Zwischen Wahrheit und Fiktion

Wie aktuell der Fall des Todes von Meredith Kercher immer noch ist, zeigte sich im März 2015 als das oberste Gericht Italiens  Amanda Knox und Raffaele Sollecitio vom Mordvorwurf freisprach. Anfang 2007 sollen Knox und Sollecitio ihre britische Mitbewohnerin gemeinschaftlich ermordet haben. Beide bestritten die Tat immer wieder. Von den Medien wurde Knox „der Engel mit den Eisaugen“ getauft. Regisseur Michael Winterbottom greift diesen Fall nun auf. Auch wenn er Namen und Schauplatz geändert hat, wird dennoch klar worum es geht. Winterbottoms Alter Ego ist der Filmemacher Thomas Lang (Daniel Brühl), der nach Siena reist um das Gerichtsverfahren gegen die amerikanische Austauschstudentin Jessica Fuller (Genevieve Gaunt) zu beobachten. Fuller soll mithilfe ihres Freundes ihre Kommilitonin umgebracht haben. Lang glaubt den Stoff für seinen nächsten Film gefunden zu haben. Vor Ort trifft er sich mit der Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale), die ein Buch über das Verbrechen geschrieben hat. Auf eigene Faust interviewt Thomas mögliche Zeugen und versucht die Wahrheit herauszufinden. Bei seinen Recherchen trifft er auf die Studentin Melanie (Cara Delivigne), die ihn immer mehr vom Fall ablenkt.

Thomas (Daniel Brühl) – © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Der Film hat eine sehr selbstreflexive Ader. Eine Kollegin rät Lang einen Spielfilm aus der Geschichte zu machen, weil die Wahrheit in diesem Mordfall schwer zu greifen sei. THE FACE OF AN ANGEL ist ein Spielfilm. Auch der geplante Filmaufbau den Lang seiner Kollegin erläutert, entspricht dem des Films. Dieser legt die Arbeit der Journalisten offen („Sex and murder sells!“) und die Sensationsgier am Fall der ermordeten Studentin. Daniel Brühl spielt solide den gebrochenen Regisseur, der den Fall als Chance für einen Neuanfang sieht. Dann hört es aber auch schon auf mit den Pluspunkten.

Thomas (Daniel Brühl) und (Kate Beckinsale) – © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Was als filmische fiktive Version vom Fall Meredith Kercher beginnt, endet nämlich leider im Nirgendwo. Winterbottom verliert nach einem knackigen Einstieg völlig den Fokus für Wichtiges und Unwichtiges. Traumsequenzen vermischen sich mit Realem. Alles wird plötzlich Teil der Geschichte. Die Frustration von Thomas den Fall betreffend, aber auch seine Arbeitslosigkeit, sein Drogenkonsum, seine gescheiterte Beziehung. Immer mehr entfernt sich der Protagonist vom Mordfall und dem Gerichtsverfahren. Dantegedichte werden rezitiert. Der anfängliche Thriller wandelt sich immer mehr zu einem philosophischen Exkurs über Leben und Sterben. Dantes → „Die göttliche Komödie“ dient als Inspiration für Thomas und verleiht dem Film seine inoffizielle dreiteilige Struktur: Hölle, Fegefeuer und Paradies. Doch das hat irgendwann nichts mehr mit dem Gerichtsverfahren und dem ursprünglichen Mordfall zu tun. Der Film verzettelt sich und lässt Fragen unbeantwortet. Wie der Fall selbst.

Verläuft im Sand (3.5/6)

Trailer: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH