Mercy (2026)

Eigentlich wollte ich nur mal kurz in etwas Seichtes reinschauen und nachdem Timur Bekmambetovs MERCY von Prime Video offensiv beworben wurde, habe ich mal reingeschaut. Entgegen meiner Erwartung hat mich der Film in den ersten zwei Dritteln sogar richtig gut unterhalten. In einer nahen, dystopischen Zukunft steht der LAPD-Detective Chris Raven (Chris Pratt) vor Gericht. Der Vorwurf: Er soll seine Frau Nicole (Annabelle Wallis) ermordet haben. Doch statt Geschworener und Anwälte wartet auf ihn nur die KI-Richterin Judge Maddox (Rebecca Ferguson). Ausgerechnet deren Einführung hat Raven einst selbst unterstützt. Nun leitet sie das Verfahren gegen ihn. Der Detective hat genau 90 Minuten, um seine Unschuld hieb- und stichfest zu beweisen. Schafft er das nicht, entscheidet die künstliche Rechtsprechung über sein Leben oder eben seinen Tod. Unterstützung sucht Raven bei seiner Teenagertochter Britt (Kylie Rogers), seiner neuen Partnerin Det. Jacqueline „Jaq“ Diallo (Kali Reis) und seinem Freund Rob Nelson (Chris Sullivan). Zusammen suchen sie in den Beweisen aus Überwachungskameras, Bodycam-Mitschnitten und Social-Media-Daten nach der Wahrheit.

Szenenbild aus MERCY - Judge Maddox (Rebecca Ferguson) - Photo Credit: Courtesy of Amazon MGM Studios
Judge Maddox (Rebecca Ferguson) entscheidet über das Schicksal von Chris. – Photo Credit: Courtesy of Amazon MGM Studios

Ein Krimi in Echtzeit

Was MERCY anfangs so packend macht, ist eine künstlerische Entscheidung: Der Film funktioniert nahezu in Echtzeit. Die Laufzeit beträgt rund 100 Minuten, das Gerichtsverfahren im Film dauert 90 Minuten. Diese beinahe 1:1-Übersetzung sorgt dafür, dass echte Dringlichkeit entsteht. Man sitzt zusammen mit Chris Pratt in der Strafkammer, ist genauso orientierungslos wie der Protagonist auf dem „Mercy Chair“ und spürt, wie die Uhr tickt. Langweilig wird es dadurch nie. Zumindest, wenn man sich auf die abstruse Prämisse der Geschichte einlässt. Wer sich grundsätzlich für Dystopien, KI oder Gerichtsdramen begeistern kann, wird voll abgeholt. Regisseur Timur Bekmambetov hat sich mit Filmen wie SEARCHING als Pionier des sogenannten Screenlife-Formats einen Namen gemacht. Dort spielt sich die Handlung komplett auf Bildschirmen ab. In MERCY verfolgt er einen hybriden Ansatz: Klassische Kinobilder verschmelzen mit Überwachungsaufnahmen, Handyvideos und digitalen Interfaces. Chris Pratt und Rebecca Ferguson spielten im Studio auf getrennten Bühnen. Das erzeugt eine spürbare Distanz zwischen den beiden Hauptfiguren.

Szenenbild aus MERCY - Chris Raven (Chris Pratt) steht vor Gericht. - Photo credit: Justin Lubin © 2025 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.
Chris Raven (Chris Pratt) steht vor Gericht. – Photo credit: Justin Lubin
© 2025 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.

Der dritte Akt enttäuscht

Leider wusste Drehbuchautor Marco van Belle nicht so recht, wo er mit seiner Geschichte eigentlich hinwill. Zwei Drittel lang funktioniert MERCY als spannendes Kammerspiel mit einer starken Sci-Fi-Komponente. Dann beginnt der dritte Akt. Plötzlich handeln alle Figuren seltsam, widersprüchlich und entgegen ihrer bisherigen Vorgeschichte oder „Programmierung“. Man fragt sich, was die Beteiligten sich gerade so denken und warum sie die Dinge tun, die sie tun, denn vieles ergibt auch innerhalb der Geschichte keinen Sinn. Dazu kommen ein, zwei Wendepunkte, die mehr verwirren als überraschen. Das mündet in einem furchtbar konfusen Schluss, der dem Film viel von der davor aufgebauten Wirkung wieder raubt.

Szenenbild aus MERCY - Jaq (Kali Reis) - Photo credit: Justin Lubin © 2025 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.
Jaq (Kali Reis) – Photo credit: Justin Lubin © 2025 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.

Paycheck Performances

Ich habe vor kurzem ein neues Wort gelernt: Paycheck Performance. „Paycheck performance“ ist ein umgangssprachlicher Branchenbegriff in der Filmkritik und Hollywood-Berichterstattung. Gemeint ist eine Schauspielleistung, bei der erkennbar ist, dass der Darsteller oder die Darstellerin den Job hauptsächlich wegen der Bezahlung angenommen hat und nicht aus künstlerischem Interesse am Stoff, der Rolle oder dem Regisseur. Und hier gibt’s wirklich ganz viele Paycheck Performances zu sehen. Rebecca Ferguson ist nahezu ausschließlich nur mit ihrem Gesicht zu sehen. Das ist okay, aber wirklich entfalten oder eine zweite Ebene aufmachen kann sie sich so kaum. Chris Pratt liefert routinierte Arbeit ab, fällt aber nicht durch besonders eindrucksvolles Spiel auf. Gerade am Schluss gelingt es ihm nicht, die radikale 180-Grad-Wende seiner Figur glaubhaft zu vermitteln. Die Nebenrollen von Kali Reis und Chris Sullivan sind halt auch „einfach da“, ohne nennenswerte Akzente zu setzen. Die Echtzeit-Mechanik trägt zu Beginn zwar noch und Bekmambetovs visuelle Spielereien sorgen für frischen Wind. Doch am Ende wird man als Zuschauer ziemlich alleingelassen.

MERCY ist aktuell – Stand: 18.04.2026 – über den Streamingdienst Prime Video zu sehen.

6.5/10

Bewertung: 6 von 10.

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