Partners in crime

Der Filmtitel ist leicht irreführend, denn J.C. Chandor zeigt hier weniger einen bluterfüllten Spannungsbogen, der sich über ein Jahr erstreckt, sondern vielmehr geht es um die Geschehnisse eines Monats im Jahr 1981 in New York. In diesem Jahr gab es die höchste Kriminalitätsrate in New York. Korruption, Diebstahl und Mord stehen an der Tagesordnung.  A MOST VIOLENT YEAR erforscht die Grauzonen hinter den Entscheidungen, die wir treffen, um voranzukommen, die Kompromisse, die wir zum Schutz unserer Familien akzeptieren und die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf das Leben anderer Menschen. Chandors Protagonist ist der Geschäftsmann Abel Morales (Oscar Isaac), der zusammen mit seiner Frau Anna (Jessica Chastain) eine Heizölfirma betreibt. Gerade als die Familie mit den drei Kindern in ein pompöses Anwesen zieht und er den Kaufvertrag für ein wichtiges Grundstück endlich in der Tasche hat, mehren sich die Probleme: Heizöltrucks werden überfallen und  Fahrer wie Julian (Elyas Gabel) dabei übel hergerichtet. Zudem beginnt der Staatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) gegen die Firma wegen Korruption und Steuerhinterziehung zu ermitteln. Und plötzlich taucht auch noch Schwarzgeld auf und Morales‘ Bank fällt als Kreditgeber aus. Auch der Anwalt der Familie Andrew Walsh (Albert Brooks) weiß gar nicht, wo er zuerst anfangen soll. Abel versucht alles um nicht auf die schiefe Bahn zu geraten, doch die Zeiten sind hart.

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Rennen, einfach immer weiter rennen. J.C. Chandor lässt seine Protagonisten immer wieder rennen. Mal ist es einfaches Joggen, mal ein Flüchten vor der Polizei, aber immer wieder Rennen. Bloß nicht stehenbleiben. So hektisch wird es dann im Film aber doch nicht. Insgesamt ist die Tonspur sehr dominant. Quietschende Reifen, Rauschen, Großstadtlärm. Im Hintergrund laufen immer wieder Radioberichte von immer mehr Toten und neuen Überfällen, die man irgendwann nur noch abgestumpft wahrnimmt. Immer wieder kommt es zu Überraschungsmomenten, weil insbesonders überfallartige Gewaltsszenen zu sehen sind, mit denen man vorher nicht rechnet. Und dann ist da wieder diese Stille, von der man weiß, dass sie nur ein übler Vorbote für weitere Verbrechen ist.

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Oscar Isaac zeigt einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit. Man mag gar nicht meinen, dass der erfolglose, introvertierte Sänger aus dem Coen-Werk INSIDE LLEWYN DAVIS und dieser erwachsene, integere Geschäftsmann ein und dieselbe Person sind. Aber Filmehefrau Jessica Chastain steht ihm in nichts nach. Sie kann sowohl die liebevolle Mutter, die unschuldige Sekretärin und die toughe Lady spielen, was ihr eine Golden Globe-Nominierung als beste Nebenrolle eingebracht hat. Die Chemie zwischen Isaac und Chastain ist zu spüren, was sicherlich auch daran liegt, dass sich beide bereits aus dem Schauspielsstudium kennen. Auch wenn beide beweisen wie fürsorglich ihre Charaktere sind, so werden die drei Kinder immer mehr zur Ausrede für zweifelhaftes Verhalten. Man müsse die Familie beschützen, daher bliebe keine andere Wahl so zu handeln, und obwohl die Kinder dadurch immer Thema sind, so tauchen sie optisch selten auf. Chandor inszeniert seine Geschichte im winterlichen New York, das mit seinen heruntergekommen Industriegebieten die ideale Kulisse bietet. Leider zieht sich der Film besonders gegen Ende sehr, was die starken schauspielerischen Leistungen etwas schmälert. Ein flottere Erzählweise hätte dem Film gut getan.

Sezierung eines Aufstiegs (4.5/6)

Titelbild und Trailer: © SquareOne/Universum