Während halb München am 16. Juli ins Kino gestürmt ist, habe ich lieber noch gewartet. Ich wollte THE ODYSSEY in der bestmöglichen Auflösung sehen, und da führt kein Weg am ARRI Kino vorbei. Bis da mal ein passender Termin mit einigermaßen guten Sitzplätzen gefunden ist, hat es gedauert. Warten ist tatsächlich auch ein Thema im Film. Nach dem Trojanischen Krieg will König Odysseus (Matt Damon) endlich zurück nach Ithaka, zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland). Doch die Heimreise wird zur Tortur. Odysseus muss sich mit der Nymphe Calypso (Charlize Theron), einem Zyklopen (Bill Irwin) und mit der Zauberin Circe (Samantha Morton) herumschlagen. Daheim in Ithaka hat sich derweil eine Horde potenzieller Nachfolger breitgemacht. Alle würden gern Penelope heiraten und sich damit den Thron sichern. Telemachos bricht deshalb auf und sucht seinen Vater. Seine Suche führt ihn zu König Menelaos von Sparta (Jon Bernthal), Odysseus‘ Mitstreiter aus Troja.

Ein aufwändiges Epos
Rund 250 Millionen Dollar soll die Produktion gekostet haben. Damit hat Christopher Nolan seinen bislang teuersten Film gedreht. Zudem ist es der erste Blockbuster, den ein Team komplett mit IMAX-Kameras gedreht hat. Hinter der Kamera steht wieder Hoyte van Hoytema, der bereits bei OPPENHEIMER und TENET mit Nolan zusammengearbeitet hat. Über weite Strecken hat der Film die Nolan-typische entsättigte Farbpalette. Mitunter hat der Film auch eine sehr düstere Bildsprache. Nicht immer erkennt man in dunklen Höhlen im Fackelschein, was genau passiert. Da hilft auch keine große Leinwand.

Die Geschichte des Veteranen
Erzählt wird auf drei Ebenen. Da ist die Gegenwart, in der Telemachos seinen verschollenen Vater sucht. Da ist die Gegenwart, in der Odysseus versucht, sich an seine eigene Vergangenheit zu erinnern und nachhause zurückzukehren. Und da sind die Erinnerungsfetzen, mal von Odysseus selbst, mal von anderen Beteiligten. Bildgewaltig ist THE ODYSSEY zweifellos, bodenständig aber auch. Nolan zeigt Odysseus nicht als strahlenden Kriegsgewinner, sondern als psychisch belasteten Veteranen. Die Eroberung Trojas und der Tod seiner Gefährten verfolgen ihn. Beide Umstände verdrängt er aber. Die langen Jahre bei Calypso und der Konsum der Lotusblüten funktionieren damit als Flucht vor der eigenen Erinnerung. Man kann hier durchaus auch Parallelen zu OPPENHEIMER ziehen, weil auch hier ein kluger Kopf von den Konsequenzen seiner eigenen brillanten Ideen verfolgt wird. Bei Oppenheimer führte die Erfindung der Atombombe zur Vernichtung von Menschenleben, bei Odysseus ist es die Idee, sich in einem gigantischen Holzpferd zu verstecken und damit den Trojanischen Krieg zu gewinnen.

Erzählen oder: Das Gesetz des Zeus
Nun könnte man sich ja fragen, warum Penelope die potenziellen Heiratswilligen nicht einfach aus ihrem Palast wirft. Blöderweise gibt es das Gesetz des Zeus. Gastgebende müssen Schutzsuchende, Bettelnde und Fremde bedingungslos aufnehmen und ihnen ein Dach und Verpflegung zu stellen. Umgekehrt haben sich die Gäste zu benehmen und die Gunst nicht auszureizen. Wer das missachtet, bekommt es persönlich mit Zeus zu tun. Der große Vorteil ist dabei aber, dass die Menschen ins Gespräch kommen und sich Informationen auch verbreiten. In einer Welt ohne Briefpost und E-Mail erfährt man nur etwas durch mündliche Überlieferung. Wer reist, bringt immer auch Nachrichten mit und ist deshalb am Zielort in der Regel auch hochwillkommen.

Ein bisschen mehr hier, ein bisschen weniger da
Weibliche Figuren sind bei Nolan traditionell dünn gesät. Auffällig ist, dass die meisten Frauenrollen sehr konventionelle Aufgaben haben. Penelope ist die treue, wartende Ehefrau. Die Nymphe Calypso pflegt und päppelt Odysseus auf. Die schöne Helena (Lupita Nyong’o) schaut schön aus. Nun ja… Aus diesem Muster bricht einzig Samantha Morton als Zauberin Circe aus. Sie hält sich brav an das Gesetz des Zeus und tischt Odysseus‘ Männern ein Festmahl auf. Allerdings verwandelt sie beim Essen alle kurzerhand in Schweine. In ihrer knappen Screentime entsteht so die einzige wirklich spannende Frauenfigur des Films.
Wer THE ODYSSEY schauen möchte, sollte Zeit mitbringen. Der Film ist mit seinen 173 Minuten schon sehr lang. Ein paar Szenen hätte man meiner Meinung nach ruhig weglassen können. Das Aufeinandertreffen mit den Laistrygonen etwa, einem Riesenvolk mit Metallbepanzerung (kennt man von einigen Kinopostern), lässt sich mit vier Worten zusammenfassen: entdecken, kämpfen, scheitern, wegrennen. Auch der finale Kampf um den Thron von Ithaka dauert und dauert. „Du musst dem Film noch ein bisschen Zeit geben“, hat meine Begleitung gesagt, die ihn schon vor Wochen gesehen hat und trotzdem nochmal mit ins Kino kam. Sie hatte Recht. THE ODYSSEY wird tatsächlich noch ein bißchen besser nach dem Kinobesuch, wenn man sich von der Bilderflut erholt hat.
8/10



