Festivalblock Arabischer Herbst
Veranstaltungsort: Großes Bali

The Facebook of my Father
Regie: Erige Sehiri
The Facebook of my Father auf IMDB

Erige Sehiri besucht ihren Vater in Tunesien. Vor 40 Jahren ist er wie viele seiner Generation nach Frankreich ausgewandert und hat dort eine Familie gegründet. Als in Tunesien im Winter 2010 die Revolution ausbrach, hat er Facebook entdeckt, und als ihm klar wurde, dass das Land vor tiefen Veränderungen steht, hat er einen Koffer gepackt und ist in das Dorf seiner Kindheit zurück gekehrt – um mitzuhelfen und die Revolution zu ihrem Recht kommen zu lassen. Seine Nachbarn belächeln ihn, seine Frau versucht, ihn über Skype zur Rückkehr zu bewegen, und die Tochter filmt den fremden, aber auch glücklichen Vater.

Der Vater von Erige Sehiri ist der totale Sympathieträger. Er trägt mühelos durch den 21 Minuten langen Kurzfilm. Es ist großartig, dass bestimmte Probleme (in diesem Fall: Aufregen über eine lahme Internetverbindung) weltweit überall gleich sind – auch in einem Land, dass von der Revolution durchgeschüttelt wurde wie Tunesien.
Auf dem Boden der Tatsachen
Regie: Roshanak Zangeneh
Der komplette Film unter diesem Link

Den Blick der Kamera streng nach unten gerichtet, läuft die Filmemacherin durch Kairo. Die Zeit ist Jetzt, irgendwann zwischen der Revolution und der Zukunft. Der durch den gesenkten Blick beschränkte Bildausschnitt gibt wenig Preis und macht uns umso wachsamer auf die Stimmen und Geräusche. Eine kleine, energische Performance mit der Handkamera, die mehr erzählt als so manche Bilderflut.

Man sieht einfach  nur 10 Minuten lang Füße und verschiedene Untergründe. Es wird weder gesprochen noch sonst irgendwas erklärt. Man erfährt auch nicht, dass es sich um Kairo zur Zeit der Revolution handelt. Eine unausgereifte Idee.
CROP
Regie: Johanna Domke, Marouan Omara
Der Trailer zum Film

CROP behandelt die Rolle der Bilder in der Ägyptischen Revolution von 2011. Anstelle der gewaltsamen Aufstände und ihrer Spuren im öffentlichen Raum zeigt der Film das Innenleben der ältesten Staatszeitung Al-Ahram, von der Chefetage bis zur Druckerei. Die ruhige, unkommentierte Beobachtung des Arbeitsalltags begleitet die Erzählung eines Fotojournalisten, der die Revolution wegen eines Krankenhausaufenthalts verpasst hat. Als er seine Arbeit wieder aufnehmen kann, bedrängen ihn Fragen nach dem politischen Einfluss von Bildern, ihrem Missbrauch und nicht zuletzt seiner eigenen Mithilfe bei der Produktion einer Wirklichkeit, die zunehmend unerträglicher wurde.

CROP ist unglaublich langatmig. Die 47 Minuten ziehen sich in die Länge und man fragt sich worin der Sinn besteht. Erst in den letzten 15 Minuten geht einem dieser Sinn langsam auf. Bis man aber an diesem Punkt ankommt, ist es unglaublich anstrengend dem Film zu folgen.

Festivalblock Beziehung, also gut
Veranstaltungsort: Großes Bali

Nation for Two
Regie: Chaja Hertog , Nir Nadler
Trailer zum Film

Ein Mann und eine Frau graben sich einen Weg von zwei weit entfernten Orten der Erde aufeinander zu. Sie durchqueren ganze Kontinente, Städte, einsame Karstlandschaften, Kriegsgebiete, Wälder, Industrieanlagen, Meere und Seen. NATION FOR TWO thematisiert, dass die Kraft der Liebe alle nationalen oder geographischen Grenzen überwinden kann.

