Es gibt Filme, die eine Geschichte ganz leise erzählen und sich trotzdem ins Gedächtnis brennen. ROSE von Markus Schleinzer gehört zu dieser Sorte Film. Die Weltpremiere des Films fand im Rahmen der 76. Berlinale statt. Sandra Hüller hat für ihre Hauptrolle den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin gewonnen. Und jetzt, wo ich den Film gesehen habe, verstehe ich warum. Die Geschichte klingt vielleicht gar nicht so spannend. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges taucht ein rätselhafter Soldat in einem abgelegenen protestantischen Dorf auf und behauptet, der rechtmäßige Erbe eines lange vergessenen Gutshofs zu sein. Die Gemeinde steht dem Fremden mit der Narbe im Gesicht zunächst skeptisch gegenüber. Die Bestrebungen des gottesfürchtigen Mannes nach Anerkennung und Zugehörigkeit werden durch ein düsteres Geheimnis erschwert: Er hat sich eine falsche Identität, einen anderen Namen und sogar ein anderes Geschlecht zugelegt, um in das Dorf zu gelangen. Rose (Sandra Hüller), so wie der Soldat wirklich heißt, schreckt vor nichts zurück, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei geht sie sogar eine arrangierte Ehe mit Suzanna (Caro Braun) ein, der Tochter des Großbauern (Godehard Giese).

Eine Geschichte über persönliche Freiheit
ROSE erzählt im Kern eine Geschichte von persönlicher Freiheit, Identität und dem unbedingten Willen, über das eigene Leben selbst zu bestimmen. Das klingt jetzt erstmal sehr pathetisch. Doch Schleinzer, der gemeinsam mit Alexander Brom auch das Drehbuch geschrieben hat, inszeniert das ganz behutsam und langsam. Trotzdem ist ist es nicht langweilig. Jede Szene darf atmen. Jeder Blick zwischen zwei Menschen bekommt seinen Raum. Das Bild ist dabei in strengem Schwarz-Weiß gehalten, was man sowohl als Stilmittel für die Zeit, in der der Film spielt, sehen kann, aber auch für das Schwarz-Weiß-Denken der Dorfgemeinschaft. Es entzieht dem historischen Stoff zudem jede dekorative Gemütlichkeit. Kein warmes Kerzenlicht, das zum Zurücklehnen einlädt. Keine saftigen Wiesen, die bestellt werden müssen. Stattdessen: Kontraste. Auch der sehr intime, vocal-lastige Soundtrack von Tara Nome Doyle mit Atemgeräuschen und leiser Frauenstimme steht im direkten Kontrast zur rauen Landschaft und harten Arbeit auf dem Hof. Die Ausstattung und die Kostüme von Doris Bartelt wirken dabei sehr durchdacht, sodass man das Gefühl hat, tatsächlich ins 17. Jahrhundert zu blicken. Nichts lenkt ab, nichts ist zu viel. Jedes Detail sitzt.

© Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film, Foto: Gerald Kerkletz
Eine Erzählerstimme, die ich mag
Ich bin grundsätzlich skeptisch, wenn Filme mit einer Erzählerstimme aus dem Off arbeiten. Das hat nämlich meistens zur Folge, dass manche Regieführende auf die Idee kommen, die Off-Stimme einfach alles sagen zu lassen, was das Publikum fühlen soll. Damit macht man es sich aber zu einfach. “Show, don’t tell” ist nicht ohne Grund ein wichtiger Rat für angehende Autorinnen und Autoren. Und im Fall von Filmen stemple ich das immer recht schnell als “lazy filmmaking” ab, wenn ein Regisseur zu exzessiv mit Off-Kommentar arbeitet. In ROSE gibt es zwar auch eine Erzählerstimme (Marisa Growaldt), die aber relativ spartanisch zum Einsatz kommt. Die Erzählerstimme hat in diesem Film die Aufgabe, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, ohne sie tatsächlich zeigen zu müssen. Das ist wohldosiert eingesetzt. Manchmal ist die eigene Vorstellungskraft noch grausamer als alles, was man auf der Leinwand zeigen könnte.

Sandra und Caro gegen alle Konventionen
Und dann ist da natürlich Sandra Hüller. Sie spielt Rose mit einer Körperlichkeit und einer stoischer Zurückhaltung. Rose redet wenig. Dafür erzählt Hüllers Körper umso mehr: die Anspannung, die ständige Angst vor Entdeckung, der trotzige Wille weiterzumachen. Besonders hat mir aber eine Szene gefallen, in der Rose einmal richtig wütend und laut sein darf. Die Dörfler stehen vor Roses Tür und verlangen, dass sie beweist, dass sie ein Mann ist. Daraufhin hält Rose eine flammende Rede, in der sie die einzelnen Dörfler anspricht und auf die gemeinsame Vergangenheit und die Vorteile ihrer Bekanntschaft hinweist. Der eine kann jetzt lesen, weil Rose es ihm beigebracht hat. Ob das denn gar nichts wert sei, fragt sie bockig. Ich verstehe, dass sie dafür mal wieder einen Preis für ihr Schauspiel bekommen hat. Neuentdeckung war für mich Caro Braun in ihrem Spielfilmdebüt als Suzanna. Sie hat vom Drehbuch auch ein bisschen mehr Charakterentwicklung bekommen, die sie voll ausspielen kann. Suzanna wird vom gottesfürchtigen, passiven Opfer patriarchaler Strukturen zur selbstbestimmten Partnerin. Auch wenn ROSE im letzten Drittel ein paar kleinere Längen hat, überzeugt dieser Film vollumfänglich. Alles ist stimmig. Und es macht wütend. Und wenn ein Film Emotionen auslöst, dann ist es ein guter Film.
Für alle, die auf den Heimkinostart warten wollen: der Film erscheint am 17. September 2026 auf Blu-Ray und DVD.
9.5/10



