Brexit: The Uncivil War (O, 2018)

Szenenbild aus BREXIT: THE UNCIVIL WAR (2018) - Boris Johnson (Richard Goulding), Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch) und Michael Gove (Oliver Maltman) vor dem legendären Wahlkampf-Bus der "Leave"-Kampagne. - © Polyband Medien

Ein Film zum Brexit. Hat es das gebraucht? Vielleicht nicht. Vielleicht denke ich aber auch nur so, weil mir die ständige Brexit-Berichterstattung inzwischen zum Hals heraushängt. Den Briten wahrscheinlich auch. Der einzige Sichtungsgrund für diesen Fernsehfilm ist wieder einmal Benedict Cumberbatch. Der spielt Dominic Cummings. Cummings bekommt 2015 vom UKIP-Abgeordneten Douglas Carswell (Simon Paisley Day) und dem Politikstrategen Matthew Elliott (John Heffernan) das Angebot die “Vote Leave”-Kampagne zu leiten. Erst als man ihm volle Kontrolle zusichert, sagt er zu. Eine Anfrage von Nigel Farage (Paul Ryan) und Arron Banks (Lee Boardman) von der Leave.EU-Kampagne, die vorschlagen die beiden Kampagnen zusammenzuführen, weist er ab. Die kontroversen Entscheidungen von Cummings sorgen bald intern für Streit. Cummings erfährt durch informelle Befragungen in Pubs und die Zusammenarbeit mit der Technologiefirma AggregateIQ, dass sich die Briten vor einem Kontrollverlust fürchten. “Remain”-Strategist Craig Oliver (Rory Kinnear) betont hingegen die wirtschaftlichen Vorteile, die ein Verbleib in der EU bringen würde. Erst viel zu spät versteht er, dass er den Kampf um die öffentliche Meinung verloren hat.

Szenenbild aus BREXIT: THE UNCIVIL WAR (2018) - Dominic (Benedict Cumberbatch) entwickelt eine Strategie. - © Polyband Medien
Dominic (Benedict Cumberbatch) entwickelt eine Strategie. – © Polyband Medien
Vom Lärm der Welt

BREXIT: THE UNCIVIL WAR setzt auf ein schönes Bild. Cummings erzählt immer wieder von einem Beben, von Lärm, den er hört. Ein Lärm, der mit dem Ausgang des Referendums verstummt ist. Der Lärm, der die unterschwellige Unzufriedenheit und Angst der Briten ausdrückt. So wird Cummings als Wissender unter Unwissenden inszeniert, als fokussierter Strategie unter planlosen Politikern. Dennoch beschlich mich mehr als nur einmal ein ungutes Gefühl. Wissen ist Macht, heißt es. Aus großer Macht folgt große Verantwortung, heißt es weiter. Und kein Film zeigt wohl deutlicher, welche massiven Folgen solche Macht haben kann. In einer denkwürdigen Szene reißt dem Strategen Craig Oliver der Geduldsfaden. Er stürmt in die Fokusgruppe und fragt die Leute, warum sie sich denn nicht um ihre Jobs und die Wirtschaft sorgen. Warum sie denn auf wildfremde Leute hören, die ihnen kühne Versprechungen machen? Die Antwort kommt prompt: Weil sie Angst haben die Kontrolle zu verlieren.

Szenenbild aus BREXIT: THE UNCIVIL WAR (2018) - Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch) - © Polyband Medien
Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch) – © Polyband Medien
Heimspiel

Regisseur Toby Haynes, seines Zeichens Regisseur der “Reichenbach”-Episode aus SHERLOCK, versammelt hier alte Bekannte. Rory Kinnear und Benedict Cumberbatch saßen sich zuletzt in THE IMITATION GAME gegenüber. In der Regel sind aber auch die Nebenrollen großartig besetzt. Schon fast nüchtern schaut der Film auf die Ereignisse deren Ausgang man bereits kennt. Wie bei einem Unfall schaut man zu und sieht wie immer mehr Umstände der “Leave”-Kampagne in die Karten spielen. Wenn das Opening mit Beethovens „Ode an die Freude“, also der wuchtigen Europahymne unterlegt ist, mag man noch schmunzeln. Hat man den Film gesehen, ist davon nicht mehr viel übrig, Leider kann er das hohe Anfangstempo nicht mehr halten. Die Sogwirkung bleibt aus. Der Blick von Cummings fällt in seltenen Momenten direkt in die Kamera. Ich hatte sofort eine Assoziation mit HOUSE OF CARDS. Aber hier sind die Blicke weniger eine Äußerung innerer Gedanken, sondern es ist eher ein Nachschauen, ein „Kommt ihr noch mit?“-Blick.

Szenenbild aus BREXIT: THE UNCIVIL WAR (2018) - Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch) erfährt durch Zack Massingham (Kyle Soller) wie er Nichtwähler ansprechen kann. - © Polyband Medien
Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch) erfährt durch Zack Massingham (Kyle Soller) wie er Nichtwähler ansprechen kann. – © Polyband Medien
Kriegsopfer

Und doch macht der Film auf seltsame Art betroffen, auch wenn ich als Deutsche eine Außensicht auf die Dinge habe. Nun könnte man ja meinen, es ginge einfach nur um zwei Ideen, die zur Debatte stehen. Möge die bessere Idee gewinnen. Bei diesem Kräftemessen der zwei Lager kann man schnell mal vergessen, dass jeder Krieg auch Opfer fordert. Der Tod der Politikerin → Jo Cox ist daher ebenfalls Thema. Kurz vor dem Referendum fragt Craig seinen Gegenspieler bei einem Gespräch, ob er sich nicht frage, in welchem Großbritannien seine Kinder einmal aufwachsen werden. Veränderung sei doch etwas Positives, meint Cummings. Diese Worte zu sprechen, wird Cumberbatch nicht ganz leicht gefallen sein. Hunderte britische Kunstschaffende unterschrieben im Mai 2016 einen offenen Brief, in dem sie ihre Landsleute aufforderten, in der EU zu bleiben. Cumberbatch war einer von ihnen.

4/6 bzw. 7/10

Wer sich den Film nicht schon digital als englische Originalversion gekauft hat (2,99 € über Amazon), bekommt ab 05.04.2019 die Möglichkeit den Film auch auf DVD und Blu-ray mit deutscher Synchronisation für die eigene Filmsammlung zu kaufen.

Trailer: © HBO

4 Kommentare zu „Brexit: The Uncivil War (O, 2018)“

Kommentar verfassen