Sagen Bilder mehr als tausend Worte?

Mehrere Tage habe ich mich geweigert eine Filmkritik zu WORDS AND PICTURES zu schreiben, weil immer ein kleiner imaginärer Clive Owen auf meiner Tastatur saß und mir zurief: „Achte auf deine Worte. Worte sind was Kostbares.“ Ich hatte das Gefühl angesichts dieses hohen Anspruchs keine ordentliche Filmkritik schreiben zu können, aber heute habe ich mir gedacht: „Scheiß drauf – wenn ich heute nicht anfange, fange ich nie an.“ Owens neuste Rolle und die damit verbundene Passion für die englische Sprache habe ich ihm wirklich abgenommen. Er spielt den leidenschaftlichen und beliebten Englischlehrer Jack Marcus, der an einer amerikanischen Privatschule lehrt und Schüler wie Kollegen mit Wortspielen und Erklärungen von Wortursprüngen nervt. Schwung kommt in die Geschichte als die erfolgreiche Malerin Dina Delsanto (Juliette Binoche) an die Schule kommt um dort den Kunst-Leistungskurs zu unterrichten. Sie ist mit den Arbeiten ihrer Schüler nie zufrieden und hat deshalb schnell ihren Spitznamen weg: „der Eiszapfen“. Dina bezeichnet Worte als Fallen und Lügen; nur Bilder seien die einzig wahre Ausdrucksform. Als Jack von seinen Schülern auf diese Aussagen hingewiesen wird, begreift er das als persönliche Attacke auf die Sprache, die er so liebt. Er fordert daraufhin Delsanto zu einem öffentlichen Wettstreit heraus, der klären soll, was besser sei: Worte oder Bilder.

© Senator Filmverleih

Clive Owen als passionierter Englischlehrer – © Senator Filmverleih

WORDS AND PICTURES ist glücklicherweise keine dieser amerikanischen Komödien, wo sich ein kleiner Streit derart hochschaukelt, dass es irgendwann groteske oder unwirkliche Züge annimmt. Es ist vielmehr ein Wettstreit, der beide aus ihrem jeweiligen Schneckenhaus herauskommen lässt. Beide haben nämlich Probleme. Jack Marcus ist ein erfolgloser Schriftsteller, der sein Können nur noch in seinem Unterricht und der schulinternen Zeitung zeigen kann, die er mit seinen Schülern erstellt. Als das Blatt eingestellt werden soll und zudem sein Job in Gefahr ist, flüchtet er sich in den Alkohol, was seinen Job noch viel mehr in Gefahr bringt. Dina Delsanto kämpft dagegen mit rheumatoider Arthritis, einer chronischen, entzündlichen Erkrankung. Sie hat dadurch Schmerzen am ganzen Körper und ist dringend auf Medikamente angewiesen, die sie allerdings auch nicht alle verträgt. Durch die Bewegungseinschränkung ist es ihr nicht mehr möglich so zu malen, wie sie möchte und angewiesen neue Ausdrucksformen für sich zu finden. Binoches eindrücklichste Szene ist sicherlich die, als Dina nachhause kommt, vor Schmerzen schreit und ihre Medikamentendose einfach nicht aufbekommt. Mit Gewalt und letzter Kraft zerstört sie die Dose und die Pillen fliegen durch den ganzen Raum. Interessanterweise fliegen bei Owens eindringlichster Szene auch Sachen durch den Raum, was aber daran liegt, dass seine Figur Jack mit Tennisbällen und ordentlich Alkohol intus eine Art „Indoor-Tennis“ in seinem Haus veranstaltet.

Interessant ist es noch zu wissen, dass alle Bilder von Dina, die in diesem Film zu sehen sind, ausnahmslos von Juliette Binoche stammen. Für Delsantos Frühwerk wurden Bilder verwendet, die Juliette als junge Frau gemalt hatte. Während den Dreharbeiten entstanden dann die „neueren“ Bilder, bei denen Binoche die eingeschränkte Bewegungsfreiheit ihrer Rolle berücksichtigen musste.

Juliette Binoche - © Senator Filmverleih

Juliette Binoche – © Senator Filmverleih

Das Schöne an der Geschichte ist, das sich die Beiden eigentlich gegenseitig unterstützen, obwohl sie sich ja eigentlich in einem Wettstreit befinden. Jack veröffentlicht ein Gedicht, Dina greift es auf und lässt ihre Schüler Bilder zu dem Gedicht malen, Jack sieht die Bilder und schreibt. Von einem „Kampf“, wie er im  Trailer suggeriert wird, kann also keine Rede sein. Schön ist auch die Nebenhandlung, in der man sieht, wie das Leben der Schüler durch diese beiden starken Charaktere verändert wird. Die lustlosen Schüler werden durch den Wettstreit motiviert und in ihren Fähigkeiten von den Lehrern unterstützt und gefördert. Auf der einen Seite sorgt die Nebenhandlung dafür, dass der Film nicht einseitig bleibt, auf der anderen Seite nimmt die manchmal auch übertriebene und kitschige Züge an. Insgesamt ist es aber eine weitestgehend runde Sache.

Ich lese mir gerade nochmal meine Filmkritik durch. So ganz zufrieden bin ich nicht. Genausowenig wie mein imaginärer Jack Marcus. Aber der ist eben nie zufriedenzustellen.

Unterhaltsame Komödie (5/6)

Trailer: © Wildbunch Germany