Poor Things (2023)

Ich stimme ja nicht immer mit Wolfgang M. Schmitt überein, aber dass POOR THINGS → „die bessere Barbie ist“ würde ich sofort so unterschreiben. Ich habe von Giorgos Lanthimos‘ neustem Film zum ersten Mal im Rahmen der Berichterstattung vom Filmfestival in Venedig gehört. Der Film hatte dort den Goldenen Löwen abgeräumt. Meine Gefühle zu Lanthimos‘ Filmen sind etwas ambivalent. Einerseits finde ich seine unkonventionelle Art faszinierend, andererseits sind seine Werke manchmal fast zu abstrakt für meinen Geschmack. POOR THINGS hat trotzdem irgendwie mein Interesse geweckt. Im Zentrum der Geschichte steht die junge Frau Bella Baxter (Emma Stone), die vom exzentrischen Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) zum Leben erweckt wird. Bella, begierig die Welt zu entdecken, begibt sich mit dem Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) auf eine abenteuerliche Reise. Ihre Erlebnisse führen sie durch verschiedene Städte und wird für Bella ein Selbstfindungstrip.

Szenenbild aus POOR THINGS (2023) - Max McCandles (Ramy Youssef) wird von Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) mit der Betreuung von Bella beauftragt. - © Searchlight Pictures
Max McCandles (Ramy Youssef) wird von Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) mit der Betreuung von Bella beauftragt. – © Searchlight Pictures

Schöne, fantasievolle Welt

Die Bilder von POOR THINGS haben mich sofort gefangen genommen. Lanthimos entführt sein Publikum in eine fantasievolle, detailreiche Welt, die aber hin und wieder auch etwas skurril und befremdlich wirkt. Es dauert ein bißchen, sich auf diese groteske und zugleich faszinierende Welt einzulassen. Hat man den Schritt erst einmal getan, entfaltet der Film seinen ganzen Charme. Überall gibt es etwas zu sehen. Vom Baxterhaus mit seinem imposanten Treppenhaus mit fantasievollen Wandgemälden geht das dann hinaus in die Welt. In Fantasieversionen von Lissabon, Alexandria und Paris, die zeitgleich Klischees und Wunschtraum miteinander verbinden, werden jeweils unterschiedliche Atmosphären kreiert, die wahlweise Lust auf portugiesische Vanilletörtchen oder auf wilde Tanzeinlagen Lust machen. Die 11 Oscar-Nominierungen, die der Film erhalten hat, sind absolut gerechtfertigt. Besonders hervorzuheben sind das Makeup, die Kostüme und die Sets – alles ist bis ins kleinste Detail wortwörtlich fantastisch. Trotz einer Laufzeit von 141 Minuten bleibt diese Fantasy-Dramödie fesselnd und kurzweilig, auch wenn sich die Handlung an wenigen Stellen etwas zieht.

Szenenbild aus POOR THINGS - Bella Baxter (Emma Stone) - © 2023 Searchlight Pictures All Rights reserved
Bella Baxter (Emma Stone) – © 2023 Searchlight Pictures All Rights reserved

Zum Leben erweckt

Auch die schauspielerischen Leistungen sind durchweg beeindruckend. Emma Stone brilliert in der Rolle der Bella Baxter und zeigt eine beeindruckende Bandbreite von Emotionen. Von kindlich-naiver Neugier und Experimentierfreude bis hin zu selbstbewusstem Auftreten. Willem Dafoe als Dr. Godwin Baxter gelingt es eine Mischung aus liebevoller Vaterfigur und verrücktem Wissenschaftler zu spielen. Sicherlich tut auch → seine fantastische Maske (hier mal ein Making of-Video) ihr Übriges. Auch Mark Ruffalo macht als draufgängerischer Duncan Wedderburn eine gute Figur, auch wenn ich etwas unglaubwürdig fand, wie Bella und er sich zum ersten Mal treffen und die weiteren Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Duncan lernt Bella nur kurz kennen und beschließt kurzerhand mit ihr durchzubrennen. Diese zwielichtige Natur seiner Rolle kann er dann im weiteren Verlauf sehr viel besser ausspielen. Zu guter Letzt muss ich auch noch Ramy Youssef loben, denn er übernimmt zu Beginn des Films die Rolle des Publikums. Er wird – wie die Zuschauenden – in diese fremde Welt geworfen und ist immer wieder ein Referenzpunkt im Sinne von „wie hätte ich in seiner Lage reagiert?“. Auch seine Interaktionen mit Bella sind immer sehr liebevoll.

Szenenbild aus POOR THINGS (2023) - Bella  Baxter (Emma Stone) - © Searchlight Pictures
Bella Baxter (Emma Stone) – © Searchlight Pictures

Frankensteins Erbin und ihre Emanzipation

Lanthimos liefert mit der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Alasdair Gray eine interessante Neuinterpretation der klassischen Frankenstein-Geschichte. Der Film thematisiert die Emanzipation der Frau in einem viktorianischen Setting, was Bellas Transformation umso eindrucksvoller wirken lässt, weil sie aufgrund des damaligen Weltbildes (= die Frau ist in erster Linie Hausfrau und Mutter und muss sich dem Ehemann und seinen Wünschen unterordnen) immer wieder an Grenzen kommt und deshalb diese Grenzen auch hinterfragt. Ihre Überwindung gesellschaftlicher Konventionen unterstreichen das starke, selbstbewusste Frauenbild, das den Film durchzieht. Die Wahl, Bellas Emanzipation auch durch ihre explizit dargestellte sexuelle Selbstbestimmung darzustellen, mag der ein oder andere kritisch betrachten. Dennoch macht der Film damit auch wichtige Fragen zur Darstellung weiblicher Autonomie und Freiheit auf. Eine meiner Lieblingsszenen ist in diesem Zusammenhang dieser Moment in Paris. Bella steht auf dem Balkon. Sie hat sich finanziell wie auch emotional von Duncan unabhängig gemacht. Und Duncan steht unten auf der Straße und fleht, sie möge ihn zurücknehmen. Ihre souveräne Abweisung entlarvt die Fragilität von Duncans Männlichkeit, die sich in diesem Moment in Rauch auflöst.

9/10

Bewertung: 9 von 10.

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