareile mit ihrem Beruf. Nachdem sie episch in einer Fernsehserie „gestorben wurde“, muss sie einen schlechten Job an einem Provinztheater in Lindau annehmen. Nachdem sich herausstellt, dass beide Geschichten nicht wirklich erfolgsversprechend sind, macht der Produzent Christian (Mathias Herrmann) den Regisseurinnen Druck.

Szenenbild aus ALL I NEVER WANTED - Mareile (Mareile Blendl) denkt über eine Schönheitsoperation nach. - © Filmfest München
Mareile (Mareile Blendl) denkt über eine Schönheitsoperation nach. – © Filmfest München
Alles für die Follower

Blendl und Stade kommen beide von Dokumentarfilm – sie studieren Dokumentarfilm an der HFF. Ihr Abschlussfilm ist aber eine spannende Mischung aus Fiktion und Dokumentarfilm. Rein äußerlich kommt der Film wie ein Dokumentarfilm daher. Wackelkamera, strenge Schnitte, ein gesellschaftlich relevantes Thema. Und doch ist der Film zu 70% gescripted und viele Elemente waren von der Realität inspiriert. Lida Freudenreich, die Nina spielt, ist tatsächlich Model und ließ sich bei ihren Castings filmen. Auch Mareile Blendl ließ eigene Erfahrungen aus ihrer Arbeit als Schauspielerin in ihre Filmversion von sich selbst einfließen. Die beiden Regisseurinnen verwischen aber ziemlich viele Spuren. Teilweise wurden sogar in den fiktionalen Teilen die Gesichter von Models verfremdet, um dem Film eine besonders dokumentarischen Anschein zu geben. Dieses Spiel gelingt nahezu perfekt. Lediglich der Abspann gibt Aufschluss darüber, dass hier getrickst wurde. Ich habe bisher noch nie eine solche Mischform gesehen, aber es macht wahnsinnig Spaß herumzurätseln, was dokumentarisch und was erfunden ist.

Szenenbild aus ALL I NEVER WANTED - Mareile (Mareile Blendl) und ihre Theatergruppe - © Filmfest München
Mareile (Mareile Blendl) und ihre Theatergruppe – © Filmfest München
Was ich niemals tun wollte

Ein Motiv, das der Film immer wieder aufgreift, ist die Jungfrau. Mareile soll in einem Theaterstück die Jungfrau von Orleans spielen (Fun Fact: Mareile Blendl spielte 2017 tatsächlich diese Rolle in Bregenz). Das Motiv der unschuldigen, aber starken Frau wird auch immer wieder in der Modelbranche aufgegriffen. Wie es der Titel ALL I NEVER WANTED schon verrät, geht es in diesem Film um vier Frauen, die allesamt einen „Traumberuf“ ausüben, der von außen betrachtet Glamour, Reichtum und Berühmtheit verspricht. Dennoch müssen alle vier, jede auf ihre Weise, einsehen, dass sie – selbst wenn sie ihr Ziel erreichen – einen Preis dafür zahlen müssen. Die Regisseurinnen gehen mit Eifer ans Werk, müssen aber um Geldgeber bitten, die sie unter Druck setzen oder gar noch belästigen. Das Model spürt den Leistungsdruck und möchte den Anforderungen der Branche genügen. Obwohl sie keine Nacktbilder machen möchte, wird sie zunehmend in diese Richtung gedrängt. Die Schauspielerin, die in einer erfolgreichen Krimi-Serie durch eine jüngere Version ersetzt wird, denkt bei ausbleibenden Rollenangeboten plötzlich an eine Schönheits-OP. Der schöne Schein wird entzaubert. Und das geht am besten mit Humor. Die Situationskomik ist herrlich entwaffnend. Wenn der cholerische Regisseur Mareile anbrüllt und später lammfromm um Verzeihung bittet, weil er erfahren hat, dass jemand vom Burgtheater im Publikum sitzt, wird die Scheinheiligkeit so richtig deutlich.

5.5/6 bzw. 9.5/10

Der Film hat momentan noch keinen Starttermin. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er vielleicht noch im BR läuft, da dieser auch Geld gegeben hat. Desweiteren möchte ich gerne noch den Blog von Mareile Blendl empfehlen, auf den ich im Zuge meiner Recherche zu diesem Film gestolpert bin. Ihr Post über → Schauspieler auf der Berlinale war schön und amüsant geschrieben.

Clip: © Filmfest München

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