Lieb‘ und Leid (und die Zeit)

Die größte Charity-Kampagne war 2014 definitiv die ALS Ice Bucket Challenge. Reihenweise haben sich Privatpersonen wie Prominente Kübel mit Eiswasser über den Kopf geschüttet um auf die Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) aufmerksam zu machen und Geld für die Erforschung der Krankheit zu sammeln. Einer dieser Prominenten war auch Benedict Cumberbatch, der von Tom Hiddelston nominiert → ein besonders lustiges Video lieferte. Und der hatte sich im Rahmen seiner Arbeit bereits mit den Symptomen von ALS beschäftigt. 2004 spielte er in der BBC-Biografie HAWKING den britischen Wissenschaftler Stephen Hawking und machte mit seiner großartigen Schauspielleistung ordentlich für sich Werbung. Zehn Jahre später tritt Eddie Redmayne in dieselben Fußstapfen. Erzählt wird die Geschichte ab 1963, dem Jahr indem Stephen Hawking (Eddie Redmayne) in Cambridge studiert. Dort trifft er auf die Studentin Jane Wilde (Felicity Jones), die sich bald in ihn verliebt. Doch das junge Glück ist nur von kurzer Dauer. Hawking bricht eines Tages einfach zusammen und wird im Krankenhaus untersucht. Die Diagnose: ALS. Hawking igelt sich immer mehr ein, auch sein Zimmergenosse Brian (Harry Lloyd) kann ihn nicht motivieren. Doch Jane und der Lehrer Dennis Sciama (David Thewlis)  fordern den Physiker und unterstützen ihn nach Kräften. Jane und Stephen heiraten und bekommen Kinder. Zeitgleich steigt Hawkings weltweiter Ruhm rapide und der Pflegebedarf steigt über die Jahre immer mehr. Jane sucht Unterstützung im Kirchenchor unter der Leitung von Jonathan Hellyer Jones (Charlie Cox), der auch bald Pfleger und Teil der Hawking-Familie wird. Zwischen Jonathan und Jane beginnt es zu knistern, aber Jane hält zu ihrem Mann. Dann verschlechtert sich Stephens Gesundheitszustand.

© Universal Pictures

THE THEORY OF EVERYTHING und HAWKING können einwandfrei nebeneinander bestehen. Während nämlich HAWKING mehr Wert auf die wissenschaftliche Bedeutung Hawkings legt, so  beleuchtet THE THEORY mehr die private Seite. Alle, die den Film scheuen, aus Angst mit Formeln und Gleichungen bomadiert zu werden, haben somit keine Ausrede. Basierend auf den Memoiren von Jane Hawking („Die Liebe hat elf Dimensionen: Mein Leben mit Stephen Hawking“) wird der Beginn und auch das Ende der Beziehung zwischen Jane und Stephen erzählt, also ein Umfang von 25 Jahren. Häufig hat das Bild eine grobkörnige Struktur und einen gelblichen Stich. Diese Aufnahmen haben einen Hauch von Homevideo, Super 8- und 16mm-Film, als wären die Aufnahmen dem Film wie bei einer Dokumentation zur Verfügung gestellt worden. Funfacts am Rande: Hier spielt Adam Godley den Arzt, der Stephen seine Diagnose verkündet. In HAWKING spielte Godley Stephens Vater. Und in der Szene, in der die Freunde den Doktortitel von Stephen feiern, gibt es eine DOCTOR WHO-Referenz. Insgesamt ist die Geschichte unglaublich positiv und optimistisch. Die Freunde und Bekannten von Stephen, aber auch Stephen selbst, machen immer wieder Witze über die Krankheit und diese Attitüde findet ihren Höhepunkt im Zitat: „Ganz gleich wie schlimm das Leben auch sein mag: so lange es überhaupt Leben gibt, gibt es auch Hoffnung.“

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Die zahlreichen Nahaufnahmen auf Gesichter und der Fokus auf Gesten lassen keine schauspielerischen Fehler zu. Eddie Redmayne, den die meisten wahrscheinlich aus dem 2012er Musical LES MISÉRABLES kennen, leistet sich auch keine. Mehrfach betonte er in Interviews wie nervös er beim  Treffen mit Stephen Hawking war und wie sehr er sich Sorgen über die Rolle gemacht hat. Doch all die Sorgen waren völlig umsonst. Redmayne schafft es der Rolle Tiefe und Authentizität zu geben, die ihm erstmal einer nachmachen muss. Die körperlichen wie mimischen Herausforderungen meistert er außerordentlich gut. Doch auch Felicity Jones als Hawkings Ehefrau liefert eine unglaublich bewegende Performance ab, die ebenfalls preisverdächtig ist. Die Loyalität ihrem Mann gegenüber und die eigene Erfüllung ihrer Träume kollidieren nicht selten. Diese Zerissenheit sorgt für den ein oder anderen Gänsehautmoment. Umhüllt wird die Geschichte vom klavier- und streicherlastigen Soundtrack von Jóhann Jóhannsson, der neben den beiden Hauptdarstellern ebenfalls für einen Golden Globe nominiert ist. Auch der im Abspann verwendete Track „Arrival of the birds“ passt perfekt zum restlichen Soundtrack, der die Geschichte mit einem Hauch von Magie umgibt. Lediglich gegen Ende zieht sich der Film ein kleines Bißchen. Auch die Zeit, also die Spielzeit des Films, am Ende rückwärtslaufen zu lassen, mag dem ein oder anderen etwas zu kitschig vorkommen, passt aber gut zum Grundtenor des Films. Sollte Eddie Redmayne Benedict Cumberbatch tatsächlich bei den Globes und Oscars ausstechen, dann darf niemand traurig sein. Wenn beide eine Sache beweisen, dann die Tatsache das britische Schauspieler im Moment echt einen Lauf haben. Zu Recht.

Großartig und magisch (5.5/6)

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