Let’s adopt Michael Oher!

Entgegen seinem Ruf als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist das Leben für die Unterschicht in den USA immer noch kein Zuckerschlecken. Trotz der gesetzlichen Krankenversicherung Obamacare gibt es viele, die sich den Weg zum Arzt nicht leisten können und auf Wohltätigkeitsorganisationen wie → RAM angewiesen sind. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 7 %, die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch. Für Michael Oher (Quinton Aaron) stehen die Chancen auch nicht besonders gut. Seine Mutter ist crackabhängig, der Vater ist tot, in der Schule kommt der Afroamerikaner kaum mit und die darf er auch nur besuchen, weil sich ein Sportlehrer für ihn eingesetzt hat. Als er mitten in der Nacht auf der Suche nach einer warmen Unterkunft die Straße entlang läuft, trifft er auf Familie Tuohy, die gerade mit dem Auto auf dem Weg nachhause sind. Die resolute Leigh Anne (Sandra Bullock) fackelt nicht lange und lädt Michael dazu ein eine Nacht bei ihnen zu verbringen, ohne sich mit ihrem Mann Sean (Tim McGraw) oder ihren Kindern S.J. (Jae Head) oder Collins (Lily Collins) abzustimmen. Als er auch am darauffolgenden Tag keine Bleibe hat, wird Michael kurzerhand in das Familienleben der Tuohys integriert. Schnell merkt die sportbegeisterte Familie, dass hinter der Fassade des schüchternen Michael ein talentierter Sportler steckt. Und mit Unterstützung seiner neuen Familie schafft es Michael bis ins All American Football Team.

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American Football ist in den USA ein Nationalgut und der Super Bowl, das Finale der Amerikanischen Profiliga sorgt regelmäßig für die höchsten Fernseheinschaltquoten und viel Gesprächsstoff. Daher ist es kaum verwunderlich, dass mit THE BLIND SIDE ein Spieler eben dieser Sportart ein filmisches Denkmal bekommt. Basierend auf dem Buch „The Blind Side: Evolution of the Game“ von Michael Lewis zeigt Regisseur und Drehbuchautor John Lee Hancock einen Sportfilm, der keiner sein will. Der Fokus liegt  nämlich mehr auf Michael Ohers Einfluss, den er auf die Tuohy-Familie hat. Und von dieser Familie mag man wirklich gerne adoptiert werden, denn alle sind unglaublich sympathisch und lustig. Die offene und direkte Art der ganzen Familie macht ordentlich Laune, z.B. wenn Leigh Anne erklärt Herr Tuohy schlafe nur auf der Couch, wenn er ungezogen sei. In der zweiten Hälfte bildet sich neben der grandios aufspielenden Sandra Bullock auch Jae Head als starker Sympathieträger heraus, wenn er Michael auf dem Sportplatz herumscheucht und mit den Coaches der Universitäten Deals bezüglich Michaels Übernahme in eines der Footballteams aushandelt. Hier und da schwächelt die Story etwas, was die Motivationen der handelnden Figuren angeht. Warum die Familie Michael so vorbehaltlos aufgenommen hat, wird nur halbherzig erklärt, genauso wie der Vorwurf, die Tuohys hätten Michael nur aufgenommen um ihn in das Sportteam ihrer ehemaligen Universität zu bringen. Hintergrundwissen bieten aber zahlreiche Youtube-Videos, nur für den Fall, dass es doch noch den ein oder anderen interessieren sollte. Der Film versucht die Grenzen zwischen „den Weißen“ und „den Schwarzen“ aufzubrechen, landet aber hier und da in der Klischeekiste. Besonders grausam sind da die Charity-Ladies, die Leigh Anne vorwerfen sie habe Michael nur aus schlechtem Gewissen aufgenommen, weil sie weiß ist.

Packende wahre Geschichte (5/6)

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