Adoring Audience

Kritiken zu Filmen, Serien und NT Live-Übertragungen

Drama, Erotik, Liebesfilm

Secretary (OmU, 2002)

© Tiberius Film

Der bessere Mr. Grey

So ganz versteht man diese Obsession mit Sekretärinnen nicht so ganz. Klar, sie tragen kurze Röcke und High-Heels, aber das allein macht noch nicht sexy. Vielleicht sollten wir stattdessen mal den dazugehörigen Chef betrachten. Mr. Grey. Der Name ist bekannt. Und es fällt schwer angesichts des ähnlichen Themas und der Namensgleichheit nicht mit FIFTY SHADES OF GREY zu vergleichen. Um schonmal eines vorweg zu nehmen. James Spader ist der bessere Mr. Grey. Viel viel besser. Aber beginnen wir doch lieber einmal mit der Protagonistin des Films. Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) wird aus der psychiatrischen Klinik entlassen und zieht wieder bei ihren Eltern ein. Sobald Lee unter Druck steht, verletzt sie sich selbst. Ihre Familie bemuttert sie überfürsorglich, was Lee aber überhaupt nicht gefällt. Sie will auf eigenen Beinen stehen und sucht sich einen Job. Sie bekommt eine Anstellung als Sekretärin bei dem Rechtsanwalt E. Edward Grey (James Spader). Grey zeigt bald Interesse an seiner Angestellten. Er entdeckt die Pflaster, die Lees Selbstverstümmelungen verbergen sollen. Grey befiehlt ihr, damit aufzuhören, was sie auch tut. Es beginnt ein Abhängigkeitsverhältnis. Fortan schlägt er sie bei Tippfehlern und entscheidet, was sie essen soll. Ihr Kleidungsstil wird ebenfalls erwachsener. Doch bald wird Mr. Grey die Sache zu viel. Nach einem Vorfall im Arbeitszimmer sucht er Abstand und behandelt Lee  wie eine normale Angestellte. Lee ist enttäuscht und stürzt sich frustriert in eine Beziehung mit ihrem Highschool-Bekannten Peter (Jeremy Davies), der aber ihre sexuellen Wünsche nicht erfüllen will. Eine Hochzeit zwischen Lee und Peter wird geplant, da unternimmt Lee einen letzten Versuch um Grey doch noch umzustimmen.

Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) gehorcht – © Tiberius Film

Ich sehe dich – Kritik durch Wahrnehmung

Die Dominanz beginnt ganz leise. Erst mit dem Arbeitgeber-Angestellten-Verhältnis. Dann mit erster Kritik.  „When people come into this office, you are a visual representation of my business. → And the way you dress is disgusting.“ Auf den ersten Blick klingt das sehr unhöflich und streng, auf der anderen Seite ist diese Kritik auch eine Form der Anerkennung. Eine ähnliche Form findet sich beispielsweise auch in AVATAR. Die Begrüßungsformel „Ich sehe dich“ bedeutet nicht einfach nur Hallo oder das reine Ansehen einer anderen Person, es heißt: Ich sehe in dich hinein. Anders gesagt: Ich nehme dich wahr. Und hiermit liefern beide Filme eine starke Aussage zugunsten der Kritik, egal ob nun Kunstkritik oder nicht. Kunstkritikern wird gerne vorgeworfen, sie seien nur Kritiker, weil sie selbst nichts künstlerisch Wertvolles zustande brächten. Hobbykritikern wirft man dagegen vor, sie hätten aufgrund fehlendem Fachwissen schlichtweg keine Ahnung. Beide Filme zeigen aber, dass sowohl positive Aussagen/Kritik wie im Falle von AVATAR, als auch negative Aussagen/Kritik wie im Fall von SECRETARY immer auch ein Zeichen für Wahrnehmung sind. Für Aufmerksamkeit, die zwei Menschen einander entgegenbringen, egal, ob sie sich nun mögen oder nicht.

Mr. Grey (James Spader) und Lee (Maggie Gyllenhaal) – © Tiberius Film

BSDM ist nicht „böse“

SECRETARY ist einer der wenigen Mainstream-Filme, in denen BDSM-Praktiken nicht als ein Problem, sondern vielmehr als die Lösung eines Problems präsentiert werden. Allein dadurch ist der Film schon weitaus provokativer als bereits erwähnter Hochglanz-SM-Film. James Spader und Maggie Gyllenhaal sind ein großartiges Doppel. Die Stimmung ist von der ersten bis zur letzten Begegnung geladen. Während Gyllenhaal die naive und zurückhaltende Lee gibt, ist Spader umso stärker. Dazu muss er häufig nicht mal viel sagen. Viele Sprechpausen, in denen allenfalls minimalste Gesten ausgetauscht werden, machen die Handlung unvorhersehbar. Spaders fesselnde Stimme sorgt dafür, dass nicht nur Lee, sondern auch der Zuschauer förmlich an seinen Lippen hängt. Auch die gesellschaftlichen Restriktionen und Schuldgefühle, die seine Figur mit zunehmender Länge immer mehr belasten, wirken bei ihm weitaus echter als bei Jamie Dornan. Aber nicht nur der Cast, sondern auch der Humor ist wesentlich stärker, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass sich der Film oft nicht so ganz ernstzunehmen scheint. Auch darin liegt ein klarer Vorteil gegenüber FIFTY SHADES, der das Thema zu ernst angeht. Dennoch ist der Film ein Liebesfilm, daher ist der Film an manchen Stellen etwas märchenhaft und die Praktiken werden etwas zu sehr verklärt. Außerdem sind die Übergänge vom Angestelltenverhältnis zur BDSM-Affäre bzw. von der Affäre zum Liebespaar etwas ruckartig. Dennoch ist der Film nicht nur für alle FIFTY SHADES-Enttäuschten eine Empfehlung wert.

(5/6)

© Tiberius Film

  1. Ich habe den Film vor Jahren durch Zufall auf ZDF gesehen. Ich fand ihn auch sehr gut gemacht und beide Hauptsarsteller waren für mich eine tolle Kombination.

  2. Maggie Gyllenhaal ist fantastisch in dem Film! Vom Thema her ist der Film zwar nicht so meins, und er ist mir insgesamt auch zu abgedreht, aber die Schauspieler sind einfach toll.

    Zumal Lee Holloway auch wesentlich überzeugender und realistischer ist als Anastasia Steele. „Secretary“ ist ganz klar die bessere Wahl zu „Fifty Shades of Grey“…

    Ich habe den Film übrigens vor ein paar Jahren auch auf ZDF gesehen. 😉

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