Morgen war Krieg (2026)

„Sie sind gesund.“ Was beim Arztbesuch nach einer guten Nachricht klingt, heißt für Jonas (Enno Trebs) genau das Gegenteil. Er ist wehrtauglich und kann jetzt zum Militärdienst eingezogen werden. Viel lieber würde er sich aber um seine kleine Schwester Leonie (Naila Schuberth) kümmern. In MORGEN WAR KRIEG stellt Regisseur Nicolas Ehret die Frage, was man eigentlich selbst tun würde, wenn morgen wirklich Krieg ist. In seinem Film ist die EU zerbrochen, rechtspopulistische Kräfte sind an der Regierung und der Krieg steht vor der Tür. Als Jonas eingezogen werden soll, desertiert er. Zusammen mit Leonie versteckt er sich ausgerechnet bei seinem Vater Stuber (Ulrich Matthes), zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Als Jonas einem geflüchteten Fremden seine Hilfe anbietet, sorgt das für Streit mit dem Vater. Stuber will seine eigene Sicherheit nicht länger aufs Spiel setzen. Die Lage eskaliert.

Szenenbild aus MORGEN WIRD KRIEG - Jonas (Enno Trebs) und seine Schwester Leonie (Naila Schuberth) - © Epik Filmproduktion GmbH 2026 PROGRESS Filmverleih
Jonas (Enno Trebs) und seine Schwester Leonie (Naila Schuberth) – © Epik Filmproduktion GmbH 2026 PROGRESS Filmverleih

„Ihr Land braucht Sie!“

Regisseur Nicolas Ehret erklärt zu Beginn fast nichts. Genau wie Jonas landet man mitten im Geschehen und muss sich vieles aus Nebensätzen zusammenreimen. Wie weit ist die Front entfernt? Wer kämpft da eigentlich gegen wen? Wem kann man sich anvertrauen? Man erfährt alles nur häppchenweise. Diese konstante Orientierungslosigkeit, die sich über weite Teile des Films zieht, sorgt dafür, dass man durchgängig bei der Sache bleibt und mit dem Protagonisten mitfühlt. Auch die Angst, entdeckt zu werden, ist in jeder Szene spürbar und überträgt sich schnell auf das Publikum.

Vieles bleibt in diesem Film aber auch unausgesprochen und wird durch Blicke oder Gesten vermittelt. In einer Szene spricht Jonas mit seinem Opa, der ebenfalls im Haus von Stuber lebt. Der erklärt ihm, er würde eher einen Toaster in die Badewanne werfen und sich damit das Leben nehmen, als seine Überzeugungen noch einmal zu überdenken. Dafür sei er zu alt. Wenig später kommt Jonas mit einem nassen Toaster die Treppe herunter und schaut seinen Vater an. Mehr braucht es nicht, um zu erklären, was passiert ist. Der Toaster redet an dieser Stelle allerdings nicht mit Stuber, sondern mit dem Kinosaal. Wir verstehen den Blick nur, weil wir das Gespräch mit dem Opa mitgehört haben. Das fand ich handwerklich nicht ganz sauber erzählt.

Szenenbild aus MORGEN WAR KRIEG - Jonas (Enno Trebs) - ©-Epik-Filmproduktion-GmbH-2026_PROGRESS-Filmverleih
Jonas (Enno Trebs) – ©-Epik-Filmproduktion-GmbH-2026_PROGRESS-Filmverleih

Nicht immer stringent

Es sind Momente wie diese, in denen die Geschichte inhaltlich nicht ganz stringent erzählt wird. Gerade im letzten Drittel leistet sich MORGEN WAR KRIEG kleinere Logiklöcher und ein paar sehr gefällige Zufälle. Jonas erzählt eben noch, er würde das Haus unter keinen Umständen verlassen. Im nächsten Moment tut er es doch und trifft am Ufer prompt auf einen Flüchtenden, was zu einem Konflikt führt. Oder Jonas trifft auf eine Art Untergrund-Hilfsorganisation, die ihm erklärt, sie könne nur eine Person retten (entweder Leonie oder ihn). Jonas ignoriert das, gibt seinen potenziellen Rettern sein ganzes Geld und am Ende wird keiner von beiden gerettet, damit die Handlung noch ein bißchen Dramatik hat.

Szenenbild aus MORGEN WAR KRIEG - Jonas  (Enno Trebs) und Leonie (Naila Schuberth) - © Epik-Filmproduktion-GmbH-2026_PROGRESS-Filmverleih
Jonas (Enno Trebs) und Leonie (Naila Schuberth) – © Epik-Filmproduktion-GmbH-2026_PROGRESS-Filmverleih

Eine schlechte Zeit, um unpolitisch zu sein

Für den Dreh hat das Filmteam in Minden vier Meter hohe Grenzzäune errichtet, denn die Weser ist hier ein Grenzfluss, den Flüchtende zu durchschwimmen versuchen. Erinnerungen an die Grenze zur DDR kommen wieder hoch. Plötzlich wirkt die Bundesrepublik wie ein Ort, aus dem man nur noch raus will. Und gleichzeitig tut es keiner. Es herrscht stoischer Egoismus. Stuber ist gelernter Fährmann und hat in Friedenszeiten nichts zu tun gehabt. Als in der Ferne die Brücken gesprengt werden, freut er sich. Denn jetzt braucht man ja endlich wieder die Fähre. Alles ist plötzlich politisch. Im Gedächtnis bleibt außerdem eine Kamerafahrt, in der die bewaffnete Zivilgesellschaft neben erschossenen Geflüchteten auf der Straße steht und sie emotionslos betrachtet. Kein Kommentar, keine Musik, die einem sagt, was man fühlen soll. In Momenten wie diesen tut MORGEN WAR KRIEG richtig weh.

Szenenbild aus MORGEN WIRD KRIEG - Stuber (Ulrich Matthes) ©-Epik-Filmproduktion-GmbH-2026_PROGRESS-Filmverleih
Stuber (Ulrich Matthes) © Epik Filmproduktion GmbH 2026_PROGRESS Filmverleih

Packendes Was-wäre-wenn?-Szenario

Ulrich Matthes spielt diese undurchsichtige Vaterfigur nicht als Bösewicht, sondern eher als Opportunisten. Gegen dessen Pragmatismus rennt Jonas mit seinem Idealismus an. Egoismus trifft auf Empörung, Gleichgültigkeit auf den Wunsch, wenigstens einmal das Richtige zu tun. Enno Trebs spielt Jonas nicht als epischen Helden, sondern als Spielball der Umstände. Nicolas Ehret hat einen unbequemen Film gemacht. Er stellt dem Kinopublikum Fragen zu Militarisierung, Spaltung und Verantwortung, ohne Antworten oder einfache Lösungen mitzuliefern. Und immer wieder die Frage: Was würdest du tun, wenn morgen Krieg wäre?

Der Film MORGEN WAR KRIEG startet am 24. September 2026 in den deutschen Kinos. Ich konnte den Film bereits vorab im Rahmen des 43. Filmfests München sehen.

8.5/10

Bewertung: 8.5 von 10.

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