Manche Filme zeigen Trauer mit verheulten Gesichtern und emotionaler Pianomusik. EVERYTIME von Sandra Wollner geht einen anderen Weg. Am Ende einer Partynacht steigen Jessie (Carla Hüttermann) und ihr Freund Lux (Tristán López) auf das Dach eines Hochhauses und schmeißen sich dort noch Pillen ein. Kurz darauf stürzt Jessie vom Dach in den Tod. Jessies Mutter Ella (Birgit Minichmayr) bleibt von ihrer Tochter nur das Foto, das sie von der Sonne über Berlin geschossen hat. Ansonsten ist da nur ein Meer aus tiefer Trauer und Jessies kleine Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling). Und Lux. Manche geben ihm die Schuld an Jessies Tod. Doch Ella steht zu ihm, in der Hoffnung, die Erinnerung an Jessie nicht zu verlieren.

Ohne voyeuristischen Blick
Die Trauer um die verstorbene Tochter, Schwester und Freundin wird erstaunlich wenig mit den typischen, emotionalen Bildern inszeniert. Klar, es gibt Szenen, in denen Figuren weinen. Aber die Kamera hängt nicht voyeuristisch auf den verweinten Gesichtern, wie man das aus anderen Dramen und aus Freitagabendkrimis kennt. Stattdessen bekommen wir Alltagssituationen zu sehen. Ella gießt das Grab ihrer Tochter und telefoniert dabei nebenher. Melli spielt das Computerspiel, das sie früher mit ihrer Schwester gespielt hat. Lauter Momente, die überhaupt nicht wuchtig daherkommen. Begeistert hat mich vor allem das Drehbuch, dass ebenfalls von Wollner kommt. Gerade im deutschsprachigen Raum wirken Dialoge gerne mal hölzern. So, als würde jemand geschriebene Texte laut aufsagen. Hier sprechen die Teenager wie Teenager und die Erwachsenen wie Erwachsene. Alles wirkt sehr nah an realen Gesprächen. Und überhaupt wird nicht mehr gesprochen, als gesprochen werden muss.

Drei für Jessie
Der Schwerpunkt der Handlung liegt auf Nuancen. Daher braucht es ein Schauspielensemble, das diese kleinen Momente auch herausarbeiten kann. Tristán López, Lotte Shirin Keiling und Birgit Minichmayr können das wirklich ausgezeichnet. Tristán López spielt Lux als einen Jugendlichen, der sich die Schuld an Jessies Tod gibt. Er verkörpert gut das „was wäre gewesen, wenn…“-Dilemma. Niemand kann wissen, ob Lux den Tod von Jessie hätte verhindern können. Er gibt sich die Schuld aber trotzdem. Keiling spielt mit einer Intensität, die ich zuletzt bei Helena Zengel in SYSTEMSPRENGER gesehen habe. Absolut umwerfend. Kindern wird ja nach Todesfällen von Angehörigen oder anderen Schicksalsschlägen gesagt, sie seien so „schnell erwachsen geworden“. Dieses schnelle Erwachsenwerden sieht man Keiling richtig an. Und Birgit Minichmayr als Mutter Ella ist ebenfalls ganz ausgezeichnet, weil auch ihr es gelingt mit minimaler Gestik viel auszusagen und uns so am Innenleben von Ella teilhaben zu lassen.

Eine Kamera mit suchendem Blick
Kameramann Gregory Oke lässt den Blick in EVERYTIME wandern. Manchmal zoomt er auch in einen Moment hinein. Dieser Blick mit der Kamera wirkt ein bisschen träumerisch, aber auch suchend. Eine Einstellung ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Lux und Jessie stehen auf dem Dach eines Hochhauses. Die Kamera schwenkt zu einem Vogel, der wegfliegt. Danach Fassaden, Fenster. Dann fällt Jessie plötzlich nach unten. Den Aufprall sieht man nicht. Baumkronen und ein Wagen von der Müllabfuhr. Jessie stirbt, aber die Welt dreht sich ungerührt weiter.

Wenn die Zeitebenen verschmelzen
Im letzten Drittel bekommt die bodenständige Geschichte einen surrealen Dreh. Mehrere Zeitebenen verschmelzen zu einer ganz eigenen Mischung. Und da hat mich EVERYTIME dann irgendwie verloren. Ich bin völlig verwirrt im Kino gesessen und habe versucht zu verstehen, was überhaupt gerade los ist. Der Switch vom Drama zum Surrealismus hat mich ziemlich überrascht. Dazu wird auch wenig erklärt. Andererseits: Vielleicht ist die Verwirrung als stilistisches Mittel ja auch gewollt. Trauer fühlt sich auch nicht klar und eindeutig an. Der Film muss zu Beginn auch erst all die realen Referenzen etablieren, auf die er sich später bezieht. Sonst würde man die quadratische Sonne nicht als die Sonne aus dem Computerspiel erkennen, das die beiden Schwestern zusammen gespielt haben. In Cannes hat der Film den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard gewonnen, und Deutschland schickt ihn ins Rennen um den Oscar als besten internationalen Film. Auch wenn der Film mich am Ende etwas verloren hat, muss ich sagen: verdient!
8/10



