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Abenteuerfilm, Liebesfilm, Science-Fiction

Passengers (DA, 2016)

Jim Preston (Chris Pratt) und Aurora Lane (Jennifer Lawrence) - © Sony Pictures

Der Weltraum und die schiere Menge an Planeten und Sternen beflügeln seit jeher die Fantasien der Menschen. Nicht nur im Film. Bemannte Weltraumflüge für zahlende Kundschaft waren einmal angedacht, sogar die Besiedelung des Mars. Diese Projekte liegen derzeit aus Kostengründen auf Eis. Da ist ein Kinoticket billiger und man kann auf einem Luxus-Raumschiff zu einer entfernten Kolonie reisen. Klingt erstmal verlockend. Die „Avalon“ befindet sich auf dem Weg zur Kolonie Homestead II und alle Passagiere befinden sich in Schlafkammern, die dafür sorgen, dass sie die 120-jährige Reise gut überstehen. Aus ungeklärter Ursache wacht der Maschinenbauingenieur Jim Preston (Chris Pratt) schon nach 30 Jahren auf. Damit ist klar, wenn er es nicht schafft wieder einzuschlafen, wird er nicht lebend in der Kolonie ankommen. Preston genießt es anfänglich noch, das ganze Schiff für sich alleine zu haben.

Arthur (Michael Sheen) und Jim Preston (Chris Pratt) – © Sony Pictures

Im Roboterbarkeeper Arthur (Michael Sheen) findet er einen verständnisvollen Gesprächspartner. Doch die Einsamkeit nagt an ihm. Nach einem Jahr weckt er die Journalistin Aurora (Jennifer Lawrence) aus ihrem Kälteschlaf. Aurora ist zunächst geschockt von der Aussicht auf dem Raumschiff zu sterben, doch sie versteht sich gut mit Jim und beide werden ein Paar. Doch bald findet Aurora den wahren Grund ihres Erwachens heraus.

Die Schuldfrage

Ich weiß, dass man gerade den Aufwachprozess von Aurora auch anders interpretieren kann. Marco von Duoscope sprach glatt von → „Rape Culture im All„. Ich sehe das etwas differenzierter. Ja, Jim hätte auch einen Mann aufwecken können. Hat er aber nicht, sondern eine Frau, die er attraktiv und witzig fand. Ist das nicht auch verständlich? Wenn ich jemanden aufwecken müsste, dann würde ich mir auch jemanden suchen, bei dem die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, dass man sich gut mit ihm versteht. Hätte Jim nicht mit sich gerungen, sondern einfach aus eigennützigen Gründen Aurora aufgeweckt, dann hätte ich Verständnis für eine solche Einschätzung gehabt. Aber er hat sich gequält und am Ende egoistisch gehandelt. Natürlich ist das moralisch äußerst verwerflich. Das Problem ist hier aber weniger die Frage, ob der Mann die Frau missbraucht, sondern eine der Narration. Wenn man PASSENGERS etwas anlasten kann, dann ist es die Art und Weise wie die Handlung erzählt wird. Durch Zufall habe ich den großartigen Videoessay von Evan Puschak aka Nerdwriter1 entdeckt. Er hat die Handlung von PASSENGERS umgestellt und die Perspektive von Jim Preston durch die Perspektive von Aurora ersetzt.

Quelle: Nerdwriter1

Kitsch, Kitsch, Bäng, Bäng

Besonders im dritten Akt lässt die Story dann doch sehr stark nach. Die wichtigen Features des Raumschiffes sind bereits gezeigt, Jim und Aurora gehen getrennte Wege, da muss natürlich eine Aufgabe her, die beide wieder zusammenbringt. Auch wenn das Filmmarketing PASSENGERS als Thriller angekündigt hat, so ist er doch letzten Endes ein Liebesfilm. Und gerade das passt so gar nicht zu den vorangegangenen zwei Dritteln. Es wirkt wie drangeklatscht, kitschig und unrealistisch. Aurora hat eine Wahl: Sie kann sich selbst retten und muss Jim dafür zurücklassen oder sie ergibt sich ihrer Situation und bleibt mit Jim zusammen.

© Sony Pictures

Den Genreregeln entsprechend entscheidet sich Aurora für die unrealistische Option. Der Film unterstellt seinen Figuren – insbesondere Aurora –  einen gewissen Idealismus. Er geht davon aus, dass die Figuren die „Liebe ihres Lebens“ über das eigene Überleben stellen. Es mag vielleicht daran liegen, dass ich neulich LIFE gesehen habe, aber ich glaube, niemand würde so handeln. Der Mensch strebt immer danach zu überleben und nicht zwangsläufig danach glücklich zu werden und mit seiner besseren Hälfte in den Sonnenuntergang zu reiten. Und schon gar nicht im Weltraum. Und schon ganz und gar nicht, wenn es eine Alternative gibt. Nichtsdestrotrotz ist PASSENGERS ein unterhaltsamer Film. Wenn man die narrativen Schwächen einmal ausblendet, bekommt man hier einen optisch ansprechenden Film mit zwei tollen Hauptdarstellern. Mehr hatte ich auch nicht erwartet.

