Der seltsame Fall des Mason Evans Jr.

[…] We do [believe] in the visual effects industry, that anything is possible as long as you have enough time, resources and, of course, money.“ In einem → TED-Vortrag zu dem digitalen Alterungsprozess von Brad Pitt im Film THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON erklärt Visual Effects-Experte Ed Ulbrich, dass im Grunde mit der heutigen Technik alles möglich ist. Mit genug Zeit, Ressorcen und natürlich Geld. Alle drei Dinge hat Regisseur Richard Linklater sicherlich auch in seinen neuen Film gesteckt. Allerdings entschied er sich bewusst dazu, der Zeit ihre Zeit zu lassen. 12 Jahre Drehzeit. Jedes Jahr neue Zeit- und Drehpläne. Ein ordentliches Arbeitspensum. Ein Experiment, das gelang. In BOYHOOD geht es um den 6-jährigen Mason (Ellar Coltrane), der zusammen mit Schwester Samantha (Lorelei Linklater) bei der alleinerziehenden Mutter Olivia (Patricia Arquette) aufwächst. Der Vater (Ethan Hawke) ist irgendwo in Alaska und wenn er doch mal vorbeischaut, untergräbt er die Autorität der Mutter. Die muss neben ihrem Haushalt und den Kindern auch noch ihr Studium meistern. Mason muss mehrfach umziehen, sich an neue „Väter“ gewöhnen und seinen eigenen Weg im Leben finden.

© Universal Pictures

Den silbernen Bär für die beste Regie der diesjährigen Berlinale hat Linklater sicherlich verdient, einen Preis für das beste Drehbuch nicht. Der Film lebt vom Alterungsprozess seiner Protagonisten. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, es geht überhaupt nicht um die Geschichte der Protagonisten. Es sind die kleinen Änderungen, die so unglaublich viel im Zusammenschnitt ausmachen: ein erwachsener Gesichtsausdruck, eine neue Frisur, ein neuer Lebensgefährte… BOYHOOD ist zudem eine Bestandsaufnahme der jeweils aktuellen Lebenskultur. Der Gameboy wird von der Wii verdrängt. Gerade noch in der Schlange den neusten Harry-Potter-Band geholt, ist schon wieder TWILIGHT und HIGH SCHOOL MUSICAL aktuell. Britney Spears wird zur Lady Gaga. Persönliche Gespräche weichen Skype und Facebook. Der Film lebt vom der Nostalgie und dem „Weißt-du-noch-wie-es-früher-war-Gefühl“ und schafft es zeitweilig auch ein Portrait der US-Südstaatenmentalität einzufangen. Da bekommt der Bub zum 15. Geburtstag eine Bibel und eine Flinte geschenkt. Und in den Gottesdienst muss er auch gehen. Und man sitzt ums Lagerfeuer und singt Folkmusik. Weil sich das eben so gehört.

Wer eine spannende Handlung erwartet, ist hier an der falschen Adresse.  Dadurch hängt der Film, gerade gegen Ende ziemlich stark durch. Obwohl der Film das ganze Leben einfangen will, passieren Mason nie besondere Schicksalsschläge wie Tod oder Krankheit. Lorelei Linklater war an einem bestimmten Punkt der Dreharbeiten nicht mehr so sehr vom 12-Jahres-Projekt ihres Vaters überzeugt und bat ihren Vater ihre Figur sterben zu lassen. Hätte der Vater mal auf seine Tochter gehört. Dann wäre etwas mehr Pepp in die Story gekommen. Aber gut, es ist wie es ist. 166 Minuten Lebensgeschichte eines Jungen.

Idee außergewöhnlich, inhaltlich eher mau (4/6)


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