Eine bildgewaltige Stop-motion-Liebesgeschichte, die trotz seiner ruhig erzählten Art den Zuschauer in seinen Bann zieht. Toll gemacht!

Die Hofers
Regie: Peyman Ghalambor
Seite der HFF Potsdam zum Film

Ein Umkleideraum, Artisten bereiten sich auf die Bühne vor, voller Konzentration beim Schminken, dann in der Erschöpfung und Zufriedenheit nach dem Auftritt. Der Film begleitet Irene und Roland Hofer in ihrem Arbeits-Alltag beim Zirkus. Ganz nebenbei ein Gespräch über die Liebe und den Liebes-Alltag zusammen. Die beiden sind seit 11 Jahren miteinander verheiratet. Dabei ist sie eigentlich gar nicht sein Typ….

Die beiden Protagonisten sind absolut liebenswert. Beide sind völlig offen und erzählen viel wie sie sich kennengelernt haben. Das Portrait eines außergewöhnlichen Liebespaars, erzählt in 10 Minuten.

Der Hase
Regie: Isabel Paehr

Eine kleine schwarz-weiße Liebeserklärung, die die Kraft (oder die Verirrung) der Liebe kurz und klar illustriert.

Eine schöne 1-Minuten-Liebesgeschichte.

Ein Wochenende in Deutschland
Regie: Jan Soldat
Trailer zum Film 

Manfred und Jürgen, beide Mitte 70, genießen den freien Samstag. Sonnen, Gartenarbeit und Streit. Am Sonntag kommt Rosi, ein alter Bekannter, zur SM-Bondage-Session vorbei. Ein ganz normales Wochenende in Deutschland.

Dieser Film ist ein absolutes Gagfeuerwerk. Die beiden Protagonisten gehen völlig offen mit ihren sexuellen Vorlieben um und haben weder Berührungsängste mit der Kamera noch mit Zeugen Jehovas, die plötzlich unerwartet am Gartenzaun stehen. Gerade diese Offenheit sorgt beim Zuschauer für einige Lacher, jedoch lacht man nie über die sympathischen Männer, sondern eher über die Komik des Augenblicks. Ein toller Film!

Mein Großvater Wolfgang
Regie: Hannes Schilling
Website zum Film

Der Großvater des Regisseurs hat sich mit 84 Jahren, nur kurze Zeit nach dem Tod von Großmutter Gertraude, neu verliebt. Kein Tabubruch sondern ein wunderbarer Neuanfang. Aus der anfänglichen Internetbekanntschaft ist mittlerweile eine echte Liebesbeziehung geworden, in der Wolfgang sich, vor allem in sexueller Hinsicht, neu entdeckt.

Regisseur Hannes Schilling versucht die neugeweckten Lebensgeister seines Großvaters zu ergründen, der frisch verliebt ist. Dies gelingt sehr gut, weil Wolfgang ein sympathischer Protagonist ist und im Verlauf des Films immer offener wird, wenn er seine Beziehung in Worte fasst.

also gut.
Regie: Petra Lottje
Website zum Film mit Preview

Eine Frau spricht in unterschiedlichen Posen mit der Stimme von Romy Schneider hastig Sätze an einen Mann, der nicht zu sehen ist. Ein Moment von Sprache und Sprachlosigkeit in der Beziehung zwischen Mann und Frau – und eine Hommage an eine Szene aus dem Film „Die Dinge des Lebens” („Les Choses de la vie“) von Claude Sautet (1969).

Ohne Erklärung ist der Film absolut verwirrend für jeden Zuschauer.

Wildnis
Regie: Helena Wittmann
Website zum Film

Kartoffeln müssen geschält, vertrocknete Blütenblätter von Orchideen gezupft werden. Ein ganz normaler Tag im Leben eines Rentnerpaares in einem Haus, dessen Einrichtung aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und dann, in einem Flügelschlag, offenbart sich eine unerwartete Ebene, gemeinsam verbrachter Lebenszeit.

