Eigentlich ist die Geschichte auserzählt. Nach drei Staffeln hat TED LASSO seine Figuren mit einem runden Ende in den Feierabend geschickt. Jetzt ist der Coach mit dem Schnauzer aber wieder zurück, und die vierte Staffel hat es mir wirklich schwer gemacht, sie zu mögen. Ted Lasso (Jason Sudeikis) lebt nach seinem Abschied vom AFC Richmond wieder in Kansas City. Er arbeitet im Supermarkt und kümmert sich um seinen Sohn Henry (Grant Feely). Auch mit seiner Ex-Frau Michelle (Andrea Anders) versteht er sich gut. Dann stehen plötzlich Rebecca Welton (Hannah Waddingham), Keeley Jones (Juno Temple) und Leslie Higgins (Jeremy Swift) vor ihm. Sie wollen Ted zurück nach Richmond holen. Diesmal soll er das Frauenteam trainieren. Ted sagt zu und zieht mit Michelle und Henry nach London. Dort warten alte Bekannte: Coach Beard (Brendan Hunt), Roy Kent (Brett Goldstein) und Pub-Wirtin Mae (Annette Badland). Neu im Trainerstab ist Alice Chilton (Tanya Reynolds). Und in der Führungsetage mischt bald die reiche Zelda Southport (Tracey Ullman) mit.

Ted bleibt Ted und irgendwie auch wieder nicht
Eigentlich hieß es, nach der dritten Staffel sei Schluss. Alle losen Enden liefen zusammen, zu einem etwas gezwungenen, aber charmanten Finale. Man wurde mit einem guten Gefühl entlassen, aber ehrlicherweise hatte ich nach der dritten Staffel schon sehr den Eindruck, dass es jetzt so langsam gut ist. Staffel 4 hat also die undankbare Aufgabe, wieder Schwung aufzubauen. Das gelingt überraschend gut. Das TED LASSO-Gefühl ist schnell wieder da, einfach weil man die Charaktere sehr lieb gewonnen hat. Ted ist immer noch Ted. Einzig seine Motivation, nach London zurückzukehren, wirkt etwas zu gewollt. In Kansas führt er ein zufriedenes Leben. Mit Mutter, Ex-Frau und Sohn kommt er gut aus. Dann flattert das Angebot rein, und Ted lässt alles stehen und liegen. Plausibel ist das nicht.

Same same but new
Das eigentliche Problem: Die Staffel kann sich nicht so ganz von den bekannten Charakteren lösen. Erstaunlich viele Geschichten drehen sich um Rebecca, Higgins, Keeley, Roy, Ted und Beard. Roy und Keeley ringen um ihre Beziehung. Rebecca hadert mit ihrer Liebe zu Matthijs (Matteo van der Grijn) und dessen Tochter. Dazu kommen weitere Nebenkriegsschauplätze. Und als würde das nicht reichen, schauen auch noch Trent Crimm (James Lance) und Jamie Tartt (Phil Dunster) in Cameo-Auftritten vorbei. Gegen ein Wiedersehen habe ich grundsätzlich ja gar nichts. Kleine Eastereggs hätten gereicht. Stattdessen bekommen die alten Bekannten viel zu viel Raum. Das ist sehr viel Fanservice. Man wollte gleichzeitig ein neues Kapitel aufschlagen, ohne sich so richtig verbiegen zu müssen.

Hübsches Beiwerk
Darunter leiden die Neuen. Eigentlich geht es ja um den Aufbau der Frauenmannschaft. Doch den neuen Charakteren bleibt kaum Raum zum Atmen. Auch nach mehreren Folgen habe ich nicht das Gefühl gehabt, alle wichtigen Charaktere zu kennen. Man erfährt eigentlich nur eine Charaktereigenschaft pro Person, und das war’s. Da ist die Torwartin, die keine Handschuhe trägt. Da sind die Zwillinge, die andauernd streiten. Und da ist die Starspielerin, die lieber einen gut bezahlten Job möchte, als Fußball zu spielen. Fußball sieht man ohnehin wenig. Um Fortschritt zu zeigen, blendet die Serie einfach Tabellenplätze ein. Große Spielszenen haben die ersten Staffeln zwar auch nicht geboten, aber man hat dort erlebt, wie die Mannschaft tickt und wie sich die Gruppendynamik im Spiel auswirkt. Das kann ich von der vierten Staffel leider nicht behaupten. Eigentlich hätte es die Staffel der Frauen sein müssen. So sind sie nur hübsches Beiwerk.

