Dreizehn Minuten

Mit der Zeit ist das ja so eine Sache. Manchmal vergeht sie zu schnell, mal zu langsam, mal scheint sie stillzustehen. Aus Blockbustern mit Countdownbombe weiß jeder Kinozuschauer wie quälend Zeit sein kann. Wird es der Held noch schaffen, die Bombe rechtzeitig zu entschärfen? In Oliver Hirschbiegels neustem Historienfilm ist alles ein bißchen anders. Er behandelt die wahre Geschichte eines Bombenbauers, dem am Ende dreizehn Minuten fehlten. Leider. Denn am 9. November 1939 am Jahrestag des → Hitlerputsches unternahm Georg Elser (Christian Friedel) den Versuch Adolf Hitler töten. Dieser hielt traditionell im Münchner Bürgerbräukeller eine flammende Rede vor seinen treuen Anhängern, verließ den Veranstaltungsort aber früher als gedacht. Die Bombe, welche Elser zuvor in einer Säule hinter dem Redenerpult versteckt hatte, zündete dreizehn Minuten zu spät. Im festen Glauben der Führer sei tot, versucht er schließlich über die Schweizer Grenze zu gelangen, was allerdings scheitert. Er wird dem Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt Arthur Nebe (Burghart Klaußner) und dem Gestapochef Heinrich Müller (Johann von Bülow) überstellt. Sie wollen alles über die Motivation des Attentäters wissen und können gar nicht glauben, dass Elser allein gehandelt hat.

© NFP

Denn niemand hat von dem geheimen Plan gewusst. In Rückblenden erfährt man von seiner Beziehung zur verheirateten Elsa (Katharina Schüßler), die sich aus Liebe sogar von ihrem unberechenbaren Mann Erich (Rüdiger Klink) scheiden lässt. Doch auch sie war nicht in den Plan eingeweiht. Und leider legt auch Oliver Hirschbiegel wenig Wert darauf, dem Zuschauer vom Attentat selbst zu erzählen, sondern fokussiert sich lieber auf die Liebesgeschichte zwischen Georg und Elsa. Diese bringt aber nur unnötigen Kitsch in die Geschichte. Archivaufnahmen werden zur Unterstreichung des historischen Kontextes verwendet sowie als „Film im Film“, wenn beispielsweise ein von der NSDAP ausgerichtetes Erntedankfest dazu genutzt wird um den Menschen vom Land die Filmtechnik vorzuführen. Die  starken Szenen finden eigentlich nach dem Attentat statt. Nachdem Müller und Nebe sich nach einem weiteren Verhör Elsers, das keine neuen Erkenntnisse erbringt, unterhalten, sagt Nebe: „Du kannst nicht mehr aus ihm herauskriegen als die Wahrheit.“ „Wir legen die Wahrheit fest.“ antwortet Müller und erklärt damit das System Nationalsozialismus in einem Satz. Auch die Absurdität dessen wird immer wieder thematisiert. Besonders deutlich wird das in der Szene, in der ein Fotograf ein offizielles Foto zu Propagandazwecken schießen soll, auf dem Elser Nebe und Müller zeigen soll, wie er die Bombe gebaut hat. Der Fotograf gibt Regieanweisungen bis alle so stehen, wie sie sollen.

© NFP

Gerade in Gewaltszenen hält die Kamera gnadenlos drauf. Die gewalttätigen Verhörmethoden der Nazis werden ebenso drastisch ins Szene gesetzt wie eine Erhängung; eine schier ewig lange Einstellung, die schwer auszuhalten ist. Solche Szenen sollen wohl den Kontrast zum gefühlsbetonten Restfilm darstellen. Christian Friedel gibt dem lange unbekannten Widerstandskämpfer ein Gesicht. Glaubwürdig verkörpert er Georg Elser und ergründet mit minimalistischem Spiel dessen Motivation. Obwohl man am Spiel von Katharina Schüßler keine Fehler finden kann, so wird sie als die Frau zwischen zwei Männern immer wieder als Mittel zum Zweck inszeniert, etwa als Druckmittel um Elser zum Reden zu bringen oder als Absorptionsfläche für die Wut ihres Mannes. Das degradiert sie zur reinen Trophäe, was aber sicherlich auch am rührseligen Kontext liegt.

Zu kitschig und rührselig (4/6)

Titelbild und Trailer: © NFP Distribution