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Theater und Lesungen

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Szenenbild aus Amissions - Trafalgar Studios, London - Sherri (Alex Kingston) will ihren Sohn (Ben Edelman) unterstützen. - Photo Credit: Johan Persson

Sherri (Alex Kingston) will ihren Sohn (Ben Edelman) unterstützen. - Photo Credit: Johan Persson

Es kommt recht selten vor, dass man bei der Durchsicht der Nachrichten direkt an ein Theaterstück denken muss. Mir ging es so, als ich die Schlagzeile → “Betrug an US-Hochschulen. “Desperate Housewive” soll Tochter den Uni-Zugang erschummelt haben” las. Erst eine Woche zuvor hatte ich in London das Theaterstück ADMISSIONS gesehen. Es zeigte sich, dass die Geschichte von Joshua Harmon ziemlich aktuell ist. Im Zentrum steht eine typisch amerikanische Familie. Mutter Sherri Rosen-Mason (Alex Kingston) arbeitet als Leiterin der Zulassungsabteilung an einer Schule in New England. Die meisten Schüler sind weiß, aber Sherri möchte die Schule auch für Hispanics und Afroamerikaner öffnen. Zusammen mit ihrem Mann Bill (Andrew Woodall), der als Rektor an der gleichen Schule tätig ist, konnte sie den Anteil der “Nichtweißen” schon von 6 auf 18% erhöhen. Der Konflikt entspinnt sich als ihr Sohn Charlie (Ben Edelman) nicht wie erwartet bei einer Eliteuniversität angenommen wird. Charlies bester Freund hingegen wurde es. Charlie ist der Meinung, man habe seinen Freund nur bevorzugt, weil er schwarz sei. Langsam kommen auch Sherri Zweifel an ihrer Haltung und sie streitet sich mit ihrer Freundin Ginnie (Sarah Hadland), der Mutter von Charlies Freund. Als Charlie aus Protest seine Bewerbungen zurückzieht, geraten die Eltern in Panik.

Szenenbild aus ADMISSIONS - Trafalgar Studios, London - Sherri (Alex Kingston), Bill (Andrew Woodall) und Charlie (Ben Edelman) - Photo Credit: Johan Persson
Sherri (Alex Kingston), Bill (Andrew Woodall) und Charlie (Ben Edelman) – Photo Credit: Johan Persson
Came for Alex, stayed for Ben

Man sollte echt besser lesen. Erst im Foyer erfuhren → SingendeLehrerin und ich, dass in dem Stück auch Sarah Hadland mitspielt. Dabei stand ihr Name auf jedem Plakat. Ja, genau, die beste Freundin von MIRANDA spielt hier in einer Nebenrolle mit. Der Hauptgrund, warum ich das Stück sehen wollte, ist aber Alex Kingston. Hierzulande ist sie leider nicht so bekannt, aber spätestens die Whovians sollten den Namen River Song schonmal gehört haben. Umso überraschender war es dann doch, dass sich hier ausgerechnet Ben Edelman direkt in mein Herz gespielt hat. Edelman legt eine derart lange und auch argumentativ echt gut vorgetragene Wutrede hin, die seinesgleichen sucht. Wer denn überhaupt als „person of color“ gelte, will er wissen. Ist Penélope Cruz eine oder Kim Kardashian? Und warum nicht Marion Cotillard? Warum denn eine Frau die Schülerzeitung leitet, obwohl sie für den Posten nicht geeignet ist, fragt Charlie in den Raum. Warum beschwert sich der Mitschüler aus Chile darüber, dass zu wenig Bücher von „writers of color“ gelesen werden? Diese minutenlange Ansprache endet schließlich mit einem Hitlergruß und das muss man dann erstmal schlucken. Edelman hatte das Stück auch schon im Frühjahr 2018 im Lincoln Center in New York gespielt und hat die Rolle einfach drauf.

