Hamnet (2025)

Nach dem eher durchwachsenen Ausflug ins Marvel-Universum mit ETERNALS ist die Regisseurin Chloé Zhao wieder da angekommen, wo sie hingehört. Die Oscar-Preisträgerin, die mit Dramen wie THE RIDER und NOMADLAND begeisterte, macht wieder das, was sie am besten kann: leises, poetisches Kino. Ihr neuester Film HAMNET spielt im Jahr 1580 im beschaulichen Stratford-upon-Avon. Der junge Lateinlehrer William Shakespeare (Paul Mescal) verliebt sich unsterblich in Agnes (Jessie Buckley). Die Dorfbewohner tuscheln hinter vorgehaltener Hand über Agnes. Manch einer hält sie sogar für eine Hexe. William kümmert das herzlich wenig. Die beiden stürzen sich Hals über Kopf ins gemeinsame Abenteuer. Bald wächst die Familie. Erst kommt Susanna (Bodhi Rae Breathnach) zur Welt, dann die Zwillinge Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe). Doch Williams Träume sind größer als das traute Familienglück. Er will zum Theater und Dramatiker werden. Auf dem Land lässt sich das allerdings schwer verwirklichen. Also zieht er, ermutigt von Agnes, nach London. Die Familie wird nun auseinandergerissen. Die Pest wütet durchs Land und Hamnet stirbt schließlich daran mit gerade einmal elf Jahren. In seiner Trauer beginnt William, seinem Sohn ein Denkmal zu setzen. Er schreibt ein Stück, das die Jahrhunderte überdauern wird.

Szenenbild aus HAMNET - Agnes (Jessie Buckley) und William Shakespeare (Paul Mescal) - © Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC
Agnes (Jessie Buckley) und William Shakespeare (Paul Mescal) – © Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Eintauchen ins 16. Jahrhundert

HAMNET ist für Zhao eine großartige Comebackstory. Was die Regisseurin und ihr Team hier visuell erschaffen haben, verdient höchsten Respekt. Szenenbild und Kostümbild haben ganze Arbeit geleistet und sorgen dafür, dass man recht schnell ins 16. Jahrhundert eintaucht. Besonders auffällig ist dabei Agnes‘ rotes Kleid. Das Rot steht für Vitalität, Leidenschaft, ihre ungezähmte Verbindung zur Natur und auch für ihre unangepasste Art. In diesem Zusammenhang kamen mir auch die roten Roben aus THE HANDMAID’S TALE in den Sinn. Auch das nachgebaute Globe Theatre ist ziemlich beeindruckend. Im Kleinen wie im Großen scheint jeder Gegenstand, jede Textur eine eigene Geschichte zu erzählen. Kameramann Łukasz Żal verweilt lange auf Gesichtern und kleinen Details. Dort, wo andere längst weggeschnitten hätten, hält Żal gnadenlos drauf. Genau dadurch entfalten Szenen eine ungeheure Wucht. Eine Geburt im Wald wird zum Moment weiblicher Selbstermächtnis. Das Sammeln von Kräutern ein Akt der persönlichen Gesundheitsvorsorge. Die Geburt von Zwillingen ein Bangen zwischen Freude und Ohnmacht. Und wenn Agnes hektisch ihr fieberndes Kind mit Heilkräutern behandelt, kann man gar nicht anders als betroffen zu sein.