Neuentdeckung Alice Chilton
Eine positive Ausnahme gibt es: Coach Alice Chilton. Tanya Reynolds ist eine fantastische Ergänzung für das Team. Das Drehbuch gibt ihr genügend Stoff, um eine dreidimensionale Figur zu kreieren. Alice hat früher selbst Fußball gespielt und liebt den Sport. Nach einem Unfall hat sie aufhören müssen und ist Trainerin geworden. Anfangs gibt sie sich tough und schreit die Spielerinnen an, wenn sie falsch liegen. Über die Staffel taut sie aber auf. Ted sorgt dafür, dass sie eine milde Seite zeigen kann, ohne an Autorität einzubüßen. Einmal suspendiert er sie sogar für eine Weile. Er will nicht den gleichen Fehler machen wie bei Nate (Nick Mohammed). Hier erinnert sich die Serie an ihre eigene Geschichte, und Ted ist klüger geworden.
Was das Drehbuch braucht
Manche Figuren tauchen in dieser vierten Staffel auf, weil das Drehbuch sie später braucht, nicht weil sie wichtig für die Erzählung der Geschichte sind. Besonders auffällig ist das bei Mae. Sie ist Teds Vermieterin, führt den Pub und moderiert das Pub-Quiz. Plötzlich darf sie eine Ansprache an das Team halten und im Teambus mitfahren. Innerhalb der Story lässt sich das noch halbwegs erklären: Man will einem Fan einen Gefallen tun. Von außen betrachtet wirkt es sehr gewollt. Keeley leidet auf einmal unter Bluthochdruck, der vorher nie Thema gewesen ist. Matthijs trennt sich von Rebecca, nur um „im richtigen Moment“ wieder aufzutauchen und sich mit ihr zu versöhnen. Diese Inkonsistenzen sind derart häufig, dass sie auffallen.

Mehr Klamauk, weniger Ernst
Strukturell ist das die wackeligste TED LASSO-Staffel. Sie wirft neue Fragen auf und schafft es nicht, sie zu beantworten. Dazu kippt der Ton ins Klamaukige. Manche Figuren wirken wie Karikaturen ihrer selbst, als hätten sie nichts mehr mit ihrer Rolle aus den Staffeln 1-3 zu tun. Keeley etwa wirkt oft inkompetent, obwohl sie das definitiv nicht ist. Am deutlichsten zeigt sich das bei Zelda Southport. Sie ist reich, überdreht und gewinnt immer mehr Einfluss beim AFC Richmond. Offenbar sollte sie Rupert Mannion (Anthony Head) ersetzen, den „Endgegner“ im Lasso-Universum. Das klappt nicht so wirklich. Der verstorbene Anthony Head hat Rupert als echten Menschen mit all seinen Fehlern gespielt. Diese Ernsthaftigkeit ist bei Zelda komplett flöten gegangen.
Schöne Momente
Stark ist die Staffel, wenn sie sich auf die emotionale Ebene und persönliche Reife konzentriert. Roy und Keeley führen endlich eine Beziehung auf Augenhöhe. Alice kommt aus ihrer Komfortzone heraus. Und Ted erzählt seinem Sohn offen von der Beziehung zu seinem Vater und dessen Tod. Spaß macht es auch, die vielen Referenzen auf THE WIZARD OF OZ und WICKED zu entdecken. Rebecca und Keeley tragen häufig Pink und Grün, wie Glinda und Elphaba. Und beide reisen nach Kansas, um Ted für Richmond zu begeistern. Wenn man die Referenzen einmal entdeckt hat, sieht man sie plötzlich überall.
Ich finde es schade, dass man sich nicht getraut hat, ein Risiko einzugehen. Ich hätte mir gewünscht, dass der Fokus weg von den bekannten Figuren und hin zu neuen geht, in die man sich neu verlieben kann. Bei Alice Chilton ist das gelungen. Der Rest fühlt sich ein bisschen wie eine leere Hülle an. Ich möchte die vierte Staffel TED LASSO wirklich gerne mögen. Ob ich mir eine fünfte Staffel wünschen soll, weiß ich nicht. Wenn die Entwicklung weiter Richtung Klamauk geht, dann will ich sie nicht.
Die vierte Staffel von TED LASSO kann man über den Streamingdienst Apple TV ansehen.
6.5/10



