Im letzten Jahr habe ich aufgrund einer fehlenden Kinoinfrastruktur viele NT Live-Stücke verpasst. Ein Glück, wenn manche wiederholt werden. Eines davon war NO MAN’S LAND nach Harold Pinter. Ein gealterter Schriftsteller, Hirst (Patrick Stewart), trifft auf einem Spaziergang einen anderen älteren Herrn und nimmt den Obdachlosen Spooner (Ian McKellen) mit nach Hause. Die Einladung auf einen Drink artet bald zu einem Bewerbungsgespräch aus. Spooner trinkt nicht nur freimütig die Hausbar von Hirst leer, sondern möchte für Hirst arbeiten. Er gibt sich als Lyriker aus und versucht Hirst um den Finger zu wickeln, immer auf der Suche nach einer möglichen gemeinsamen Basis. Als Spooner über Hirsts Männlichkeit und dessen Frau spottet, bricht Hirst zweimal zusammen und krabbelt schließlich aus dem Raum. Wenig später tritt ein junger Mann ein, der Spooner über seine Identität ausfragt. Der Mann stellt sich selbst als John „Jack“ Foster (Damien Molony) vor und entpuppt sich später als Hirsts Haushälter. Kurz darauf betritt ein vierter Mann den Raum.

Spooner (Ian McKellen) und Hirst (Patrick Stewart) – Credit: Johan Persson

Hirsts Diener Briggs (Owen Teale) versucht ebenfalls mehr über Spooner herauszufinden, doch sämtliche Versuche scheitern und schließlich streitet er mit Jack. Hirst, der zwischenzeitlich kurz geschlafen hat, kommt dazu und versucht sich an seinen Traum zu erinnern. Jack und Briggs beginnen zu trinken und füllen auch die Gläser von Spooner und Hirst. Nach einiger Zeit bricht Hirst wieder betrunken zusammen und Spooner eilt ihm zu Hilfe und erklärt, er sei Hirsts einzig wahrer Freund. Die jungen Männer wiederum behaupten das Gleiche. Es gibt einen Stromausfall. Am nächsten Morgen sitzt Spooner allein im Zimmer und bekommt von Briggs ein Frühstück einschließlich Champagner serviert. Spooner sucht nach einer Ausrede zu gehen, aber als Briggs erwähnt, dass sowohl Foster und Hirst Poeten sind, zeigt Spooner leichtes Interesse. Hirst kommt herein und hält Spooner für einen alten Freund, einen Schulkameraden aus Oxbridge in den 1930ern. Spooner spielt das Spiel mit.

Die Nachtwache empfiehlt heute kaltgepressten Traubensaft – Credit: Johan Persson

Did I miss the point?

Ich habe das Stück als sehr sperrig empfunden, was hauptsächlich an der Geschichte liegt, die Autor Harold Pinter erzählen möchte. Im Grunde passiert auch nicht viel, es gibt keine Höhepunkte, keine Szene, an die man sich Wochen später noch erinnert, weil sie so eindringlich war. Es gibt diese vier Leute, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind und drei davon versuchen den Vierten, der ganz offensichtlich geistig verwirrt ist, auf ihre Seite zu ziehen. Keiner stirbt, keiner mordet, keiner liebt sich, alle leben einfach so vor sich hin und trinken Wodka, Whiskey oder Champagner. Selbst Damien Molony konnte sich in dem Einspieler nicht wirklich entscheiden, wovon das Stück überhaupt handelt. Für mich waren es exzessiver Alkoholkonsum, das Altern und der Umgang mit Demenz bzw. auch die Manipulation von alten Menschen. Mir waren die Motivationen allerdings nicht immer ganz klar. Bei Spooner war die Haltung eigentlich noch am klarsten, bei Foster und Briggs bin ich allerdings nicht ganz durchgestiegen, warum sie das tun was auch immer sie tun. Vielleicht habe ich auch wesentliche Handlungspunkte nicht mitgekriegt, weil es einfach unfassbar viel Text ist und das Stück war ja mit einer Laufzeit von 150 Minuten nicht unbedingt kurz.

Schauspiellegenden

Das anschließende Q&A gefiel mir besser als das eigentliche Stück, wenn etwa Regisseur Sean Mathias darauf hinwies, dass der Cast mit dem Stück in Großbritannien bereits auf Tour waren und er regionale Unterschiede in Bezug auf die Reaktion des Publikums feststellte. Weiter entwickelte sich eine Diskussion um das Glas, dass Patrick Stewart an einer Stelle auf den Boden schmeißen muss. Zerbrochen sei es fast nie (in der NT-Live-Übertragung aber schon) und manchmal sei es auch von der Bühne gekullert. Ich liebe diese Backstage-Anekdoten. Überhaupt ist diese Bromance-Chemie von Patrick Stewart und Ian McKellen unfassbar ansteckend. Die Rollen sind dabei klar verteilt. Stewart spielt den gebrechlichen Schriftsteller mit Gedächtnislücken und McKellen ist ein einziger redender Wasserfall. Damien Molony und Owen Teale müssen sich zwar etwas zurückhalten, aber auch sie spielen eigentlich gut. Aber mit dem Stück selbst habe ich immer noch so meine Probleme. Daher auch nur eine eher bescheidene Wertung.

3.5/6 bzw. 6/10

Randnotiz: Vorgestern gab das National Theatre bekannt, dass es bald Encore Screenings von HAMLET mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle geben wird. Just saying. 😉

Trailer: © NT Live