Szenenbild aus ADMISSIONS - Trafalgar Studios, London - Charlie (Ben Edelman) - Photo Credit: Johan Persson
Charlie (Ben Edelman) – Photo Credit: Johan Persson
Ich sehe weiße Menschen

Dabei lässt sich das auch kritisch sehen. Ich bin über eine Theaterkritik von → Vulture gestolpert, in der einige gute Kritikpunkte enthalten sind. Da wurde zum Beispiel moniert, dass zwar die ganze Zeit von Vielfalt und Inklusion die Rede ist, dass aber in ADMISSIONS kein einziger „person of color“-Schauspieler zu Wort kommt. Das ist mir auch aufgefallen. Ich habe das aber als absichtliche Entscheidung und sarkastische Note des Stücks interpretiert. Aber gut, ich bin die Käseweisigkeit in Person. Weiße, die über Rassendiskriminierung schimpfen, kann doch niemand ernst nehmen. Joshua Harmons Theaterstück ist so gut konstruiert, dass man merkt, auf welch dünnem Eis man sich hier befindet. Besonders bei Sätzen wie „I don’t see color.“ oder „I don’t see race.“ wird man instinktiv schon hellhörig, besonders, wenn er von liberalen Weißen kommt, die alles „richtig machen“ möchten. Irgendwie hört man zwischen den Zeilen immer ein „Ich bin ja kein Rassist, aber…“ heraus. Der Hitlergruß verstärkt diesen Eindruck dann noch.

Szenenbild aus Amissions - Trafalgar Studios, London - Sherri (Alex Kingston) und Ginnie (Sarah Hadland) - Photo Credit: Johan Persson
Sherri (Alex Kingston) und Ginnie (Sarah Hadland) – Photo Credit: Johan Persson
Alles für mein Kind

Was wirklich gut herauskommt, ist die Tatsache, wie sehr Eltern um die Zukunft, insbesondere auch in Bezug auf die Bildung, ihrer Kinder kämpfen. Hier in Deutschland halten Eltern ihre Kinder für hochbegabt und unter Gymnasium geht nichts. In den USA ist das System noch viel strenger – nicht nur aufgrund von hohen Studiengebühren. Sherri betont an einer Stelle, wie wichtig die „richtige“ Universität sei und wie sich diese auf die Möglichkeiten im Leben eines Menschen auswirken kann. Und dass Eltern ihren Kindern möglichst viele Möglichkeiten bieten möchten, ist natürlich klar. Die besorgte Mutter spielt Alex Kingston wahnsinnig gut. Mit zunehmender Länge des Stücks erkennt man die unterschiedlichen Maßstäbe, die Sherri bei anderen Kindern und bei ihrem Sohn anlegt. Auch Sarah Hadlands Ginnie bildet einen guten Gegenpol und redet Sherri ins Gewissen. Beide Mütter wollen ihre Kinder beschützen. Der Humor ist tiefschwarz und manchmal bleibt einem auch das Lachen im Halse stecken. Und das ist auch gut so. Ein Stück, dass zum Diskutieren und Nachdenken einlädt.

Gesehen am 4. März 2019 in den Trafalgar Studios, London

Trailer: © Trafalgar Studios
  1. Gutes Review. Ich stimme Dir absolut zu. Insbesondere der Teil „Ich sehe weiße Menschen“. Ich denke auch, genau das der Punkt ist, eben gerade nur weiße Personen auftreten zu lassen.

    Ich kann die Punkte von Vulture aber auch nachfollziehen. Es kommt sicherlich darauf an, was man von so einem Stück erwartet. Ich denke bei dem Publikum, dass das Stück in meiner Matinee gesehen hat, kam die Botschaft zu großen Teilen an – gemäß meiner Interpretation der Reaktionen. Und es war ja noch aktueller, weil ich die Schlagzeilen an dem Tag gerade gelesen hatte, an dem ich das Stück gesehen habe. Mir haben das Stück und die Darsteller sehr gut gefallen.

    Und besonders Edelman hat sich auch in mein Herz gespielt, wow! Er hat uns an der Stage Door erzählt, das für die Wutreden ganz wichtig ist, dass man die richtige Sprechtechnik anwendet, damit die Stimme hält. Er hat auch mit Alex Kingston geübt, die am Anfang der Spielzeit des Stückes Probleme mit der Stimme hatte.

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