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Biografie, Drama

Colette (OmU, 2018)

Szenenbild aus COLETTE (2018) - Colette (Keira Knightley) - © DCM

Colette (Keira Knightley) - © DCM

Was ich bisher nicht wusste: Die erste Frau, die in Frankreich ein Staatsbegräbnis bekam, war eine Autorin. Vom Leben dieser Schriftstellerin handelt die Biografie COLETTE. Sidonie-Gabrielle Colette (Keira Knightley) heiratet 1893 im Alter von 16 Jahren den Pariser Autoren Willy (Dominic West). Sie zieht von der französischen Provinz in die Metropole Paris und gehört plötzlich zur kulturellen Elite. Willy schreibt kaum selbst und greift aufgrund einer Schreibblockade lieber auf mehrere Ghostwriter zurück. Als die Geldsorgen besonders groß sind, schreibt Colette einen Roman für ihren Mann. Der Debütroman erzählt die semiautobiografische Geschichte über die junge Frau Claudine. Der Roman macht den Autor über Nacht berühmt und reich. Willy veröffentlicht auch die folgenden Claudine-Romane unter seinem eigenen Namen. Das stört Colette zu Beginn noch nicht. Als Willy ihr aber immer mehr Vorschriften macht und sie mehrfach betrügt, kämpft sie darum als wahre Autorin der Bücher anerkannt zu werden.

Szenenbild aus COLETTE (2018) - Lebemann Willy (Dominic West) genießt die Aufmerksamkeit. - © DCM
Lebemann Willy (Dominic West) genießt die Aufmerksamkeit. – © DCM
Dominanz und Selbstbestimmung

Das Phänomen, dass ein Ehepartner die Kunst des anderen Ehepartners als sein eigenes Schaffen ausgibt, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Parallelen finden sich zum Beispiel auch in der Biografie der Malerin Margaret Keane, die Tim Burton mit BIG EYES verfilmt hat. In beiden Fällen treibt die Geldnot die Herren der Schöpfung zum Schöpfungsklau. Das Prestige und das Geld sind zu verlockend. Willy schließt seine Frau schließlich in ihr Zimmer ein, als sie sich weigert einen weiteren Claudine-Roman zu schreiben. Doch das Verhältnis von Willy und Colette geht weit über den beruflichen Erfolg hinaus. Colette beginnt eine Affäre mit der Amerikanerin Georgie Raoul-Duval (Eleanor Tomlinson), doch auch Willy besucht sie regelmäßig. Als Colette ihn eines Tages dabei erwischt, kommt es auch in privater Hinsicht zu einem Bruch.

Szenenbild aus COLETTE (2018) - Colette (Keira Knightley) und ihr Man Willy (Dominic West) - © DCM
Colette (Keira Knightley) und ihr Man Willy (Dominic West) – © DCM
Sexuelle und berufliche Unabhängigkeit

Wash Westmoreland lässt hier viele Frauenfiguren zu Wort kommen. Dominic West geht im frauenlastigen Cast aber nicht unter. Auch wenn Willy keinesfalls als sympathischer Typ herüberkommt, gelingt es Dominic West ihn als vielschichtigen Charakter und starken Gegenpart zu Colette zu etablieren. Als eine Figur, an der sich die Geister scheiden. Absolut fantastisch ist ebenfalls Keira Knightley, was kaum verwunderlich ist, schließlich ist sie inzwischen die heimliche Königin des “period dramas”. Es gelingt ihr gut die Wandlung ihrer Figur vom braven, gehorsamen Anhängsel zur emanzipierten Frau zu verkörpern. In den Nebenrollen fällt besonders noch Denise Gough als “Missy” auf. Missy kleidet sich in Hose und Anzug, was für die damalige Zeit ein gesellschaftliches Tabu war. In Missy findet Colette eine Seelenverwandte.

Szenenbild aus COLETTE (2018) - Georgie Raoul-Duval (Eleanor Tomlinson) - © DCM
Georgie Raoul-Duval (Eleanor Tomlinson) – © DCM
Nackte Haut

Westmoreland behandelt in erster Linie das Privatleben von Colette. Der Erfolg der Bücher ist mehr Randnotiz und ein äußerer Aspekt, der die Beziehung von Colette und ihrem Mann in Schwingung versetzt. Relativ explizit werden besonders die weiblichen Romanzen von Colette gezeigt. Die Entwicklung der Bekannt- und Liebschaften vom ersten Kennenlernen wirken dabei sehr organisch. Auch wenn die Geschichte relativ stringent und chronologisch – man möchte sagen, klassisch –  erzählt wird, folgt man ihr gerne. Im letzten Drittel gibt es kleinere Längen. Auch die Kombination aus britischen Darstellern und französischer Handlung wirkt ein bißchen verzerrt. Diese Schönheitsfehler verzeiht man dem Film aber gern. Westmoreland gelingt es ein packendes, vielschichtiges Porträt einer Frau zu zeichnen, das mitreißt und den Zuschauer einlädt mehr über diese besondere Autorin zu erfahren.

5.5/6 bzw. 9/10


Trailer: © DCM Distribution

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