Ich kann mich nicht erinnern jemals einen kroatischen Film angesehen zu haben. Aber dieser hier – mein erster: THE CONSTITUTION – war einfach unfassbar gut. Die Geschichte handelt von Nachbarn in einem Apartmenthaus in Zagreb. Am liebsten hätten sie gar nichts miteinander zu tun. Vjeko Kralj (Nebojsa Glogovac) ist Gymnasiallehrer und Transvestit. Als er auf dem Nachhauseweg auf der Straße von Hooligans verprügelt wird, landet er im Krankenhaus. Dort trifft er auf seine Nachbarin Maja Samardžić (Ksenija Marinković). Sie arbeitet dort als Krankenschwester und pflegt ihn auch nach seiner Entlassung weiter. Maja trifft dadurch auch auf Vjekos bettlägrigem Vater (Bozidar Smiljanic).

Filmstill von THE CONSTITUTION - Vjeko wird verprügelt - © Filmfest München 2017

Vjeko wird verprügelt – © Filmfest München 2017

Maja bittet Vjeko kurz darauf ihrem Ehemann Ante (Dejan Acimovic) bei den Vorbereitungen für die Prüfung zum höheren Polizeidienst zu unterstützen. Hierfür muss er die kroatische Verfassung auswendig aufsagen können. Doch die beiden Männer geraten zunächst nur in Streit. Vjeko ist nämlich kroatischer Nationalist und Ante Serbe. Maja wird zur treibenden Kraft und zwingt die Beiden sich miteinander auseinanderzusetzen. Langsam wächst das Verständnis füreinander, das Vjeko am Ende das Leben retten wird.

The Constitution: Eine Milieustudie über Hass

Das was im Großen mit jedem Jahr schlimmer und schlimmer wird – die Abschottung in Kombination mit Hass auf alles Andere – wird in THE CONSTITUTION auf ein Mehrparteienhaus heruntergebrochen. Der Film trägt die programmatische Tagline  „A love story about hate“. Grlic geht es um die Kultur des Hasses, die in seinem Land herrscht. → In keinem anderen EU-Land emigrieren mehr gebildete Bürger als in Kroatien. Nicht nur gegen die Serben wird mobil gemacht, auch gegen die „üblichen Verdächtigen“ (Juden, Homosexuelle, Zigeuner).

Filmstill aus THE CONSTITUTION - Maja, Vjeko und Ante - © Filmfest München 2017

Maja, Vjeko und Ante – © Filmfest München 2017

Wie länderübergreifend dieser Hass auf alles Andersartige ist, zeigt sich nicht nur in Kroatien, sondern auch in anderen Ländern Europas – jüngst bei den Wahlen in Österreich. Dem Film gelingt es dank einem fantastischen Drehbuch diese Abschottungen sichtbar zu machen und anschließend einzubrechen. Wie auch die Nachbarn kommt der Zuschauer dahinter, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat: Maja und Ante sind kinderlos und wollen unbedingt ein Kind adoptieren. Vjeko muss sich um seinen bettlägerigen Vater kümmern, der ihn aber verabscheut und permanent mit Beleidigungen bedenkt.

Abgrenzungen und Paradoxie sichtbar machen

Der Film offenbart auch die Paradoxie von nationalistischem Gedankengut. Ante, der gegen Albaner, Juden und Zigeuner wettert, soll ausgerechnet die kroatische Verfassung auswendig lernen, in der allen Bürgern die Achtung der Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit zugesichert wird. THE CONSTITUTION erzählt eine starke Geschichte, die kaum Längen hat, mit einem grandiosen Cast.

Filmstill aus THE CONSTITUTION - Nebojsa Glogovac als Vjeka/Katarina - © Filmfest München 2017

Großes Kino: Nebojsa Glogovac als Vjeka/Katarina – © Filmfest München 2017

Besonders hervorzuheben ist dabei Nebojsa Glogovac, der die Hauptrolle in allen Fassetten großartig ausspielt. Egal, ob als Lehrer oder als sein weibliches Alter Ego Katarina, gelingt ihm der Spagat zwischen Strenge und Güte außerordentlich gut. Die Zerrissenheit, die aus der Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen und den eigenen, individuellen Wünschen entsteht, wird in nahezu jeder Szene deutlich. Ich hatte das große Glück den Film auf dem Filmfest München zu sehen. Leider gibt es den Film bislang nicht auf Blu-Ray oder DVD und auch bei Streaminganbietern habe ich den Film nicht entdeckt. Wirklich schade, denn dieser Film wird sicherlich nicht nur mir gefallen.

5.5/6 bzw. 9/10

Trailer: © Latido Films