möwe.live (2021)

Die digitale Theaterproduktion MÖWE.LIVE erzählt Anton Tschechows Drama für den digitalen Raum. Alles beginnt mit einem Sommer voller unbeschwerter Tage. Diesen verbrachten Kostja (Nils Hohenhövel), Nina (Klara Wördemann), Mascha (Jonny Hoff) mit Kostjas Mutter Arkadina (Ulrike Arnold) und ihrem neuen Liebhaber Trigorin (Janning Kahnert) in Frankreich. Festgehalten sind die Erlebnisse in Filmschnipseln aus Trigorins Video-Tagebuch und zahlreichen Fotos. Verbunden über soziale Medien verfolgen die Figuren, was aus den anderen geworden ist. Doch die Fassade der glücklichen Bilder bröckelt. Alle Beteiligten müssen feststellen, dass ihre Erwartungen ans Leben nicht unbedingt mit der Realität vereinbar sind.

Szenenbild aus MÖWE.LIVE - Kostja (Nils Hohenhöfel) - © Punkt.Live
Kostja (Nils Hohenhöfel) – © Punkt.Live

Interaktion ist ein zweischneidiges Schwert

Die Kernthemen des 1895 geschriebenen Dramas sind Einsamkeit, Sehnsucht und das Scheitern, sich ehrlich mitzuteilen. Perfekt also für Social Media. Bei jeder Vorstellung von MÖWE.LIVE ist der Text immer ein bißchen anders. Zudem haben alle Figuren des Stücks in den sozialen Netzwerken eine Onlinepräsenz, wodurch das Publikum vor, während und nach den Vorstellungen mit den Charakteren in Interaktion treten kann. Das ist zwar großartig und immersiv, allerdings auch ein zweischneidiges Schwert. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es einfach unheimlich verführt mit den Figuren zu interagieren, was dann allerdings bedeutet, dass man der eigentlichen Geschichte nicht mehr aufmerksam folgt. Mir persönlich ging es schnell nur noch darum, einen Vorwand zu finden, in Interaktion zu treten. Kostja hat Probleme mit dem Schreiben seines neuen Stücks? Kein Problem, hier eine Ladung Fangirling. Trigorin ist auf der Suche nach „tollen Projekten als Inspiration“? Kein Problem, natürlich melde ich mich.

Screenshots / Mein Austausch mit den Charakteren

Für Laptop und Second Screen konzipiert

MÖWE.LIVE steht in der Tradition von Desktopfilmen wie SEARCHING. Wir befinden uns als Zusehende auf mehreren Desktops, sehen welche Dateien geöffnet werden und welche Messenger-Dienste mit welchen Nachrichten befüllt werden. Tatsächlich wirkt das Stück unter der Regie von Cosmea Spelleken auch mehr wie ein Film und weniger wie ein Theaterstück. Dabei lässt sich gar nicht so richtig sagen, welche Szenen live gespielt sind und welche aus der Konserve kommen. Auf einem Laptop wirkt das Stück tatsächlich noch besser als auf der großen Leinwand, weil die Illusion einer fremden Benutzeroberfläche auf dem eigenen Laptop noch besser zur Geltung kommt. Dass es tatsächlich alles live ist, merkt man aber recht schnell am hochaktuellen Nachrichtenfeed oder der Tatsache, dass man auf dem Bildschirm das eigene Instagram-Handle entdeckt, weil man kurz davor der Figur eine Freundschaftsanfrage geschickt hat.

Szenenbild aus MÖWE.LIVE - Arkadina (Ulrike Arnold) und Trigorin (Janning Kahnert) - © Punkt.Live
Arkadina (Ulrike Arnold) und Trigorin (Janning Kahnert) – © Punkt.Live

Who is who?

Da es gleich drei Desktops plus Erinnerungsfetzen als klassische Filmschnipsel zu sehen gibt, ist die Inszenierung an manchen Stellen etwas verwirrend. Mal wird relativ schnell klar, wem der Desktop gehört (z.B. weil es oben rechts am Rand steht), mal ist gar nicht klar, welche Nutzeroberfläche wir jetzt sehen und welche Stimme im Hintergrund zu hören ist. Die grundsätzliche Idee ist eigentlich wirklich gut. Die Interaktion macht wirklich Spaß und ist definitiv ein Alleinstellungsmerkmal. Mit einem oder zwei Protagonisten würde das gut funktionieren, aber ich glaube MÖWE.LIVE hat sich mit den vielen Charakteren etwas zu viel vorgenommen.

7/10

Bewertung: 7 von 10.

Gesehen am 25.03.2022 im Rahmen der Woche junger Schauspieler*innen via Livestream

3 Kommentare zu „möwe.live (2021)“

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