The hour you can’t miss

Man bekommt den Eindruck, dass heutzutage alles eine Nachricht ist. Wir erfahren, wer gerade wen datet, wie viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, wer heiratet, welchen wissenschaftlichen Fortschritt es gibt und wer demnächst Kinder bekommt. Es ist eine Schwemme an Nachrichten. Sobald etwas passiert, muss sofort ein passender Artikel dazu geschrieben und veröffentlicht werden. Falschmeldungen werden immer häufiger, Prominente werden medial für tot erklärt und tauchen doch gerne mal wieder auf. Manch einer mag sich da die guten alten Zeiten zurückwünschen. Als man noch die Zeit hatte Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit und Schlüssigkeit zu untersuchen. Juni 1956: Die BBC-Produzentin Bel Rowley (Romola Garai) bekommt die Möglichkeit ein neues Nachrichtenformat namens „The hour“ zu entwickeln. Ihr bester Freund, der unangepasste Journalist Freddie Lyon (Ben Whishaw) würde gerne die Sendung moderieren, muss aber den Platz für den charmanten Hector Madden (Dominic West) räumen, was zu ersten Unstimmigkeiten im Team (Anna Chancellor, Lisa Greenwood…) führt. Auch die Tatsache, dass Hector ein notorischer Alkoholiker ist und ständig seine Frau Marnie (Oona Chaplin) betrügt, tragen nicht sonderlich zu einem guten Arbeitsklima bei. Als Freddies Freundin Ruth Elms (Vanessa Kirby) tot aufgefunden und ihr Tod als Suizid abgetan wird, beginnt Lyon den Fall zu untersuchen. Dabei stößt er auf brisante Machtspiele, Verführung und Verschwörung in den höchsten Kreisen.

© Polyband

Die Rolle der Frau

Auch wenn Freddie Lyon der Hauptprotagonist ist, sind die Frauenrollen stark und unterschiedlich besetzt. Der Film zeigt die Schwierigkeit, mit denen Bel Rowley als Frau in einem verantwortungsvollen Beruf zu kämpfen hat. Selbst Freddie sagt zu ihr: „They don’t want a woman. A woman is difficult, hysterical. And you can never really find one who will ever stay. A couple more years, you’ll probably want a baby.“ Schockierend ist dabei, wie aktuell dieses Denken – die Serie spielt immerhin Mitte der 50er Jahre – immer noch ist. Auch der Gentlemen’s Club wird von Bel infrage gestellt: „What is it about you men? You alway need a tiny corner where we can’t quite reach you.“ Das könnte aber auch auf die begrenzten Jobmöglichkeiten der Frau bezogen sein. Freddie nennt Bel auch immer wieder Moneypenny, eine Anspielung auf die Sekretärin in James-Bond-Filmen, die außer Büroarbeit nicht viel zu sagen hat. Das absolute Gegenstück ist die von Ooona Chaplin gespielte Marnie Madden, die immer lächelt und immer perfekt gestylt die fürsorgliche Gastgeberin und Hausfrau gibt. Auch wenn sie weiß, dass ihr Ehemann sie betrügt, lässt sie sich nichts anmerken. Ein weiterer Frauentyp ist Lix Storm, die Krisenreporterin, die für ihren Job lebt, sich aber der Möglichkeit einer kurzweiligen Affäre nicht verschließt.

Freddie (Ben Whishaw) und Lix (Anna Chancellor) – © Polyband

Authentische Zeitreise

Der Vorwurf der Selbstbeweihräucherung liegt nahe. Die BBC produziert eine Mini-Serie über die Arbeit der BBC. Und auch die Kritiker waren sich anfangs nicht ganz sicher, was sie von der ersten Staffel halten sollen. In der Tat dauert es eine Weile bis alle Charaktere vorgestellt sind und ohne Sympathie für Geschichtsfilme wird die Begeisterung ebenfalls recht schnell verschwinden. Doch THE HOUR hat eine Geheimwaffe und das ist der großartige Cast, allen voran natürlich Ben Whishaw, der als begeisterter Investigativreporter so viel Energie versprüht, dass man schnell auf seiner Seite ist. Selbst die kleinsten Nebenrollen sind mit Juliet Stevenson und Andrew Scott hochrangig besetzt.  Die Charakterentwicklung ist von Folge zu Folge, die passenderweise ebenfalls jeweils eine Stunde dauert, deutlich sichtbar. Nach einem starken Start verliert THE HOUR etwas an Fahrt, was hauptsächlich durch die vielen unterschiedlichen Handlungsstränge begründet ist. Anstatt sich auf einen Fall, z.B.  den Tod von Ruth Elms, zu konzentrieren, werden nicht nur die Beziehungen unter den BBC-Kollegen zum Thema gemacht, sondern auch weltpolitische Umbrüche. Dies nimmt der eigentichen Geschichte etwas den Wind aus den Segeln und sorgt dafür, dass alle wesentlichen Wendepunkte in die letzte Folge gepresst werden.

Starker Cast, spannende Story (4.5/6)

Trailer: © BBC