Hamlet

Szenenbild aus HAMLET - Schaubühne Berlin - Photo by Arno Declair

Letztes Jahr im November habe ich HAMLET in der Schaubühne in Berlin gesehen und ich war mir auch im Frühjahr 2020 noch unschlüssig wie ich die Darbietung finden soll. Deshalb habe ich bislang auch keine Kritik dazu veröffentlicht. Eine Kritik ohne Urteil ist schließlich komisch. Jetzt ist es aber so, dass die Schaubühne in Corona-Zeiten regelmäßig Bühnenstücke zum Streamen anbietet. Am 1. April lief HAMLET und ich habe mir die Aufzeichnung angeschaut in der Hoffnung mir endlich eine abschließende Meinung zu dem Gesehenen bilden zu können. Die Handlung wird weitestgehend bekannt sein. Hamlet (Lars Eidinger), der Sohn des dänischen Königs, betrauert den Tod seines Vaters. Als seine Mutter Gertrud (Jenny König) neu heiratet – ausgerechnet den Bruder des Königs, Claudius (Urs Jucker) – erscheint Hamlet der Geist des verstorbenen Vaters. Dieser bezichtigt Claudius des Mordes. Hamlet steigert sich immer mehr in Rachegedanken und wird schließlich wahnsinnig.

Szenenbild aus HAMLET - Schaubühne Berlin - Claudius (Urs Jucker) und Gertrud (Jenny König) - © Arno Declair
Claudius (Urs Jucker) und Gertrud (Jenny König) feiern Hochzeit – © Arno Declair

Im Vergleich

Zunächst mal, die beiden Versionen, die ich gesehen habe und die dann doch elf Jahre trennen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Für mich überraschend: ich mochte die aufgezeichnete Variante lieber. Das liegt in erster Linie daran, dass die 2008er-Fassung fast ohne Publikumsbeteiligung ausgekommen ist. Anders war das letztes Jahr im November. Ich bin jemand, der gerne in die Geschichte eintaucht und dabei vergisst, dass man gerade ein Theaterstück anschaut. Doch Lars Eidinger hat mir wirklich andauernd einen Strich durch die Rechnung gemacht. Immer wieder wurde ich darauf hingewiesen, dass ja hier Schauspieler auf der Bühne stehen, die jetzt gerade schwer arbeiten müssen. Beim Fechtkampf zwischen Hamlet und Laertes forderte Eidinger beispielsweise vom Publikum Szenenapplaus, weil das Fechten ja wahnsinnig anstrengend sei. 

Szenenbild aus Hamlet - Schaubühne Berlin - Die Beerdigung - © Arno Declair
Die Beerdigung – © Arno Declair

Dreckig

Und dann war da ja auch noch die Sache mit den Folien. In der Vorstellung letztes Jahr saßen offenbar in der ersten Reihe zwei mit Folien überzogene Zuschauer. Die hatten wohl gehört, dass während der Aufführung mit Flüssigkeiten gefüllte Tetra Paks durch die Luft fliegen und hatte sich deshalb diesen raschelnden Kleiderschutz mitgebracht. Eidinger hat das Stück unterbrochen um die Beiden eindringlich zu bitten, die Folie doch bitte wegzulegen, und hoch und heilig versprochen, dass die beiden nicht vollgesaut werden. Geglaubt habe ich ihm das nicht. Es lag so eine angespannte Stimmung in der Luft, sodass ich annahm, dass gleich nachdem die beiden die Folien fallen lassen eine gefüllte Milchtüte vor ihren Füßen landet. Zur Verteidigung von Eidinger: Er hat sich an sein Wort gehalten. Zur Verteidigung der Erste-Reihe-Zuschauer: das Bühnenbild ist schon recht matschig, dreckig und blutig.