In einem alten Haus fliegen plötzlich Vögel. Sie werden als Projektionen auf die Möbel im Haus geworfen. Mehr passiert eigentlich nicht. Schade.

 

Festivalblock Kapitalismus frei assoziiert
Veranstaltungsort: Großes Bali

Fire Work
Regie: Stina Wirfelt
Der komplette Film

Das Video verknüpft verwaiste Immobilien in Irland, einen Hollywood-Filmdreh in Glasgow und zwei fehlplatzierte Mosaike in Edinburgh – Dreh- und Angelpunkt ist ein Wohnzimmer. Der Raum wird von einem unzuverlässigen Erzähler bewohnt, der in seiner Erzählung Fakten, Fiktion und persönliche Erinnerungen durchforstet.

Das Tolle an diesem Film ist dieser On-/Off-Effekt. Allerdings ist der Rest der Geschichte etwas wirr erzählt und man versteht als Zuschauer die Zusammenhänge nicht immer.

Unsupported Transit
Regie: Zachary Formwalt
Website zum Film

UNSUPPORTED TRANSIT spielt in einem Neubaugebiet in Shenzhen, der ersten Sonderwirtschaftszone Chinas, in der derzeit ein von Rem Koolhaas gestalteter neuer Börsenkomplex errichtet wird. Vor diesem imposanten visuellen Hintergrund entspannt sich eine Geschichte, an deren Beginn eine Auftragsarbeit steht, die Eadweard Muybridge für den amerikanischen Großindustriellen Leland Standford ausführte, bevor seine berühmten fotografischen Analysen der Schrittfolge von Pferden entstanden. Während die Off-Erzählung von Überlegungen über Zeitraffer-Aufnahmetechnik bis zu Karl Marx‘ Analyse der scheinbar eigenständigen Bewegung des Kapitals fortschreitet, vollziehen sich erstaunliche logische Rückkopplungen zwischen ökonomischen Denkmustern und bildtechnologischen Entwicklungen, die in der Bildebene des Films zusammenfinden.

Für diesen 14 Minuten langen Kurzfilm spricht definitiv die Optik. Der Bau dieses Chinesischen Börsenkomplexes sieht einfach unglaublich gut aus. Leider entsteht auf der Tonebene nicht viel. Man versteht nicht, warum Formwalt angesichts des imposanten Gebäudes von Schrittfolgen von Pferden spricht.

Lettres du Voyant
Regie: Louis Henderson
Trailer zum Film

„Das Gold zurück zu nehmen, das uns gestohlen wurde – das ist das Ziel unseres Handelns.“ LETTRES DU VOYANT ist eine dokumentarische Fiktion über Spiritismus und Technologie im heutigen Ghana, die versucht, Wahrheiten über eine mysteriöse Praxis namens „Sakawa“ – Internet-Betrügereien, die mit Voodoo-Zauber arbeiten – ans Licht zu bringen. Der Film verfolgt die Geschichte der Betrüger bis zur Zeit der ghanaischen Unabhängigkeit zurück und liest in diesem Kontext Sakawa als eine Form des Anti-neokolonialen Widerstands. Der Film nimmt den Betrachter mit auf eine Reise ans Ende der Welt, in einen unterirdischen Raum, der zu verschiedenen Orten führt: Zu einer Goldmine, einer Deponie für Elektroschrott, einem Voodoo-Ritual und einer Diskothek. Aus dem Off wird eine Reihe von Briefen gelesen, die eine unbekannte Person an den Filmautor geschrieben hat. Briefe, die von der Kolonialgeschichte Ghanas erzählen, von Gold, von Technologie.

Lettres du voyant ist viel zu lang. Die 40 Minuten Film ziehen sich dermaßen in die Länge und man versteht auch nicht die Haltung des Filmers. Die goldenen Animationen sehen gut aus, aber der Rest wirkt willkürlich zusammengewürfelt. Die Schlachtung eines Huhns und eines Hundes sind ebenfalls zu sehen – nichts für schwache Gemüter.