5/6 bzw. 8/10

Trailer: © Sony Pictures Germany

  1. Erstmal vielen Dank fürs Erwähnen und Verlinken. 🙂 <3

    Ein bisschen missverstanden fühle ich mich aber dennoch. Ich kreide dem Film ja gar nicht an, dass der Mann die Frau aufweckt und belügt.
    Ich kreide dem Film an, dass die Frau das toll findet!

    "Rape-Culture" beinhaltet ja immer auch den Vorwurf, dass eine Frau eine Vergewaltigung toll finden kann, etwa weil sie dabei schwanger wird oder einen Orgasmus oder ähnliches. Sooo schlimm kann das also nicht sein!
    "Rape Culture" beinhaltet auch, dass eine Frau, die sich entsprechend kleidet, benimmt oder betrinkt, eine Vergewaltigung billigend in Kauf nimmt, entsprechend also eine Mitschuld trägt.

    All das unterstützt der Film: Aurora ist schön und witzig, also irgendwie selbst schuld, dass der Mann sie entführt. Und am Ende verzeiht sie ihm, verliebt sich sogar in ihn, findet das also alles auch gar nicht so schlimm. Der Mann wird für seine Entführung und Vergewaltigung (Wenn man denn gewillt ist, sexuellen Kontakt unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als Vergewaltigung zu werten) nicht nur nicht bestraft, sondern auch noch belohnt – von seinem Opfer.
    Da ist es unerheblich, ob der Mann mit seiner Entscheidung hadert – der FILM schildert den Film in einer Art und Weise, die Entführung und Vergewaltigung im besten Falle verharmlost, im schlimmsten, je nach Betrachtungsweise, sogar glorifiziert.

    Das finde ich schlicht nicht erstrebenswert …
    Aber wie gesagt, man kann das anders werten. Nur hängt es sich eben für mich nicht am Verhalten des Mannes auf, sondern an dem der Frau!

    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Das kann man sicher so sehen, man könnte aber auch die – zugegeben etwas naive – Vorstellung, dass Aurora sich wirklich in Jim verliebt, in dem Film sehen. Wie ich schon geschrieben habe, der Film will ein Liebesfilm sein (auch wenn das nicht an allen Stellen gelingt). Ich persönlich finde das Ende auch etwas zweifelhaft, aber mich stört eher die Tatsache, dass Aurora nicht einfach Jim zurücklässt um ihr eigenes Überleben zu sichern als die Tatsache, dass sie Jim vergibt. Ohne Zweifel hätte der Film besser erzählt werden können (Ich mag die Idee aus dem Nerdwriter-Video, dass Jim stirbt und damit Aurora in die gleiche Lage bringt.), aber ich hatte keine großen Erwartungen an den Film und daher fand ich ihn ganz okay.

    • Also ich muss hier Marco an dieser Stelle vollkommen Recht geben. Selbst habe ich den Film damals damit verglichen, dass man Natascha Kampusch vorwirft, warum sie denn geflüchtet sei, wenn sie doch alles für eine Frau Erstrebenswerte bereits erreicht habe.

      Der Film zeigt eine hilflose Frau, die nicht auf sich alleine gestellt überleben kann, nur Anhängsel zum Mann ist und sich zu keiner Zeit mit ihrem Stockholm-Syndrom auseinandersetzt. Das kann man durchaus filmisch darstellen, aber dieses unkritisch als Liebesschnulze darzustellen gleicht einem Verbrechen an der Jugend, die sich diesen Film anschaut und dadurch beeinflusst wird.
      Das ursprüngliche Drehbuch hätte die Sache ein kleines bisschen besser gemacht und mehr Grauzonen zugelassen, aber so ist es einfach nur die Befürwortung, andere Menschen mit lebenszerstörenden Maßnahmen und Lügnerei für sich zu gewinnen. Selbst in Comedy-Serien wie How I met your Mother und Two and a Half Men wird das kritisch überhöht beleuchtet. In Passengers aber einfach nur unkritisch in einem Happy-End aufgelöst, ohne sich mit der negativen Seite auseinanderzusetzen.

      • Ich finde schon, dass die negative Seite ausgiebig beleuchtet wurde. Das moralische Dilemma wird doch ausreichend aufgearbeitet. Allerdings sehe ich das Happy-End auch ziemlich problematisch, eben weil es eine Alternative gibt. Aurora hätte die Möglichkeit wieder einzuschlafen, aber sie entscheidet sich dagegen. Aus freien Stücken. Das war ihre Entscheidung, dass sie bei dem Mann bleibt, der sie aufgeweckt hat. Daher sehe ich den Rape-Culture-Vorwurf auch nicht ganz.

  2. Die „Rearranged“-Version von Nerdwriter1 hätte ich sehr viel besser gefunden. So ist es ein netter Film gewesen, der hauptsächlich toll aussah, aber mich irgendwann einfach nicht mehr so gefesselt hat.

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