Das Westerngenre ist generell sehr männerdominiert. Zum großen Showdown zwischen dem (männlichen) Sheriff und dem (männlichen) Bösewicht werden Frauen und Kinder gerne mal ins Haus geschickt. So weit, so langweilig. Umso interessanter klang da → die Kritik zu THE KEEPING ROOM von Bloggerkollegin Sophie/Filmlöwin aufgrund deren Empfehlung ich mir die DVD gekauft habe. Und ja, bereits die Handlung ist schon „anders“, denn hier geht es weniger um heroische Heldinnen, sondern vielmehr um Frauen, die ihr Land verteidigen wollen. Während woanders der amerikanische Bürgerkrieg wütet, warten drei Frauen auf das Ende des Krieges. Auf einem abgelegenen Anwesen leben die Geschwister Augusta (Brit Marling) und Louise (Hailee Steinfeld) zusammen mit der Sklavin Mad (Muna Otaru). Augusta ist die Gutsherrin und versteht sich auf das Jagen während Mad eine gute Köchin ist. Louise dagegen glänzt mehr durch Abwesenheit und ist ein typischer Teenager: rebellisch, aber auch verträumt und naiv. Plötzlich müssen sich die Nordstaatlerinnen mit ein paar Südstaatlern auseinander setzen. Weil die Soldaten genug von den Entbehrungen und dem Leid des Krieges haben, setzen sie sich vom Unionsheer ab und rauben, plündern und morden. Die Deserteure machen in der Hoffnung auf Reichtümer die Gegend unsicher. Als ihnen die drei scheinbar hilflose Frauen gegenüberstehen, wähnen sich der Soldat Moses (Sam Worthington) und sein Kamerad Henry (Kyle Soller)  in einer überlegenden Position. Doch die Drei bieten alles auf, was in ihrer Macht steht, um zu verhindern, dass es die meuchelnden Männer in ihr Haus schaffen.

Moses (Sam Worthington) – © Koch Media

Beziehungskiste

Was direkt auffällt, ist das schwierige Verhältnis zwischen den Frauen. Die Sklavin Mad hat eine gleichwertige Stellung in der Gruppe, die Louise immer wieder infrage stellt. Augusta hingegen schätzt die Hilfe und den Rat der Sklavin und lässt sogar → eine Ohrfeige von Mad über sich ergehen ohne das in irgendeiner Form zu bestrafen. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten, schließlich ist Krieg. Louise fehlt diese Reife noch, doch sie muss bald erkennen wie viel sie an Mad hat. Die ruhige Bildsprache lässt zunächst ein Westerndrama erwarten, doch in der zweiten Hälfte wird die Geschichte ein handfester Thriller. Die Geschichte braucht einige Zeit um sich zu entfalten, punket aber in der der zweiten Hälfte durch eine spannende Handlung, ein realistisches Setting und durch die Stärke der Frauenrollen.

© Koch Media

Man(n), was willst du?

Manchmal wirkt die Handlung etwas zu gewollt. Warum die beiden Männer ausgerechnet Augusta folgen, ist nicht ganz klar. Sie sind Dissidenten und könnten tun, was auch immer sie tun wollten. Stattdessen reiten sie durch die Pampa und suchen eine schöne Frau. Auch die abschließende Erklärung von Moses („Ich kann nicht aufhören.“) erklärt dessen Verhalten nur teilweise. Überhaupt spielen die Männer nur die zweite Geige, obwohl sie körperlich wie waffentechnisch überlegen sind. Die Frauen jagen, verteidigen sich, können sich selbst versorgen – damit sind sie den Männern ebenbürdig. THE KEEPING ROOM hätte ein noch stärkerer Ausbruch aus den gängigen Gender-Klischees werden können; ein Plädoyer dafür, dass Frauen keineswegs  nur Eye-Candy sind. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hält sich der Film mit Nebensächlichkeiten auf anstatt den Nebenfiguren mehr charakterliche Tiefe zu geben. Nach Daniel Barbers gelungenem Debütfilm HARRY BROWN hatte ich da doch mehr erwartet.

(4.5/6 bzw. 7.5/10)