Mehr Schwarz als Lila (2021)

Endlich. Wieder. Theater. Die Freude über das Ticket in meiner Hand war grenzenlos. Und zu meinem ersten Live-Theaterstück dieses Jahr- Zoom-Theater mal ausgenommen – gab’s auch noch etwas richtig Gutes zu sehen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Lena Gorelik, die auch für die Bühnenfassung verantwortlich war, geht es in MEHR SCHWARZ ALS LILA um drei junge Erwachsene. Die Freunde Ratte (Bernadette Leopold), die eigentlich Nina heißt, Paul (Samuel Müller) und Alex (Amélie Althaus) sind siebzehn Jahre alt. Sie verbringen jede freie Minute miteinander und fordern sich emotional und intellektuell heraus. Die eingeschworene Gemeinschaft verändert sich, als der junge Referendar Herr Spitzing (Camill Jammal) neu in die Klasse kommt.

Szenenbild aus MEHR SCHWARZ ALS LILA (2021) - Die SchülerInnen - © Adrienne Meister
Die Klasse – © Adrienne Meister

Nach der großen Pause

Betritt man nach der großen Theater-Pause endlich wieder den Raum im Marstall, hat das Stück eigentlich schon begonnen. Rechts und links sind jeweils vier Reihen mit Stühlen und Tischen für das Publikum vorgesehen, die Spielfläche ist in der Mitte. Dort sitzen bereits die SchülerInnen, die entweder noch Hausaufgaben machen oder miteinander reden. Ein gelungener Kniff von Regisseurin Daniela Kranz, weil dadurch sofort Erinnerungen an die eigene Schulzeit aufkommen. Ich habe es mir in der zweiten Reihe bequem gemacht mit bestem Blick auf das Klavier und dem, der später davor sitzt. Ich habe ja bekanntermaßen eine Schwäche für Musik und infolgedessen auch für Theaterstücke mit genügend akustischen Schmankerln. Und es hat mich sehr gefreut, dass MEHR SCHWARZ ALS LILA durchaus musiklastig ist. Eine Mischung aus eingespielter Disco-Mucke und live gesungenen Stücken, die mit Klavier begleitet werden.

Szenenbild aus MEHR SCHWARZ ALS LILA (2021) - Herr Spitzing (Camill Jammal) - © Adrienne Meister
Herr Spitzing (Camill Jammal) – © Adrienne Meister

Klassenfahrt nach Ausschwitz

MEHR SCHWARZ ALS LILA ist vorrangig eine Coming-of-Age-Geschichte. Die drei Freunde Ratte, Paul und Alex sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die durch das Auftauchen des Referendars Herr Spitzing ins Ungleichgewicht gerät. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass „Johnny“ wie er sich nennt, immer wieder Zeit mit der Gruppe verbringt, obwohl er das eigentlich nicht müsste. Im Programmheft bezeichnet die Autorin Lena Gorelik Johnny als „knallharte[n] Narzisst[en]“ – eine Einschätzung, die ich ohne die Buchfassung zu kennen so nicht gezogen hätte. Ich kenne nur Camill Jammals Version von Johnny und die mag vielleicht von der Romanfassung abweichen. Nichtsdestotrotz fand ich ihn großartig in der Rolle.

Szenenbild aus MEHR SCHWARZ ALS LILA - © Adrienne Meister
© Adrienne Meister

Tolle Nachwuchstalente

Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit dem hauseigenen Klub «Xtra». Dieser richtet sich an junge Menschen, die intensiver und tiefer in die Theaterarbeit einsteigen und Teil einer Theaterproduktion werden möchten, die regelmäßig im Repertoire des Residenztheaters zu sehen ist. Ich muss gestehen, ich fand die beiden Mädels (Bernadette Leopold und Amélie Althaus) ein bißchen überzeugender als Samuel Müller, dem man in machen Momenten die Nervosität ansah. Ebenfalls Teil der Schulklasse ist Lisbet Hampe, die vor kurzem noch als Assistentin von Rex Osterwald „gefressen wurde“ und ebenfalls sichtlich Spaß am Stück hatte. Insgesamt ist MEHR SCHWARZ ALS LILA eine runde Sache. Kleinere Längen werden durch das authentische Setting, die tollen SchauspielerInnen und die Musik wieder wettgemacht.

9/10

Bewertung: 9 von 10.

Gesehen am 04.06.2021 im Marstalltheater

Trailer: © Residenztheater

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