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Kritiken zu Filmen, Serien und NT Live-Übertragungen

Drama, Kriminalfilm

Murder on the Orient Express (OmU, 2017)

Szenenbild aus MORD IM ORIENT-EXPRESS - MURDER ON THE ORIENT EXPRESS - Hercule Poirot (Kenneth Branagh) - © 20th Century Fox

Hercule Poirot (Kenneth Branagh) - © 20th Century Fox

Mit Remakes ist das ja immer so eine Sache. Selten sorgen die bei Kennern des Originals für Entzücken. Auf der anderen Seite können sie neue Zuschauergruppen an eine Geschichte heranführen. Daher hatte Kenneth Branaghs Verfilmung des weltberühmten Agatha Christie-Romans MORD IM ORIENT-EXPRESS keine leichte Aufgabe, noch dazu, da es bereits mehrere Verfilmungen des Stoffes gibt. em>Branagh verkörpert auch gleich die Hauptrolle, den schrulligen Meisterdetektiv Hercule Poirot. Für die Rückreise von einem seiner Fälle nimmt er den legendären Orient-Express. Doch von einer entspannten Heimreise kann keine Rede sein. Kurz darauf wird ein Passagier ermordet und Poirot macht sich sofort auf die Suche nach dem Täter. Die spanische Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz), die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley), Professor Gerhard Hardman (Willem Dafoe), die Witwe Mrs. Hubbard (Michelle Pfeiffer) und der Doktor Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) sind alle verdächtig. Bald findet Poirot heraus, dass die so verschiedenen Personen alle etwas verbindet.

Szenenbild aus MORD IM ORIENT-EXPRESS - MURDER ON THE ORIENT EXPRESS - Stilvolles Verhören von Mary Debenham (Daisy Ridley) - © 20th Century Fox

Stilvolles Verhören von Mary Debenham (Daisy Ridley) – © 20th Century Fox

Kommt langsam in Fahrt

Ich kenne weder das Buch noch irgendeine bisherige Verfilmung, daher war ich sehr gespannt wie Branagh die Sache angeht. Sehr sehr gemächlich. Im Schritttempo fährt der Zug – im übertragenen Sinne gesprochen – los. Es müssen erst einmal alle Charaktere etabliert werden, was bei der Vielzahl der Figuren ziemlich schwierig ist. Hier wäre es besser gewesen Branagh hätte die überlange Exposition weggelassen und hätte die Charakterisierung erst im Zug stattfinden lassen.

Szenenbild aus MURDER ON THE ORIENT EXPRESS - MORD IM ORIENT-EXPRESS - Biniamino Marquez (Manuel Garcia-Rulfo), Mary Debenham (Daisy Ridley) und Dr. Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) - © 20th Century Fox

Biniamino Marquez (Manuel Garcia-Rulfo), Mary Debenham (Daisy Ridley) und Dr. Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) – © 20th Century Fox

Denn erst an Bord des Zuges nimmt die Geschichte tatsächlich Fahrt auf. Die Zeugenaussagen sind widersprüchlich. Die Charaktere unterschiedlich. Hier hätte man schön die Gegensätzlichkeit betonen können. Poirot indes stellt mit seinen – wenn auch zutreffenden –  Aussagen und Analysen selbst Detektivkollege Sherlock Holmes in Sachen Pedanterie und Klugscheißerei in den Schatten. Und genau das ist das Problem von MORD IM ORIENT-EXPRESS. Die Schlussfolgerungen sind derart um die Ecke gedacht, dass man als Zuschauer kaum selbst auf des Rätsels Lösung kommt. Man fühlt sich diesbezüglich vom Film etwas bevormundet, weil man der Möglichkeit beraubt wird, selbst mitzuraten.

Überfüllt und trotzdem leer

Leider hat aufgrund der Vielzahl an Charakteren eigentlich nur Kenneth Branagh die Möglichkeit seine Rolle ganz auszuspielen. Die meiste Zeit spricht er eine Mischung aus Englisch und Französisch – und sogar ganz passables Deutsch als er Hildegarde Schmidt aka Olivia Colman zu den Geschehnissen befragt.

Szenenbild aus MURDER ON THE ORIENT EXPRESS - MORD IM ORIENT-EXPRESS - Poirot (Kenneth Branagh) findet heraus, wer den Mord begangen hat. - © 20th Century Fox

Poirot (Kenneth Branagh) findet heraus, wer den Mord begangen hat. – © 20th Century Fox

Den anderen Schauspielern kommt die Rolle von Statisten zu, die mal auf- und wieder abtauchen, wenn sie gerade gebraucht werden. Die große Auflösung am Schluss, die an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird, entschädigt etwas dafür. MORD IM ORIENT-EXPRESS hat seine zarten großartigen Momente. Diese sind vor allem visueller Natur. Der Zug in der hektischen Bahnhofshalle, der Lawinenabgang und die Ausstattung des Zuges sowie die Kostüme der einzelnen Figuren sind visuell fantastisch umgesetzt. Auch kunsthistorische Anleihen sind zu entdecken. Als Poirot das Rätsel löst, sitzen ihm die potenziellen Mörder an einer Tafel gegenüber, in Anlehnung an DaVincis „Das letzte Abendmahl“. Insgesamt ist es ein ganz unterhaltsamer Krimi, der allerdings nur schwer in die Gänge kommt.

4/6 bzw. 6.5/10

Der Film erscheint am 22.03.2018 auf DVD, Blu-Ray, 4K Ultra HD-Blu-ray und VoD. Zur Erstellung der Kritik wurde mir vom 20th Century Fox freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hatte keinen Einfluss auf meine Wertung.

Trailer: © 20th Century Fox

  1. Als VoD-Version schon erhältlich.

  2. Coolray

    Zitat: Die große Auflösung am Schluss entschädigt etwas dafür. Insgesamt ist es ein ganz unterhaltsamer Krimi, der allerdings nur schwer in die Gänge kommt.
    Nein..in dieser Version entschädigt sie für gar nichts. Vor allem weil Kenneth Branagh nicht Poirot spielt…sondern nur sich selbst. Und da nützt es auch nchts das sein Bart riesengroß ist. Er macht aus Poirot eine lächerliche Karikatur. Albert Finney´s Poirot hat mehr Stil und Klasse im kleinen Finger. Und die anderen Darsteller verkommen in dem Film von 1974 nicht zu Statisten. Die Liste liwest sich wie ein Who is Who der Filmbranche:
    Vanessa Redgrave , Anthony Perkins , Sean Connery , Jean-Pierre Cassel , Jacqueline Bisset , Ingrid Bergman, Lauren Bacall ,Michael York , Richard Widmark , Wendy Hiller und John Gielgud um nur ein paar zu nennen.

    • Wie gesagt, ich kenne keine der anderen Verfilmungen und ich kenne auch die Buchvorlage nicht. Ich kann nur das beurteilen, was ich gesehen habe und das war für mich nicht so furchtbar wie du es beschreibst.

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