Rental Family (2025)

Kann eine gespielte Umarmung genauso wärmen wie eine echte? RENTAL FAMILY, der zweite Langspielfilm der japanischen Regisseurin Hikari, stellt genau diese Fragen. Im Zentrum der Geschichte steht dabei der US-amerikanische Schauspieler Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser). Er lebt seit mehreren Jahren in Tokio. Erfolgreich ist er dort aber nicht. Die großen Rollen bleiben aus. Eines Tages heuert er bei einer sogenannten Rental-Family-Agentur an. Sein Chef Shinji (Takehiro Hira) und Kollegin Aiko (Mari Yamamoto) erklären ihm das Geschäftsmodell: Kund:innen mieten sich Schauspieler, die in ihrem Leben bestimmte Rollen ausfüllen. Phillip spielt fortan mal den zukünftigen Ehemann einer Japanerin, mal den Videospiel-Kumpel für einen schüchternen, jungen Mann. Für eine alleinerziehende Mutter schlüpft er in die Rolle des Vaters, damit deren Tochter Mia (Shannon Mahina Gorman) den begehrten Platz an einer Eliteschule bekommt. Parallel trifft Phillip auf den Schauspieler Kikuo Hasegawa (Akira Emoto). Hasegawa mietet Phillip als Interviewer. Er soll Hasegawas Lebensgeschichte als Vermächtnis für dessen Tochter festhalten. Was als Auftrag beginnt, verwischt schnell die Grenzen zwischen Job und echter Verbundenheit.

Szenenbild aus RENTAL FAMILY - Mia (Shannon Mahina Gorman) weiß nicht, dass Phillip (Brendan Fraser) nicht wirklich ihr Vater ist. - © Disney / Searchlight Pictures
Mia (Shannon Mahina Gorman) weiß nicht, dass Phillip (Brendan Fraser) nicht wirklich ihr Vater ist. – © Disney / Searchlight Pictures

Einsamkeit als Geschäftsmodell

Diese Rental-Family-Firmen gibt es tatsächlich in Japan. Über 300 sollen es mittlerweile sein. Man kann das durchaus zynisch lesen. Hier verpackt der Kapitalismus die Einsamkeit einer ganzen Gesellschaft in eine hübsche Dienstleistung. „We sell emotion“, sagt Firmenchef Shinji im Film. Psychotherapie sei in Japan nach wie vor stigmatisiert. Also kauft man sich eben die Nähe seiner Mitmenschen ein. RENTAL FAMILY blickt dabei vornehmlich durch eine westliche Brille mit reichlich Humor auf dieses Phänomen. Die Kritik liegt nahe: Spült RENTAL FAMILY gesellschaftliche Probleme mit einer zuckersüßen Handlung weich? Lösen diese Firmen tatsächlich die Probleme ihrer Kund:innen? Natürlich nicht nachhaltig. Und ja, man kann → dem Film vorwerfen, dass er diese Facette nicht ausreichend beleuchtet. Aber: Muss ein Spielfilm die gesellschaftlichen Verwerfungen eines ganzen Landes aufarbeiten? RENTAL FAMILY ist ja kein Dokumentarfilm. Er will unterhalten. Und das gelingt ihm ausgezeichnet. Wer eine soziologische Analyse erwartet, ist hier falsch.

Szenenbild aus RENTAL FAMILY - Phillip (Brendan Fraser) verbringt Zeit mit dem Schauspieler Kikuo Hasegawa (Akira Emoto) - © Disney/Searchlight Pictures
Phillip (Brendan Fraser) verbringt Zeit mit dem Schauspieler Kikuo Hasegawa (Akira Emoto) – © Disney/Searchlight Pictures

Ist es weniger echt, wenn es gespielt ist?

