Wer bisher bei GULLIVERS REISEN an Jack Black in der grottigen Filmadaption von 2010 denken musste, sollte lieber ins Theater gehen und sich stattdessen eine gelungenere Fassung des Romans von Jonathan Swift ansehen. Denn nach der PINOCCHIO-Inszenierung im Dschungel bringen Nils Strunk und Lukas Schrenk einen weiteren Buchklassiker in einer musikalischen Bearbeitung auf die Bühne. Dabei handelt es sich um ein Stück im Stück. Gullivers Neffe (Stefko Hanushevsky), der Direktor eines englischen Musical-Theatre, will die Reiseberichte seines berühmten Onkels gekürzt aufführen. Den Onkel selbst hat er vorsorglich aber nicht eingeladen. Doch Gulliver (Martin Schwab) taucht trotzdem auf und mischt sich immer wieder in die Aufführung ein, indem er das Stück einer Livekritik unterzieht. Seine Bühnenfigur, der Schiffsarzt Lemuel Gulliver (Gunther Eckes), erlebt die irrwitzigsten Abenteuer. Es verschlägt ihn nach Lilliput, wo er als Riese unter Winzlingen strandet, ins Land der Riesen, wo er selbst zum Winzling wird, auf die fliegende Insel Laputa und zu den sprechenden Pferden, den Houyhnhnms.

Wo Spektakel draufsteht, ist auch welches drin
Im deutschsprachigen Raum gilt Swifts Werk vor allem als Kinderbuch. Tatsächlich steckt darin aber eine bissige Satire darüber, wie absurd die eigene Existenz erscheint, wenn man sie in Relation zu anderen Lebensformen setzt. Die inhaltliche Fülle der Vorlage sieht man auch auf der Bühne. Die Bühnenadaption GULLIVERS REISEN bietet ein spielfreudiges Ensemble, ein imposantes Bühnenbild und ein wenig Kitsch. GULLIVERS REISEN trägt den Untertitel „Spektakel für Alle“. Und ein Spektakel ist es auch. Eine sechsköpfige Band begleitet den Titelhelden auf seinen vielen Reisen. An manchen Stellen erinnert das Stück eher an ein Popkonzert als an ein Theaterstück. Die „Wollt ihr die Riesen sein“-Nummer hat bei mir prompt einen dreitägigen Ohrwurm ausgelöst. Ich habe auch am Platz mitgetanzt. Die Kinder neben mir haben zustimmend genickt, andere haben sich von den Sitzen erhoben und mitgetanzt. Die Stimmung war durchgehend ausgelassen.

Schiff ahoi
Die Idee, Gulliver das eigene Werk kommentieren und in einzelne Szenen eingreifen zu lassen, hat durchaus einen gewissen Charme. Martin Schwab hat sichtlich Freude daran, in die Handlung einzugreifen und einzelne Fakten seiner Reisen zu factchecken. Stefko Hanushevsky spielt daneben den gestressten Neffen, der die Störungen unterbinden möchte. Gunther Eckes geht trotz der Hauptrolle als Titelheld ein bisschen unter. Die Theatermacher schöpfen aus dem Vollen. Die Gewerke Bühnenbild (Maximilian Lindner), Requisiten/Kostüme (Anne Buffetrille, Lara Regula) und Licht (Roman Sobotka) können hier wirklich zeigen, was sie draufhaben. Sie setzen das Ensemble ausgesprochen bildgewaltig in Szene. Von Schattentheater, Pferdemasken, ein wenig Kitsch und sogar dem Querschnitt eines imposanten Schiffes mit voller Besatzung bringen sie wirklich eine Vielzahl an aufwendig gestalteten Elementen auf die Bühne.

Ein zu langer Abend?
Klingt nach einem langen Abend? Ist es auch. Über weite Strecken merkt man das GULLIVERS REISEN aber nicht an, weil man die meiste Zeit mit Staunen beschäftigt ist. Einzig das erste Kapitel in Lilliput hat sich etwas in die Länge gezogen. Das mag aber auch daran liegen, dass man diese Etappe von Gullivers Reise vielleicht schon zu oft gehört hat. Die anderen Stationen, vor allem Laputa und das Land der Houyhnhnms, kommen da frischer daher. Die Bissigkeit von Swifts Vorlage geht dabei nirgendwo verloren. Wer Lust auf großes Spektakel mit Popkonzert-Charakter hat, ist bei GULLIVERS REISEN goldrichtig. Der Abend ist etwas lang, aber kurzweilig. Kinder und Erwachsene kommen hier gleichermaßen auf ihre Kosten.
Gesehen am 01.01.2026 im Burgtheater in Wien
8/10



