Adoring Audience

Begeisterung für Filme, Serien und Theater

Drama, Komödie

La Giovinezza (2015)

© Wild Bunch Germany

Des Lebens letzter Tag

Es gibt Filme, die machen schon Spaß bevor man sie gesehen hat. „Einmal EWIGE JUGEND, bitte.“ „Die hätte ich auch gerne.“ schmunzelt der Kassierer und überreicht feierlich das Kinoticket. Aber die Ewigkeit macht es schwer den Moment zu genießen. Und diese 118 Minuten Film muss man einfach genießen. Ein Wellnesstempel in der Schweiz bildet den passenden Rahmen für Gedanken über verpasste Chancen, Schönheit, Jugend und das Leben. Hauptprotagonist ist der ehemalige Komponist und Dirigent Fred Ballinger(Michael Caine). Zusammen mit seinem Kumpel, dem Regisseur Mick Boyle (Harvey Keitel), lässt er sich es bei Schlammpackungen und Massagen gut gehen. Doch so richtig glücklich sind beide nicht. Ballinger wird permanent bedrängt; er soll vor der Queen auftreten und er soll seine Memoiren schreiben. Und Mick arbeitet mit einem Autorenteam an seinem nächsten Film, doch das Drehbuch entwickelt sich nur langsam. Dann verlässt Julian (Ed Stoppard), der Sohn von Mick, Lena (Rachel Weisz), die Tochter von Fred, die alsbald ebenfalls im Wellnesstempel eincheckt und die Wut über die Trennung an ihrem Vater auslässt. In der Wohlfühloase befindet sich auch der junge Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano), der den Aufenthalt zum Studium menschlichen Verhaltens in Vorbereitung auf eine Rolle  nutzt.

© Wild Bunch Germany

EWIGE JUGEND ist perfekt, ein wunderschönes Meisterwerk. Es gibt selten Filme, an denen es überhaupt nichts auszusetzen gibt, aber das ist einer davon. Paolo Sorrentino gesteht jedem Darsteller eine Szene zum Glänzen zu, auch den Nebenrollen. Michael Caine und Harvey Keitel nimmt man die Freundschaft ab. Die Dialoge sind derart süffisant und beide werfen sich die Gags hin und her. Beide bilden die zwei Seiten einer Medaille. Während Fred Ballinger nur noch seinen Lebensabend genießen und keinerlei geschäftliche Verpflichtungen eingehen will, ist Mick Boyle der Inbegriff des Getriebenen, der selbst im hohen Alter noch arbeiten muss um seinem Leben einen Sinn zu geben. Paul Dano erinnert sehr an Shia LeBoeuf, als Schauspieler in der Sinnkrise, der nicht nur auf eine Rolle, nämlich die eines Robotermannes, festgelegt sein will. Der mehr schaffen will als ihm zugetraut wird. Nahaufnahmen auf faltige Hände und Arme, Altersflecken und dicke Bäuche sind keine Seltenheit. Sorrentino setzt Bilder mal collagenartig zusammen, mal werden Traumsequenzen mit der Realität vermischt. Der Witz pendelt immer irgendwo zwischen Altherrenwitz und Situationskomik. Wenn zwei elektronische Rollstühle auf dem Gang ineinander krachen, kann man nicht anders als herzhaft  lachen.

Jane Fonda als Filmstar Brenda Morel – © Wild Bunch Germany/Gianni Fiorito

Hier und da liefert der Film auch selbstreferenzielle Gedanken zur Filmbranche. Da die Hauptprotagonisten allesamt in der Entertainmentbranche arbeiten, kommt das Gespräch zwangsläufig irgendwann auch auf diese zu sprechen. Besonders die zeternde Jane Fonda darf als Brenda Morel so richtig austeilen. Das Fernsehen sei die Zukunft, das Kino sei scheiße. Die letzten drei Filme von Mick übrigens auch. Und er sei ein schlechter Frauenregisseur. Wasser auf die Mühlen der immer noch aktuellen Debatte über die Rollen und Bezahlung von Schauspielerinnen. Fonda überhaupt zu casten ist schon ein genialer Schachzug, schließlich steht sie wie keine Zweite für Fitness und gutes Aussehen auch im hohen Alter. Der Soundtrack bietet von Klassik bis moderne Popmusik alles. Wie schon im Trailer zu sehen ist, werden selbst Kuhglocken und Vögelzwitschern zur Symphonie. Die englische Sängerin Paloma Faith spielt eine Schlampen-Version von sich selbst einschließlich megaheißes Musikvideo. Sie ist die einzige Musikerin mit einer Sprechrolle, denn auch die Opernsängerin Sumi Jo und der US-Songwriter Mark Kozelek spielen sich selbst und tragen zum Soundtrack bei. Der Film stellt Fragen zum Leben und zum Lebensende. Michael Caine empfiehlt sich für einen Oscar, Paolo Sorrentino auch. Der Film ist einfach toll. Und schön. Und hässlich. Und lustig. Und traurig. So wie das Leben selbst. Solche Filme muss man einfach mögen.

Definitiv einer der besten Filme des Jahres (6/6)

Trailer: © Wild Bunch Germany

  1. Vielleicht nicht der beste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe. Aber definitiv ein äußerst gelungenes Exemplar. 🙂

    • Gegenfrage: Was war denn dann der beste Film deines Kinojahres?

      • Ich bin noch am Schwanken, aber für meinen Jahresrückblick muss ich mich ja bald entscheiden. Aus Kultfaktorsicht ist es wohl „Inherent Vice“, weil der Doc ist der neue Dude. 😉 Aus künstlerischer Sicht tendiere ich eher zu „A girl walks home alone at night“, weil großartige Bilder und tolle Musik und überhaupt und sowieso. Aber wie gesagt, ich schwanke noch. Vielleicht ist es am Ende doch noch ein ganz anderer. Die Entscheidung kannst du dann Anfang nächstes Jahr auf meinem Blog nachlesen. *teasern beendet* 😀

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