Vielmehr kann man bei RENTAL FAMILY auch einen philosophischen Ansatz wählen. Die zentrale Frage des Films lautet: Kann etwas Gespieltes trotzdem wahr sein? Ein Kinofilm, genauer gesagt ein Spielfilm, ist auch ein fiktives Produkt. Schauspielerinnen und Schauspieler tun darin „so als ob“ und spielen Rollen. Trotzdem rührt uns ein guter Film zu Tränen oder bringt uns zum Lachen. Es kann also durchaus etwas Wahres in etwas Erfundenem liegen. RENTAL FAMILY, also der Film, ist dafür ein gutes Beispiel. Der Film arbeitet die Einsamkeit jeder einzelnen Figur – sowohl die der Kund:innen als auch der Begleiter:innen auf Zeit – so feinfühlig heraus, dass man schnell vergisst, einer erfundenen Handlung zuzuschauen. Die Momente zwischen Phillip und seinem Kunden Kikuo sind zum Teil herzzerreißend schön. Auch die Szenen mit der kleinen Mia schwanken geschickt zwischen komisch und tieftraurig.

Szenenbild aus RENTAL FAMILY -
Aiko (Mari Yamamoto) und Phillip (Brendan Fraser) führen Gespräche mit potenziellen Kunden. – © Disney / Searchlight Pictures

Ein Ensemblefilm

Der Cast ist umwerfend und sehr sympathisch. Brendan Fraser nimmt man den erfolglosen Schauspieler im fremden Land sofort ab. Nach seinem oscarprämierten Auftritt in THE WHALE hat Hikari ihn für die Hauptrolle besetzt. Und wenn man THE WHALE kennt, versteht man auch, warum. Um Phillip zu spielen, braucht es eine sensible, einfühlsame Seite, die auch nichts mit 90er-Jahre-Actionkino à la DIE MUMIE zu tun hat. Diese Verletzlichkeit zeigt Fraser hier wieder. Akira Emoto als geistig immer mehr abbauender Schauspieler Hasegawa ist mir vom ersten Moment an ans Herz gewachsen. Seine ruhige Art und dessen Lebensfreude sind besonders im dritten Akt des Films sehr zu spüren. Takehiro Hira gibt den pragmatischen Firmenchef Shinji mit der richtigen Mischung aus Geschäftssinn und unterdrückten Gefühlen. Mari Yamamoto bringt als Aiko eine erfrischende Energie mit, die dem Film guttut, und die ein energischer Gegenpol zum eher ruhigen Phillip bietet.

Szenenbild aus RENTAL FAMILY - Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) - © Disney/Searchlight Pictures
Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) – © Disney/Searchlight Pictures

Werbefilm für Japan?

Hikari hat sich gemeinsam mit Kameramann Takurō Ishizaka wirklich schöne Ecken in Japan herausgesucht. Das Wuseln in den Hochhäusern von Tokio, aber auch Lost Places auf dem Land werden gezeigt. Die Landschaftsaufnahmen dort sind sehr schön. Jedes Bild ist hübsch, ohne streng durchkomponiert zu sein. Dazu hat das Duo Jón Þór Birgisson (Leadsänger von Sigur Rós) und Alex Somers einen zarten, atmosphärischen Soundtrack beigesteuert, der die emotionalen Momente untermalt. Das Ende mag vielleicht etwas zu „wohlfühlig“ sein, aber die grundsätzliche Botschaft des Films wird schon deutlich, weil die Geschichte mit Wärme, Charme und handwerklichem Können erzählt wird. Hikari hat einen Film inszeniert, der unterhält, berührt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Die Frage, ob gespielte Nähe weniger wert ist als echte, hat mich auch noch ein paar Tage nach dem Kinobesuch beschäftigt. P.S. Taschentücher nicht vergessen.

Andere Filme, die sich ebenfalls mit dem Phänomen „Rental Family“ beschäftigen, sind z.B. FAMILY ROMANCE, LLC (2019) von Werner Herzog und PFAU – BIN ICH ECHT? (2024) von Bernhard Wenger.

9/10

Bewertung: 9 von 10.

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