Gentle Monster (2026)

Manche Filme lassen einen nach dem Kinobesuch nicht ganz los. GENTLE MONSTER ist so ein Film. Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer erzählt darin von der gefeierten Pianistin Lucy (Léa Seydoux). Nachdem ihr Mann Philip (Laurence Rupp) einen Burnout erlitten hat, stellt sie ihre Karriere erst mal zurück. Das Ehepaar zieht mit dem gemeinsamen Sohn Johnny (Malo Blanchet) aufs Land. Kurz darauf steht die Polizei vor der Tür. Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) nimmt Philip mit. Der Verdacht lautet: Missbrauchsdarstellungen von Kindern. Ab da kämpft Lucy an mehreren Fronten gleichzeitig. Sie redet mit Behörden, mit Anwälten, mit ihrem Sohn. Und fragt sich, ob an alldem wirklich etwas dran ist.

Szenenbild aus GENTLE MONSTER - Philip (Laurence Rupp) und Lucy (Léa Seydoux) auf einer Hochzeit - © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film
Philip (Laurence Rupp) und Lucy (Léa Seydoux) auf einer Hochzeit – © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film

Lucy und der unnötige Subplot

Die Handlung bleibt weitestgehend bei Lucy und ihrem Wissensstand. Man weiß nie mehr als sie. Genau deshalb kann man dieses Hin und Her von Lucys Gefühlswelt sehr gut nachvollziehen. Dieser emotional fordernde Zustand, in dem diese Figur festhängt, ist sehr gut herausgearbeitet. Das Thema ist harter Tobak, keine Frage. Es wirkt auch alles vergleichsweise realitätsnah: der Papierkram, die Warterei, die offenen Fragen, die auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht geklärt sind. Und dann ist da Elsa. Der Nebenstrang um die Ermittlerin und ihren dementen Vater (Sylvester Groth) wirkt anfangs wie ein Fremdkörper im Film. In Momenten, in denen der Film eigentlich bei Lucy sein müsste, erzählt GENTLE MONSTER stattdessen über Elsas Arbeitsalltag. Erst gegen Ende löst sich dieser narrative Knoten, weil klar wird, warum sie diesen Job überhaupt ausübt. Ehrlich gesagt: Ich hätte diesen Subplot aber eingedampft oder komplett weggelassen. Die Figur ist nicht besonders spannend, die Sache um Lucy und ihre Familie ist auch so spannend genug. Kreutzer wollte offenbar noch eine Ebene einziehen. Wie es ist, solche Täter zu verfolgen und was einen dabei antreibt. Braucht es aber nicht.

Szenenbild aus GENTLE MONSTER - Elsa (Jella Haase) bespricht mit Lucy (Léa Seydoux) das weitere Vorgehen. - © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film
Elsa (Jella Haase) bespricht mit Lucy (Léa Seydoux) das weitere Vorgehen. – © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film

Der Fall Teichtmeister

Der Film weckt Erinnerungen an den Fall Florian Teichtmeister. In Kreutzers preisgekrönten Kostümdrama CORSAGE (2022) hatte der Burgschauspieler Florian Teichtmeister eine wichtige Nebenrolle bekleidet. Der Schauspieler ist später wegen des Besitzes und der Herstellung pornografischer Darstellungen Minderjähriger zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Kein Zufall dürfte es daher sein, dass ausgerechnet Burgschauspieler Nils Strunk hier als Anwalt und Freund des Ehemannes dieselbe Ausrede wie Teichtmeister aufsagt: Das Material habe nur „aus Recherchezwecken“ auf der Festplatte gelegen. Dass Kreutzer sich weiter mit diesem Thema auseinandersetzt, anstatt es unter den Teppich zu kehren, spricht eher für als gegen sie.

Szenenbild aus GENTLE MONSTER - Lucy (Léa Seydoux) und ihre Mutter Eloise (Catherine Deneuve) - © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film
Lucy (Léa Seydoux) und ihre Mutter Eloise (Catherine Deneuve) – © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film

Léa Seydoux spielt preisverdächtig gut

Léa Seydoux als Lucy ist fantastisch. Gerade den Spagat zwischen zurückgezogener Privatperson und präsenter Bühnenfigur glaubhaft zu machen, würde anderen Schauspielerinnen nicht so leicht fallen. Während ihrer Performance am Klavier merkt man Lucy nichts an, da ist sie wahnsinnig präsent und überstrahlt einfach alles. Privat wirkt dieselbe Frau überhaupt nicht stark. Sie versucht, eine gute Mutter zu sein. Sie sucht sich Hilfe. Und sie sucht Trost bei ihrer Mutter Eloise (Catherine Deneuve), die zwar nur kurz auftaucht, deren Verhältnis zur Tochter aber sehr innig rüberkommt. Aber auch Laurence Rupp als Lucys Ehemann darf hier verschiedene Facetten zeigen. Er gibt den romantischen Liebhaber, den coolen Familienvater und den engagierten Künstler. Alles glaubhaft, alles in sich stimmig. Und genau da wird es unheimlich. Man fragt sich irgendwann, ob er nicht einfach eine Rolle spielt. Eine Fassade, damit seine wahre Natur nicht auffliegt. Dass Philip eine widersprüchliche, vielleicht nicht immer greifbare Figur bleibt, hat mich nicht gestört. Was der Film wirklich gut herausarbeitet: Man kann sich in einem Menschen täuschen. Und erschrickt, sobald eine Facette auftaucht, die man noch nicht kannte und die einen womöglich anekelt.

Szenenbild aus GENTLE MONSTER - Pianistin Lucy (Léa Seydoux) - © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film
Pianistin Lucy (Léa Seydoux) – © Frédéric Batier / Film AG / Alamode Film

Sprachsalat

Massiv gestört hat mich das ständige Springen zwischen den drei Sprachen Englisch, Deutsch und Französisch, teilweise mitten im Gespräch. Eine Figur stellt eine Frage auf Englisch, die andere antwortet auf Deutsch. In einem mehrsprachigen Haushalt ergibt das vielleicht noch Sinn. Bei Gesprächen mit Externen fand ich das wirklich auffällig störend. Besonders, wenn Lucy mit Elsa redet und beide dann mitten im Gespräch die Sprache ändern. Mit Fremden einigt man sich doch auf eine Sprache und zieht die dann durch. Hier passiert das eben nicht immer. Ist aber vielleicht nur mein persönlicher Monk…

In anderen Kritiken habe ich schon gelesen, dass das letzte Drittel als schwach bewertet wird. Bemängelt wurde, dass der Film nicht so richtig auf den Punkt kommt. Und ja, das stimmt. Ich finde ihn aber gerade deshalb stark. Das Leben ist nicht schwarz und weiß, und Filme suggerieren gern, dass es für alles eine einfache Lösung gibt. So ein Fall, in dem Kindesmisshandlung im Raum steht, ist aber alles, nur nicht einfach. Da gibt es keine Gewinner. Es ist eine Vollkatastrophe für alle Beteiligten. Das zeigt auch der Film eindrücklich. GENTLE MONSTER ist ein ruhiges Drama mit entspanntem Tempo und sehr sehenswertem Schauspiel. Ein Film zum Innehalten und Nachdenken.

GENTLE MONSTER startet am 17. September 2026 in den deutschen Kinos. Der Heimkinostart des Films ist am 14. Januar 2027.

8.5/10

Bewertung: 8.5 von 10.

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