Zehn Jahre hat es gedauert, bis BBC und Prime Video der eigentlich als Miniserie konzipierten Spionage-Geschichte von John le Carré eine Fortsetzung spendiert haben. Im April 2024 wurde bekannt, dass gleich zwei weitere Staffeln von THE NIGHT MANAGER in Auftrag gegeben wurden. Erstmals wagt sich die Serie über die literarische Vorlage hinaus. Jonathan Pine (Tom Hiddleston) glaubt, seine turbulente Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Unter dem Namen Alex Goodwin führt er als unscheinbarer MI6-Mitarbeiter ein ruhiges Leben in London. Dort leitet er eine kleine Überwachungseinheit, die nicht selbst im Feld aktiv ist, sondern nur Aufklärung betreibt. Doch als Pine zufällig auf Verbindungen zum Umfeld des Waffenhändlers Richard Ropers (Hugh Laurie) stößt, beschließt er einzugreifen. Seine Nachforschungen führen ihn zu einer gewaltsamen Begegnung mit dem kolumbianischen Geschäftsmann Teddy Dos Santos (Diego Calva). Auf dieser gefährlichen Mission trifft Pine auf die Geschäftsfrau Roxana Bolaños (Camila Morrone). Sie hilft ihm widerwillig dabei, in Dos Santos‘ kolumbianische Waffenoperation einzudringen. In Kolumbien kämpft Pine nun darum, eine weitreichende Verschwörung aufzudecken.

Hochglanz mit angezogener Handbremse
Wie schon die erste Staffel von THE NIGHT MANAGER präsentiert sich auch Staffel 2 als Hochglanz-Produktion. Die Serie erfreut sich sichtlich an ihrem erstklassigen Ensemble und beeindruckenden Schauwerten. Neben London spielt die Geschichte auch an stylischen Drehorten in Kolumbien, Spanien und Frankreich. Visuell gibt es also nichts zu meckern. Die Serie will zwar James Bond Konkurrenz machen, fährt dabei aber permanent mit angezogener Handbremse. Die ersten drei Folgen wurden in einem Rutsch veröffentlicht, danach erschien wöchentlich eine neue Episode. Das passt ganz gut, denn diese drei Auftakt-Episoden dümpeln eher gemächlich vor sich hin, ohne groß wehzutun. Man merkt der Staffel deutlich an, dass sie als Übergang zur bereits bestätigten dritten Staffel konzipiert wurde. Die Handlung aus Staffel 1 wird zwar weitererzählt, aber vieles bleibt in der Schwebe. Auf den ersten Blick wirkt Staffel 2 wie eine Kopie ihres Vorgängers: Es gibt den Helden Jonathan Pine. Es gibt einen Waffenhändler, den er bekämpfen will. Und es gibt eine attraktive Frau, die der Bösewicht mehr oder weniger gefangen hält. Doch spätestens ab der vierten Folge dreht die Geschichte noch einmal alles auf links.

Alte und neue Gesichter
Positiv hervorzuheben ist die Continuity der Serie. Die wichtigen Schauspieler aus Staffel 1 kehren in ihren Rollen zurück. Ein Re-Casting hat es erfreulicherweise nicht gegeben, wodurch irgendwie alles aus einem Guss wirkt. Allerdings tauchen auch sehr viele neue Gesichter auf. Das überfordert gerade am Anfang der Staffel ein wenig, wenn man versucht, alle Figuren und ihre Verbindungen für sich zu sortieren. Olivia Colman schaut leider nur kurz vorbei. Das ist schade, denn sie war in der ersten Staffel wirklich gut. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die Autoren nicht so recht wussten, was sie mit ihrer Figur machen sollen. Dafür überzeugt Tom Hiddleston immer noch in seiner Rolle als Jonathan Pine. Das Charisma, von dem Hiddleston gefühlt die doppelte Menge eines Normalsterblichen abbekommen hat, ist in jeder Szene sichtbar. Schaut man die Serie im Original mit Untertiteln, hört man Hiddleston auch immer wieder Spanisch sprechen.

Die Antagonisten
Was THE NIGHT MANAGER bis zur vierten Folge schmerzlich vermissen lässt, ist ein charismatischer Antagonist. Diego Calva kann die gewaltige Lücke, die Hugh Laurie hinterlassen hat, nicht so recht füllen. Richard Roper war charismatisch, liebenswürdig und gleichzeitig unberechenbar. Vor ihm hatte man wirklich Angst. Er strahlte auch noch mit einem Lächeln Gefahr aus. Calvas Teddy Dos Santos wirkt dagegen wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal eine Waffe in der Hand hält. Er wedelt wild damit herum und hält sich für den Größten. Es fehlen die Lebenserfahrung und die bedrohliche Ausstrahlung. Daher wirken manche Momente auch unfreiwillig komisch. In einer Szene fällt der betrunkene Jonathan in einen Pool. Teddy zieht ihn heraus, streichelt ihm dann übers Gesicht, während Jonathan ihm sagt, was er hören will. Das sollte wohl bedrohlich oder intim wirken. Stattdessen löst es eher Irritation aus.

So sexy wie ein toter Briefkasten
Auch Camila Morrone als Femme Fatale hat mich eher kalt gelassen. Die Chemie zwischen Hiddleston und ihr würde ich eher als unterkühlt bezeichnen. Es gibt eine Tanzszene in Episode 3, die mich tatsächlich zum Lachen gebracht hat, weil sie wirklich so absurd war. Teddy, Roxy und Jonathan kommen sich auf der Tanzfläche näher und tanzen zu dritt miteinander. Das sollte vermutlich knisternd und erotisch wirken. Für mich fühlte es sich komplett unpassend und so überhaupt nicht sinnlich an. Gerade, wenn man es mit der erotischen Hotelzimmer-Szene aus Staffel 1 mit Elizabeth Debicki vergleicht, wirkt das geradezu lachhaft. Die Chemie stimmt hier einfach nicht.

Solide, aber nicht berauschend
Aber auch bei der Handlung gibt es an manchen Stellen recht offensichtliche Logiklöcher. Innerhalb einer einzigen Folge verwandelt sich Pine vom unauffälligen Schreibtisch-Agenten zum Field Agent. Seine Abteilung schaut normalerweise nur von außen zu und gibt Hinweise weiter. Aber plötzlich bekommt er Geld und Ausrüstung gestellt. Und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits klar ist, dass es im MI6 einen Maulwurf geben muss? Warum fällt das niemandem auf? Solche Ungereimtheiten untergraben etwas die Glaubwürdigkeit. Trotz aller Kritikpunkte funktioniert THE NIGHT MANAGER in seiner zweiten Staffel als kurzweilig unterhaltende Spionage-Kost. Die Produktion sieht fantastisch aus. Tom Hiddleston liefert zuverlässig ab. Die Wendung in der vierten Folge bringt endlich Schwung in die Handlung. Wer die erste Staffel mochte, wird auch hier auf seine Kosten kommen. Man sollte nur keine Revolution erwarten. Die Serie baut offensichtlich auf Staffel 3 hin und hält sich deshalb mit großen Enthüllungen zurück. Als Übergangs-Staffel erfüllt sie ihren Zweck. Sie hält die Spannung aufrecht und macht neugierig auf das, was noch kommen mag. Für einen gemütlichen Serienabend reicht das schon.
THE NIGHT MANAGER ist exklusiv über den Streamingdienst Prime Video abrufbar. Die erste Staffel gibt es auch auf Blu-Ray und DVD.
7.5/10



