The Holdovers (2023)

Alexander Payne gehört zu diesen unscheinbaren Regisseuren, die kleine, aber feine Filme über menschliche Beziehungen machen. So richtig „kenne“ ich ihn erst seit seinem Film NEBRASKA. Als sein Name im Zusammenhang mit seinem neusten Film THE HOLDOVERS im Rahmen der Golden Globes- und Oscar-Berichterstattung wieder durch den Äther geisterte, war ich natürlich interessiert. Der Film spielt im Jahr 1970 an einer elitären Jungen-Internatsschule und folgt zunächst dem grantigen Lehrer Paul Hunham (Paul Giamatti), der über die Weihnachtsferien im Internat bleibt, um sich um eine kleine Gruppe von Schülern, die sogenannten „Holdovers“, zu kümmern. Diese Schüler können oder wollen aus verschiedenen Gründen über Weihnachten nicht nach Hause gehen. Im Zentrum der Geschichte steht die Entwicklung der Beziehung zwischen Hunham und dem Schüler Angus Tully (Dominic Sessa) sowie der Köchin Mary (Da’Vine Joy Randolph).

Szenenbild aus THE HOLDOVERS - Paul Hunham (Paul Giamatti) - © Universal Pictures International Germany GmbH
Szenenbild aus THE HOLDOVERS – Paul Hunham (Paul Giamatti) – © Universal Pictures International Germany GmbH

Retrofeeling der Entschleunigung

In THE HOLDOVERS nimmt Alexander Payne das Publikum mit auf eine Reise zurück ins Jahr 1970. Nicht nur visuell löst der Film mit seinen sepiahaften Bildern sofort ein Retrogefühl aus. Die Geschichte, die sich um Paul Hunham und seine Gruppe von „Holdovers“ dreht, mag auf den ersten Blick vertraut erscheinen – ein Narrativ über eine zusammengewürfelte Gruppe, die im Laufe der Zeit zusammenwächst, ist in der Kinogeschichte wahrlich kein unbetretenes Terrain. Dennoch, und das ist eine große Stärke des Films, entfaltet sich die Erzählung auf eine Art und Weise, die das Publikum dazu einlädt, am Ball zu bleiben. Denn trotz einer anfänglich gemächlichen Gangart lohnt sich die Geduld.

Szenenbild aus THE HOLDOVERS - Paul Hunham (Paul Giamatti) und Angus Tully (Dominic Sessa) - © Universal Pictures International Germany GmbH
Paul Hunham (Paul Giamatti) und Angus Tully (Dominic Sessa) – © Universal Pictures International Germany GmbH

Retroklänge und Vintage-Bilder

Die musikalische Untermalung, eine melancholische Mischung aus Gitarrensounds, mal von Cat Stevens, mal bekannte Weihnachtsliedern, trägt maßgeblich zur Stimmung des Films bei. Die Musik verstärkt das 70er Jahre-Gefühl und auch die generelle Stimmung des Films. Vor Weihnachten und zwischen den Jahren ist es auch eher besinnlich, daher passt die Songauswahl perfekt zur gezeigten Zeit. Sie bildet das perfekte Pendant zur emotionalen Reise der Charaktere und verstärkt die nostalgische Atmosphäre, die THE HOLDOVERS umgibt. Auch visuell bleibt Payne der Vintage-Ästhetik treu. Damit katapultiert er sein Publikum direkt in die Vergangenheit. Auch die Locations tragen dazu bei. Man riecht förmlich die Sporthalle, den knackenden Holzboden und die Zimmer der Schüller im Internat.

Szenenbild aus THE HOLDOVERS - © Universal Pictures International Germany GmbH
© Universal Pictures International Germany GmbH

Dream-Trio

Paul Giamatti gewinnt momentan für seine Rolle des Lehrers Paul Hunham einen Filmpreis nach dem anderen – zuletzt einen Golden Globe. Und das zu Recht! Er liefert eine nuancierte Darstellung, die sowohl die strenge Reserviertheit als auch die unerwartete Wärme seines Charakters umfasst. In jeder Szene, ist wahnsinnig viel in seinem Gesicht los. Oder eben auch nicht, schließlich schaut zumindest ein Auge von Paul Hunham immer in eine leicht andere Richtung. Auch bei den Oscars 2024 ist Giamatti nominiert und wird sich wohl ein enges Rennen mit Cillian Murphy (OPPENHEIMER) um den Goldjungen liefern. Newcomer Dominic Sessa, in der Rolle des schwierigen Schülers Angus Tully, macht an der Seite von Paul Giamatti eine gute Figur. Sessa bringt eine Mischung aus jugendlicher Rebellionslust und emotionaler Verwundbarkeit auf die Leinwand. Da’Vine Joy Randolph, in der Rolle der Köchin Mary, sorgt nicht nur für Herz und Wärme, sondern verkörpert auch eine tiefere, gesellschaftliche Thematik, die im Hintergrund mitschwingt – den Vietnamkrieg. Durch ihre Figur werden die persönlichen Auswirkungen eines globalen Konflikts wie der Verlust des eigenen Sohnes auf subtile Weise thematisiert. Sie schafft es, eine Verbindung zwischen dem Mikrokosmos der Schule und den weitreichenden gesellschaftlichen Ereignissen der Zeit herzustellen.

Der Film läuft aktuell noch im Kino. Der Heimkinostart ist am 11. April 2024.

8/10

Bewertung: 8 von 10.

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