Kennt ihr diese überfreundlichen Verkäufer? Diejenigen, die ein bißchen zu glücklich und ein bißchen zu begeistert von ihrem Job sind? Diese “Sales Manager”, deren aufdringliche Freundlichkeit einfach nur nervt? Habt ihr ein Bild vor Augen? Genauso ging es mir mit THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS. Alles ist ein bißchen zu freundlich, zu kitschig, zu opulent. Aber egal, nicht lange drüber nachdenken – hier gibt’s noch ein bißchen cineastischen Zuckerguss obendrauf. Natürlich gratis. Versteht sich doch von selbst. Die Verkäufer von Disney sind Vollprofis. Seit mehreren Generationen verkaufen sie schon märchenhafte Geschichten an Jung und Alt. Umso überraschender ist dann dieses Fantasy-Abenteuer, bei dem man zwar nicht gelangweilt, aber auch nicht gefordert wird. Die übliche Disney-Magie sucht man vergeblich, doch die erwartet man eigentlich bei einem Weihnachtsabenteuer wie diesem.

Szenenbild aus DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE - THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS (2018) - zenenbild aus DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE - THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS (2018) - Mother Ginger (Helen Mirren) - © Disney

Mother Ginger (Helen Mirren) – © Disney

Es war einmal eine magische Welt…

Wie gefühlt jede fantastische Geschichte der jüngeren Filmgeschichte – *hüstel* CHRISTOPHER ROBIN *hüstel* PADDINGTON *hüstel* HARRY POTTER *hüstel* – spielt die Geschichte in London. Ende des 19. Jahrhunderts bekommt die aufgeweckte Clara (Mackenzie Foy) ein mechanisches Ei geschenkt, das ihr ihre kürzlich verstorbene Mutter Marie (Anna Madeley) hinterlassen hat. Clara kann das Ei aber nicht öffnen, denn das geht nur mit einem speziellen Schlüssel. Auf der Weihnachtsfeier ihres Patenonkels Drosselmeyer (Morgan Freeman) findet sie zwar den Schlüssel, doch der wird ihr kurz darauf von einer frechen Maus wieder abgenommen. Clara nimmt die Verfolgung auf und landet in einer magischen Welt, die aus vier Reichen besteht. Zwischen den Reichen herrscht Unfrieden. Die Zuckerfee (Keira Knightley) will die Bewohner der Reiche vor der tyrannischen Mother Ginger (Helen Mirren) beschützen. Clara schließt sich zunächst der Zuckerfee an, kommt aber zusammen mit dem loyalen Nussknacker-Soldaten Philipp (Jayden Fowora-Knight) einem Komplott auf die Spur.

Szenenbild aus DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE - THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS (2018) - Philipp (Jayden Fowara-Knight) und Clara (Mackenzie Foy) - © Disney

Philipp (Jayden Fowara-Knight) und Clara (Mackenzie Foy) – © Disney

Disney kann keine Märchen mehr?

Disney kann Märchen – das ist ungeschriebenes Gesetz. Oder vielleicht konnten sie mal Märchen und es hat zwischenzeitlich keiner gemerkt, dass es nicht mehr so rund läuft. Allein schon die Tatsache, dass man hier den Regisseur Lasse Hallström ans Ruder ließ, spricht schon nicht für den Film. Hallström fiel in der Vergangenheit durch die mittelmäßigen Verfilmungen von luftig-leichten Stoffen wie z.B. LACHSFISCHEN IM JEMEN auf. Von Wohlfühlkino wird meist in Zusammenhang mit seinen Filmen geredet. Nachdem Hallström aber keine Zeit für die Nachdrehs hatte, musste ihn CAPTAIN AMERICA-Regisseur Joe Johnston vertreten. In der Post-Produktion arbeiteten beide dann wieder zusammen. Herausgekommen ist ein Film, der zwar unterhält, aber keinen langfristigen Mehrwert hat. Es fehlt THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS an beeindruckenden Momenten, die sich ins Gedächtnis brennen.

Szenenbild aus DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE - Richard E. Grant is Shiver, Keira Knightley is The Sugar Plum Fairy, Eugenio Derbrez is Hawthorne and Mackenzie Foy is Clara in Disney’s THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS.

Shiver (Richard E. Grant), die Zuckerfee (Keira Knightley) und Hawthorne (Eugenio Derbrez) wollen von Clara Neues erfahren. – © Disney

Schöne Kostüme, schöne Tänze

Dabei mangelt es dem Film nicht an Schauwerten. Jenny Beavan, zweifache Oscar-Gewinnerin für bestes Kostüm – zuletzt für MAD MAX: FURY ROAD – hat bereits den letzten Disney-Film CHRISTOPHER ROBIN ausgestattet. Hier darf sie so richtig in die Farbkiste greifen. In zahlreichen Szenen sind über fünfzig Leute zu sehen, die allesamt unterschiedliche Kleider tragen. Das ist schon sehr beeindruckend. Gleiches gilt auch für die Balletttänzerin Misty Copeland, die in prominenter Weise auftritt und einen großen Teil der Narration durch einen Balletttanz übernimmt. Der starke Fokus auf das Ballett ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass “Der Nussknacker” eigentlich ein Ballett von Tschaikowski ist, das wiederum auf der Erzählung “Nussknacker und Mausekönig” von E. T. A. Hoffmann basiert. Auch die hochkarätige Besetzung kann aus diesem Mischmasch nicht mehr viel machen. Am ehesten überzeugt noch Keira Knightley als Zuckerfee mit Hintergedanken.

3/6 bzw. 5/10

Trailer: © Disney Deutschland