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Kritiken zu Filmen, Serien und NT Live-Übertragungen

Drama

4 Könige (2015)

© Port au Prince Pictures

Weihnachten in der Klapse

Es war ein gutes Jahr für den deutschen Film. Der Erfolg von VICTORIA hat Kritiker wie Publikum unfassbar gefreut und gezeigt, dass deutsches Kino mehr kann als Historienschinken und Rom Coms. So kann es gerne im nächsten Jahr weitergehen. Zum Jahresausklang gibt’s noch ein cineastisches Bonbon: das Regiedebüt von Theresa von Eltz, dass an einem sehr unweihnachtlichen Ort spielt, nämlich in einer sterilen psychiatrischen Anstalt. Während alle anderen Patienten Weihnachten mit ihren Familien verbringen, müssen Lara (Jella Haase), Alex (Paula Beer) und Fedja (Moritz Leu) auch weiterhin in der Klinik bleiben. Zur Gruppe stößt auch noch der aggressive Timo (Jannis Niewöhner), der von der geschlossenen Abteilung übergangsweise in die Offene wechseln darf. Trotz Protest der Klinikleitung  und insbesondere Schwester Simone (Anneke Kim Sarnau) setzt sich der betreuende Arzt Dr. Wolff (Clemens Schick) für Timo ein. Die Annäherung der Jugendlichen, von denen jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat, verläuft nur schleppend. Der schüchterne Fedja ist von Timo derart eingeschüchtert, dass er kurzerhand aus dem Fenster springt. Fedja überlebt den Sprung und paradoxerweise bringt der Selbstmordversuch die Gruppe immer näher zusammen.

© Port au Prince Pictures

4 KÖNIGE ist einer der besten Anti-Weihnachtsfilme, die es gibt. In dieser sterilen Umgebung mit Bastelgruppen und Gruppensitzungen mag nicht wirklich Weihnachtsstimmung aufkommen. Das spüren auch die Jugendlichen, die von ihren Eltern in die Psychiatrie abgeschoben wurden, damit das Weihnachtsfest zuhause möglichst störungsfrei verläuft. Passend zu dieser trostlosen Stimmung unterlegt Theresa von Eltz die Handlung zu Beginn mit dem Track → „Kids (2 Finger an den Kopf)“ von Materia. Im Refrain heißt es: „Alle haben ’nen Job, ich hab Langeweile! Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern. So ist das hier im Block, tagein, tagaus. Halt mir zwei Finger an den Kopf und mach: Peng! Peng! Peng! Peng!“ Damit ist der negative Grundtenor der Jugendlichen perfekt unterstrichen. Es bleibt viel Raum für Spekulationen. Die Charaktere sind allesamt sehr wortkarg und nicht gerade mitteilsam. Der Zuschauer wird aufgefordert die narrativen Lücken zu füllen. Langeweile oder Durststrecken kommen somit überhaupt nicht auf. Zudem befragen sich die Jugendlichen im Rahmen der Therapie nicht nur sich gegenseitig, was sie von Weihnachten erwarten, sondern auch Ärzte und Pfleger. Mittels Handkamera werden die guten und nicht so guten Erinnerungen festgehalten, was den Szenen einen Homevideo-Charakter verleiht.

© Port au Prince Pictures

Der Cast ist fantastisch. Jella Haase, die man bereits als Chantal aus den FACK JU GÖHTE-Filmen kennt, darf wieder eine vorlaute Teenagerin geben, auch wenn Lara im Gegensatz zu Chantal auch eine düstere Seite hat. Auch Paula Beer werden Western-Fans bereits aus DAS FINSTERE TAL kennen.  Die Zerissenheit eines Scheidungskinds, das zwischen den Stühlen sitzt,  aber auch die fürsorgliche Ader für ihre Mutter und die anderen Jugendlichen verkörpert sie gut.  Moritz Leu und Jannis Niewöhner glänzen ebenfalls als schüchternes Mobbingopfer und unberechenbarer Schlägertyp. Dr. Wolff wird großartig von Clemens Schick gespielt. Wolff, der offenbar ebenfalls eine schwierige Kindheit hinter sich hat (was allerdings nie ganz aufgeklärt wird),  setzt weniger auf starre Regeln als seine Kollegen, sondern auf Eigenverantwortung der Jugendlichen. Er lässt den Jugendlichen viele Freiheiten, steht ihnen aber zur Verfügung, wenn sie ihn brauchen (siehe → Interview). Wenn es sein muss, scheucht er Alex auch mal durch den Wald oder spricht Timo gegenüber ein Machtwort aus. 4 KÖNIGE ist einer der berührendsten und vielleicht auch ehrlichsten Weihnachtsfilme. Es ist nicht immer alles Gold und Glitzer, Friede und Freude. Manchmal macht die Familie Stress und die Kekse schmecken einfach nur scheiße.

Fantastischer Anti-Weihnachtsfilm (6/6)

Trailer: © Port au Prince Pictures/Kinocheck

  1. Den hätte ich auch sehr gerne sofort gesehen, aber im einzigen Kino, das ihn in meiner Nähe zeigte, ist er schon wieder abgesetzt 🙁

  2. Anti-Weihnachtsfilme sind ja grundsätzlich was für mich. Und dann auch noch aus deutschen Landen. Muss ich wohl sehen. 🙂

  3. Mein Favorit bei Anti-Weihnachtsfilmen ist „Bad Santa“ mit einem köstlich versoffenen Billy Bob Thornton in der Titelrolle.

    • Den kenne ich noch nicht. Insgesamt ist mein Wissen über Weihnachts- und Anti-Weihnachtsfilme noch sehr gering. Kommt deshalb auch sofort auf meine To-watch-Liste…

  4. Und grade lese ich in der Süddeutschen Zeitung, dass BBT für die Fortsetzung wieder in die rote Kutte steigen wird…

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