VATERLAND von Paweł Pawlikowski hatte ich eigentlich schon seit dem Filmfest in Cannes auf dem Zettel. Hier bekam der Film den Preis für die beste Regie. Und Sandra Hüller ist für mich seit einigen Jahren immer ein guter Grund, um ins Kino zu gehen. VATERLAND war auch im Rahmen des diesjährigen Filmfests München zu sehen, aber beide Screenings waren viel zu schnell ausverkauft. Jetzt dachte ich schon, ich müsste bis zum 3. September, dem offiziellen Kinostart, warten. Glücklicherweise gab’s zwischendrin aber noch die Filmkunstwochen in München und da konnte ich den Film dann doch noch vorab sehen. Die Handlung spielt im Jahr 1949. Thomas Mann (Hanns Zischler) kehrt zum ersten Mal seit dem Krieg nach Deutschland zurück. In Frankfurt nimmt er den Goethe-Preis entgegen, danach geht die Fahrt weiter nach Weimar, mitten hinein in die sowjetische Zone. Am Steuer des schwarzen Buick sitzt seine Tochter Erika (Sandra Hüller): Schauspielerin, Autorin, Kabarettistin und ehemalige Rallyefahrerin. Draußen zieht ein Land in Trümmern vorbei. Drinnen zerbricht leise eine Familie, denn mitten in die Reise platzt die Nachricht vom Tod von Klaus Mann (August Diehl).

Ein Festivalfilm, im besten Sinne
VATERLAND ist ein typischer Festivalfilm. Das meine ich gar nicht abwertend, aber wer sich mit Arthouse-Filmen generell schwertut, wird auch mit diesem Film wenig anfangen können. Der Fokus liegt auf dem herausragenden Schauspiel aller Beteiligten und auf schönen Bildern. Pawlikowski nimmt sich Zeit. Er erzählt in 82 Minuten ruhig, fast beiläufig, und verzichtet auf dramatische Wendepunkte. Es hat in manchen Momenten sogar etwas Dokumentarisches. Kameramann Łukasz Żal hat die Reise in strengem Schwarz-Weiß und im schmalen Academy-Format eingefangen. Das sieht nicht nur prächtig aus, es hält auch auf Abstand. Vieles passiert am Rand des Bildes oder gleich ganz außerhalb. Man muss die wenigen Informationen mit den eigenen Beobachtungen ergänzen, was auch ganz gut zur Geschichte passt, die in einer Zeit des Umbruchs spielt, in der nicht alles eindeutig ist.

Gefeiert und zwischen den Stühlen
Man spürt in fast jeder Szene, wie beide Siegermächte den Schriftsteller Thomas Mann für sich einspannen wollen. Es gibt Empfänge und Pressekonferenzen. Es gibt Generäle, die Goethe zitieren, und Funktionäre, die pflichtschuldig klatschen, wenn Mann eine Rede hält. Gefühlt ist jede zweite Einstellung ein Staatsempfang. Umso stärker wirken die leisen Momente dazwischen. Erika und ihr Vater, irgendwo zwischen zwei Terminen, ganz privat. Da fällt der ganze Repräsentationsbetrieb weg, und übrig bleiben zwei Menschen, die einander gleichzeitig sehr nah und sehr fremd sind. Zischler spielt den Nobelpreisträger als höflichen, kontrollierten Herrn, der seine Zuneigung höchstens andeutet. Doch auch Sandra Hüller als Erika spielt genauso zurückhaltend. Sie weist ihren Vater auf die Widersprüche der Reise hin und hinterfragt dessen Motivation.

Vater-Tochter-Land
Ganz historisch getreu ist der Film nicht. Die Reise hat tatsächlich stattgefunden, und Erika war auch dabei, allerdings nicht als alleinige Begleiterin, sondern gemeinsam mit ihrer Mutter Katia. Dass Pawlikowski die Ehefrau streicht und ganz auf das Duo aus Vater und Tochter setzt, ist eine bewusste Zuspitzung. Sie öffnet dem Film aber neue Möglichkeiten. Den Titel kann man dabei doppelt lesen. Gemeint ist zum einen Deutschland, die Heimat, aus der Thomas Mann einst geflohen ist. Osten und Westen legen sich den Begriff dabei munter zurecht, jeder auf seine Weise, und der Autor soll bitte beide Versionen davon absegnen. Zum anderen erzählt VATERLAND eine Vater-Tochter-Geschichte. Erika ist Sekretärin, Übersetzerin, Testpublikum für Papas Reden und Bezugsperson in einer Person. Sie fährt den Wagen, sie sortiert die Termine, sie fängt ihn auf. Und in der Ferne ist irgendwo noch Klaus, der aus dem Schatten des Vaters nie herausgetreten ist.

Eine Vollbremsung
Der Film endet ziemlich abrupt. Als hätte jemand auf freier Strecke ruckartig die Handbremse angezogen. Ich war enttäuscht, denn Sandra Hüller und Hanns Zischler sind zusammen schlicht großartig. Den beiden hätte ich durchaus noch eine halbe Stunde mehr zuschauen können. In ihren Pausen und Gesten steckt manchmal mehr als in mündlichem Dialog. Andererseits passt dieses harte Ende vielleicht ganz gut. Diese Reise löst keine Konflikte. Die wohlgewählten Worte von Thomas Mann ändern nichts. Das Land bleibt geteilt. Die Siegermächte haben es längst unter sich aufgeteilt. In der Familie Mann fehlt immer noch jemand: der Sohn und Bruder. Andererseits hat die letzte Einstellung etwas Versöhnliches. Für einen kurzen Moment ist Mann kein lebendes Denkmal mehr, sondern einfach nur ein Vater.
VATERLAND läuft ab dem 3. September 2026 regulär im Kino. Ich konnte den Film schon vorab im Rahmen der Filmkunstwochen München sehen.
8.5/10



