Der tschechische Autor Pavel Kohout hat mit seinem Roman STERNSTUNDE DER MÖRDER eine Geschichte geschrieben, die eigentlich alles mitbringt, was Spannung verspricht: einen Kriminalfall, ein Kriegsdrama und moralische Abgründe. Dass Regisseur Christopher Schier daraus eine Mini-Serie mit einem erstklassigen Cast gemacht hat, klingt eigentlich auch erstmal vielversprechend. Leider bleibt STERNSTUNDE DER MÖRDER weit hinter den Erwartungen zurück. Prag, 1945. Die Stadt steht unter deutscher Besatzung. Der Krieg nähert sich seinem Ende. Als die Witwe eines deutschen Generals ermordet wird, muss der tschechische Kriminaladjunkt Jan Morava (Jonas Nay) widerwillig mit dem deutschen Gestapo-Offizier Erwin Buback (Nicholas Ofczarek) zusammenarbeiten. Was zunächst als gemeinsame Jagd nach einem Mörder beginnt, entpuppt sich bald als doppeltes Spiel. Buback verfolgt offenbar ein weiteres Ziel: Er soll die Verbindungen der Prager Polizei zum tschechischen Widerstand aufdecken. SS-Standartenführer Meckerle (Devid Striesow) drängt im Hintergrund auf Ergebnisse. Morava gerät zwischen die Fronten. Er muss entscheiden, wem er traut. Währenddessen versinkt das besetzte Prag um ihn herum immer weiter im Chaos.

Visuell äußerst stimmig
Das Beste vorweg: STERNSTUNDE DER MÖRDER sieht hervorragend aus. Kameramann Philip Peschlow hat eindrucksvolle Bilder eingefangen. Der Nebel kriecht über den Wiener Zentralfriedhof, der hier als Drehort diente, Explosionen zerreißen enge Treppenhäuser und düstere Gassen erzählen vom Verfall einer ganzen Ordnung. Die Ausstattung überzeugt durchgehend. Kostüme, Locations und Requisiten wirken sorgfältig ausgewählt und glaubwürdig für die Zeit und die Umstände, in denen sich die Rahmenhandlung abspielt. Hier hat die Produktion geliefert.

Talentierte Menschen spielen zähe Szenen
Grundsätzlich stand Christopher Schier ein wirklich starkes Schauspielensemble zur Verfügung: Nicholas Ofczarek, Jonas Nay und Jeanette Hain als Bubacks Gspusi Marleen. Das Talent ist da. Leider müssen diese sehr guten Schauspielerinnen und Schauspieler sehr langweilige Szenen spielen, die man zigmal in anderen Historienserien gesehen hat. Da ich das Buch von Pavel Kohout nicht gelesen habe, kann ich nicht sagen, ob das an der Romanvorlage oder am Drehbuch von Klaus Burck lag. Die Dialoge plätschern oft ziellos dahin. Spannung will sich nur selten einstellen. Die Figuren handeln oft ohne nachvollziehbaren Grund. Morava erzählt seinem deutschen Kollegen ganz freimütig, dass er davon ausgeht, Deutschland werde den Krieg verlieren. Als Buback nachfragt, warum er das so offen ausspricht, antwortet Morava schlicht: „Ich vertraue Ihnen.“ Ende der Szene. Warum vertraut er ihm? Was ist da die Motivation? Es ergibt keinen Sinn! Dieses Muster zieht sich durch alle vier Episoden der Staffel. Figuren legen ihre wahren Absichten offen, obwohl die Situation als Pulverfass beschrieben wird, das jederzeit hochgehen kann. Das ist nicht mutig, sondern schlicht dumm.

Und dazwischen brüllt der Klischee-Nazi herum
Dazu reproduziert die Serie klassische Filmtropes, die in der Realität keinen Sinn ergeben. So taucht Morava erneut in der Wohnung des geflohenen Mörders auf. Dort trifft er auf Buback, der im Halbdunkel in einer Ecke sitzt. Man fragt sich unweigerlich: Wie lange hat der da gewartet und woher wusste er, dass sein Kollege spontan vorbeikommt? Solche Momente wirken unfreiwillig komisch. Besonders enttäuschend hat Devid Striesow den SS-Befehlshaber Meckerle verkörpert. Er poltert sich als eindimensionaler Befehlshaber durch die Szenen. Er schreit Buback an, fordert unrealistisch-schnelle Ergebnisse, droht mit Konsequenzen und möchte am besten die ganze Stadt abfackeln. Das Paradebeispiel für den typischen Film-Nazi, wie man ihn aus Funk und Fernsehen kennt. Da sind keine Nuancen zu erkennen. Die grundlose Boshaftigkeit wirkt hohl und aufgesetzt.

Kann eine Filmmusik ein Drehbuch retten?
Auch der Filmkomponist Markus Kienzl hat die Serie musikalisch nicht unbedingt bereichert, sondern eher belastet. In vielen Szenen dröhnt der Score bedrohlich und tickende Sounds sollen dem Publikum eine Dringlichkeit suggerieren. Das Problem: Die Bilder erzählen etwas ganz anderes. Wenn ruhige Bilder mit dramatischem Wummern unterlegt werden, entsteht keine Spannung. Es entsteht Irritation. Ich war wirklich schockiert, als ich in der Recherche erfahren habe, dass Kienzl auch Komponist der ganz tollen Serie DIE AFFÄRE CUM-EX war. Das ist ein qualitativer Unterschied wie Tag und Nacht. Man sollte sich vom Marketing für STERNSTUNDE DER MÖRDER nicht blenden lassen. Ja, das sind alles ganz fantastische Schauspielerinnen und Schauspieler. Auch das Setting ist vielversprechend und die verschiedenen Gewerke wie Ausstattung und Kostüm machen in STERNSTUNDE DER MÖRDER einen guten Job. Es hilft aber alles nichts, wenn man nichts zu erzählen hat und den Schauspielern nur unmotivierte Oneliner zum Aufsagen vorgibt und die Motivationen der Figuren nicht klar herausgearbeitet werden. Bitte einfach ignorieren und eine andere Serie in der ARD Mediathek anschauen.
STERNSTUNDE DER MÖRDER ist aktuell in der ARD Mediathek zu finden.
3.5/10