Szenenbild aus HAMNET - William (Paul Mescal) im Bühnenbild seines Theaterstücks. - © Courtesy of Focus Features / © 2025 FOCUS FEATURES LLC
William (Paul Mescal) im Bühnenbild seines Theaterstücks. – © Courtesy of Focus Features / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Shakespeare’sches Schauspiel mal anders

Das Herz des Films ist Jessie Buckley als Agnes. Sie spielt mit einer Intensität und Ernsthaftigkeit ihre Figur, sodass man auch noch Wochen nach dem Kinobesuch ein klares Bild von ihr im Kopf hat. Gebt dieser Frau bitte einfach ihren wohlverdienten Oscar! Paul Mescal wiederum zeigt einen Shakespeare, der hier eine eher untergeordnete Rolle spielt. In der zweiten Hälfte des Films ist er schlichtweg nicht zu sehen, weil er in London am Theater arbeitet, während sich die Handlung zuhause bei Agnes abspielt. Shakespeare, der ja gerade im englischsprachigen Raum als Ikone und Genie immer noch gefeiert wird, ist hier kein übermenschliches Dichtergenie, sondern ein zerrissener Mann aus Fleisch und Blut, der genauso seine Dämonen mit sich herumträgt, wie wir alle. Mescal und Buckley haben eine tolle Chemie miteinander. Aber ich fand tatsächlich auch die Nebenrollen ganz großartig. Besonders ist mir Emily Watson als Williams Mutter Mary im Gedächtnis geblieben. Sie spielt die zunächst ablehnende Schwiegermutter mit feinen Nuancen.

Szenenbild aus HAMNET - Hamnet (Jacobi Jupe) - Credit: Courtesy of Focus Features / © 2025 FOCUS FEATURES LLC
Hamnet (Jacobi Jupe) – Credit: Courtesy of Focus Features / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Kinder, Kinder

Besonders gelungen finde ich auch das Casting der jüngeren Schauspielenden. Die Brüder Jacobi und Noah Jupe spielen Hamnet beziehungsweise Hamlet. Der eine (Jacobi) verkörpert das reale Kind, der andere die Theaterversion von ihm (Noah). Abgesehen von diesem inhaltlichen Bogen liefern beide auch wirklich herausragende Leistungen ab. Jacobi Jupe bricht einem als todgeweihter Junge schlichtweg das Herz, auch wenn er eigentlich recht wenig Screentime hat. Sein älterer Bruder Noah, der aktuell als Sohn von Richard Roper in der zweiten Staffel von THE NIGHT MANAGER zu sehen ist, trägt die emotionale Last der Titelrolle in der finalen Theaterszene auch richtig gut. Aber auch Olivia Lynes als Hamnets Zwillingsschwester Judith und Bodhi Rae Breathnach als älteste Tochter Susanna fügen sich nahtlos ins Ensemble ein. Casterin Nina Gold macht ihrem Nachnamen wieder alle Ehre.

Szenenbild aus HAMNET - Agnes (Jessie Buckley) - 
Credit: Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC
Agnes (Jessie Buckley) –
Credit: Agata Grzybowska / © 2025 FOCUS FEATURES LLC

Fiktionaler Historienfilm

Wer historische Akkuratesse erwartet, sollte seine Erwartungen herunterschrauben. HAMNET basiert auf Maggie O’Farrells Roman und auch wenn der in Teilen auf der echten Geschichte basiert, sind doch beide Werke fiktional. Die Verbindung zwischen dem Tod des Sohnes und der Entstehung von „Hamlet“ bleibt akademisch umstritten. Shakespeare heiratete 1582 Anne (oder Agnes) Hathaway. Das erste Kind kam schon sechs Monate später. Hamnet wurde 1585 geboren und starb 1596. Allerdings gibt es keine historischen Belege, dass Shakespeares Frau jemals eine Aufführung von HAMLET oder einem anderen seiner Stücke im Globe Theatre besuchte, geschweige denn, dass sie dort eine Aufführung über den Tod ihres Sohnes sah. Gerade zu dieser Szene sollte man dann spätestens die Taschentücher griffbereit haben. Ich habe geheult wie ein Schlosshund und es war großartig. Allerdings weiß ich nicht, ob ich den Film noch einmal sehen möchte. Es gibt diese Filme, die sind absolut fantastisch, aber ich habe die Befürchtung, ich mache die “Magie” kaputt, wenn ich den Film noch ein weiteres Mal anschaue.

9.5/10

Bewertung: 9.5 von 10.

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