Szenenbild aus HAMLET - Schaubühne Berlin - Photo by Arno Declair
Hamlet (Lars Eidinger)- © Arno Declair

Intensives Spiel

Lars Eidinger singt nicht nur über „Krawall und Remmidemmi“, sondern macht auch ordentlich ebensolches. Sein Hamlet ist zu Beginn des Stücks noch ein passiver Zuschauer, ein bockiges Kind, das von Außen mit Unverständnis auf die groteske Szenerie blickt. Doch Hamlet wird immer impulsiver, zeigt plötzlich Krankheitssymptome von Tourette und Schizophrenie und verstößt seine Geliebte Ophelia (ebenfalls Jenny König), indem er sie mit Erde bedeckt und dann bespuckt. All das ist wahnsinnig anstrengend, nicht nur für Eidinger, der auch noch einen Fatsuit trägt. Es ist schon eine Mammutaufgabe. Zu sechst spielen die Darsteller alle Rollen. Zum Vergleich: Laut meinem Reclam-Büchlein gibt es in Hamlet 22 Rollen, wenn man die „Herren und Frauen vom Hofe, Offiziere, Soldaten, Schauspieler, Totengräber, Matrosen, Boten und anderes Gefolge“ nicht mit dazurechnet. Ich empfand das letzte Drittel als zu lang bzw. unnötig in die Länge gezogen. Aber ich empfinde Shakespeare-Stücke gerne mal als zu lang; das ist also keine besonders repräsentative Aussage. 😉 

Am 24.11.2019 in der Schaubühne in Berlin gesehen sowie die Aufzeichnung des Stücks (Avignon, 2008) als temporärer Stream am 01.04.2020. Die Streams der Schaubühne wechseln übrigens täglich. Zwischen 18 und 24 Uhr kann man jeden Tag ein neues Stück sehen. 

Trailer: © Schaubühne Berlin

5 Kommentare zu „Hamlet“

  1. Schade schade, daß ich die Aufzeichnung verpasst habe. Da hast du mich jetzt richtig neugierig drauf gemacht. Mir hat die Aufführung am 24.11.19 nämlich sehr gut gefallen und zwar gerade auch wegen dieser „Unterbrechungen“. Ich fand das sehr erfrischend. Aber das lag wohl auch daran, daß ich schon sehr lange in München Theater anschaue und die Inszenierungen dort zielen eher auf ein konservatives Publikum – wobei ich hier ausdrücklich die Resi-Inszenierungen der letzten Zeit ausnehme – wer ein Münchner Publikum im Cuvilliés-Theater dazu bringt eine La Ola Welle zu machen verdient Respekt und Anerkennung 😉

  2. Auf Reaktionen von Lars Eidinger zum Publikum muss man gefasst sein. Das ist einfach sein Markenzeichen. Ich finde es erfrischend, kann aber auch Leute verstehen, die das nicht mögen. Ich war ehrlich gesagt sehr erfreut über die Interaktionen. Als ich ihn das erste Mal in Hedda Gabler gesehen habe, war ich fast enttäuscht, dass er mich und den anderen Typen nicht angemacht hat, weil wir zu spät waren. Ich finde, dass diese Produktion – auch ohne die Eidinger Extras eine der unterhaltsamsten Versionen von Hamlet ist, die ich je gesehen habe. Während ich z.B. die Version mit Benedict Cumberbatch sehr langweilig fand. Meine Lieblingsversion bleibt aber die mit Andrew Scott und er wird zusammen mit John Simm auch mein liebster Hamlet bleiben. Hamlet ist ja nun mal das längste Stück von Shakespeare, dann kann dir das auch getrost lang vorkommen. Immerhin ist diese Version etwas gekürzt. Die Simm Version war 3 Stunden plus Pause, ebenso die Andrew Scott Version (plus 2 kürzere Pausen). Die Eidinger Version ist zwischen 2:25 und 2:45 ohne Pause – die längere Laufzeit entsteht durch die Publikumsinteraktionen. Das Gefühl der Länge ist bei mir aber gar nicht aufgekommen, was seltsam ist, weil ich ab ca. 2 Stunden Theater eigentlich eine Pause brauche. Aber ich habe mich eben sehr unterhalten gefühlt. Es war schön, auch noch die Aufzeichnung der Urfassung zu sehen, nachdem ich die Aufführung vom 24.11. gesehen hatte. Ich würde mir gerne nochmals diese Inszenierung ansehen, sollte sie mal wieder auf dem Spielplan stehen.

    1. Wow, das ist wohl der längste Kommentar, den ich je bekommen habe. 😮 Danke schonmal. 😉

      Hast du eigentlich auch die Hamlet-Version aus Bochum mit Sandra Hüller gesehen? Die hat mir viel mehr getaugt, was aber wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich Sandra Hüller ganz großartig finde. Die Bochumer Inszenierung war so herrlich unaufgeregt. Quasi das krasse Gegenstück zur Schaubühne.

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