Der griechische Komödiendichter Aristophanes hat vor über 2400 Jahren eine Komödie geschrieben, die aktuell im Kasino am Schwarzenbergplatz von Regisseur Thomas Jonigk und seinem Ensemble auf die Bühne gebracht wird: LYSISTRATA. Der Peloponnesische Krieg tobt seit Jahren. Die Frauen Athens und Spartas haben das Sterben satt. Lysistrata (Mavie Hörbiger) schmiedet einen tollkühnen Plan: Sex-Streik. Gemeinsam besetzen die Frauen von Athen die Akropolis und bringen die Staatsgelder unter ihre Kontrolle. Trotz wütender Gegenangriffe halten sie stand. Die Männer, als aufgeblasene Wichtigtuer gezeichnet, müssen am Ende klein beigeben. Schon 411 v. Chr. hat Aristophanes damit ein interessantes Szenario entworfen: in einer Gesellschaft, in der Frauen politisch keinerlei Mitspracherecht besaßen, macht er sie zu den eigentlich Handelnden.

Mansplaining auf Altgriechisch
Tragikomödien kann Thomas Jonigk. Seine letzte Inszenierung an der „Burg“ – EGAL im Akademietheater – hielt die Waage zwischen Ernsthaftigkeit und Komik. LYSISTRATA ist an vielen Stellen noch deutlich klamaukiger. Also zumindest, wenn man einen typischen Burgtheater-Abend als Referenz hernimmt. Jonigk hat die Männer als stumpfsinnige Trottel inszeniert, die sich wahnsinnig viel auf ihr Mannsein und ihre Entscheidungskraft einbilden. Der Athener Ratsherr (Roland Koch) will schließlich mit Lysistrata diskutieren. Er lässt sie dabei aber kaum zu Wort kommen und wiederholt inhaltsleere Phrasen, während sie freundlich lächelt und nickt. Mansplaining gab es offenbar schon in der Antike. Solche Momente wirken in jedem Fall sehr bekannt. Die Bühne kommt bewusst spartanisch daher (Wortspiel beabsichtigt). Viel Platz, wenig Dekoration, auch die Publikumstribüne wird bespielt. Der Fokus liegt ganz auf den Dialogen und dem körperlichen Spiel. Das kleine Kasino verstärkt diesen Effekt noch. Man sitzt nah dran am Geschehen und wird quasi Teil der Verhandlungen.

Overacting und Gender Swaps
Der klamaukige Text wird vom Overacting des Schauspielensembles noch unterstützt und verbreitet recht schnell gute Laune. Das gesamte Ensemble rezitiert zwischendurch Auszüge aus Herbert Grönemeyers „Männer“. Der Spartaner (Michael Wächter) schleppt beispielsweise zu den Friedensverhandlungen einen Garderobenständer mit. Dann muss er sich von den Einwohnern Athens fragen lassen, warum er eigentlich einen „Ständer“ mitgebracht hat. Solche Wortwitze nehmen im späteren Verlauf des Stücks dann etwas überhand, aber sei’s drum. Mavie Hörbiger trägt den Abend mühelos. Wie dem restlichen Ensemble ist auch ihr die Spielfreude anzusehen. In einer Szene hüpft sie lolitahaft vor dem Athener Kinesias (Lola Klamroth) herum. Sie lässt lasziv Gegenstände fallen, um sie dann betont sexy wieder aufzuheben. Damit die Inszenierung nicht so sehr einen Touch von „Frauen gegen Männer“ bekommt, gibt es hier auch noch Gender Swaps. Lola Klamroth übernimmt gleich zwei männliche Rollen: den Athener Soldaten Drakes und den liebestollen Kinesias. Umgekehrt schlüpft Seán McDonagh als Athenerin Myrrhine in eine weibliche Rolle.

„Muss ich mir das bieten lassen?“ – „Ja!“
Dieser Satz fasst den Abend ziemlich treffend zusammen. Die Frauen in LYSISTRATA lassen sich nichts mehr bieten. Sie handeln, während die Männer nur schwätzen und sich in Selbstmitleid suhlen. Das Stück wirkt erschreckend aktuell. Es toben die Kriege, Männer entscheiden und die Frauen haben das Nachsehen. Jonigk holt diesen Stoff mit seinem energiegeladenen Ensemble in die Jetztzeit. Allerdings bleibt die Geschichte dabei oft an der Oberfläche. Das ungleiche Machtgefälle zwischen Mann und Frau beschränkt sich dabei in erster Linie auf Zugang zu Geld und Zugang zu Sex, was ich ein bißchen einseitig gedacht finde. Der Abend ist sehr unterhaltsam, aber gerade, weil das Thema so aktuell ist, hätte ich mir zwischendurch auch ernstere Töne gewünscht. Eine Komödie darf natürlich eine Komödie sein. Aber ein paar Momente, in denen das Lachen im Hals stecken bleibt, hätten dem Ganzen noch mehr Gewicht gegeben. Das Stück kippt gerade gegen Ende ein bißchen zu sehr in die Klamauk-Richtung anstatt auch mal ernsthaft Gesellschaftskritik zu üben. Trotzdem macht das Stück gute Laune. Wer einfach eine richtig gute Zeit im Theater haben möchte, ist hier gut aufgehoben.
LYSISTRATA ist noch am 28.03., 18.04. und am 02.05.2026 im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen.
9/10



