Paolo Sorrentino ist mir zum ersten Mal mit EWIGE JUGEND (OT: YOUTH / LA GIOVINEZZA) aufgefallen. Danach herrschte erstmal Funkstille. Jahre später habe ich dann noch was von LORO – DIE VERFÜHRTEN gehört, eine Verfilmung des Lebens von Silvio Berlusconi. Und schwupps sind elf Jahre vergangen und Sorrentino ist mit seinem neuen Film LA GRAZIA in den Kinos. Und ich endlich auch wieder. Mariano De Santis (Toni Servillo) ist der Präsident der Italienischen Republik. Der Witwer, studierter Rechtswissenschaftler und gläubiger Katholik, lebt mit seiner Tochter Dorotea (Anna Ferzetti). Die ist ebenfalls Juristin und hat einen Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe ausgearbeitet. De Santis trägt den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Cemento Armato” (Betonkopf), weil er als unerschütterlich und mitunter stur gilt. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit muss er sich mit zwei Gnadengesuchen auseinandersetzen. Beide betreffen Verurteilte, die ihre Partner getötet haben. Gleichzeitig nagt eine ganz private Frage an ihm: Wer war der Liebhaber seiner verstorbenen Frau Aurora? Seine enge Vertraute Coco (Milvia Marigliano) behauptet, die Antwort zu kennen. Verraten will sie sie aber nicht. So ringt De Santis auf mehreren Ebenen mit Schuld, Gnade und Wahrheit.

Mit steinerner Miene
Schauspielerisch hat LA GRAZIA mich wirklich überzeugt. Toni Servillo spielt den alternden Staatschef ganz großartig. Er strahlt eine ruhige Autorität aus, die den ganzen Film trägt. Seine Mimik bleibt oft stoisch, fast unbeweglich. Aber gerade in dieser Zurückhaltung steckt enorm viel. Hier ein Zucken der Augenbraue, da ein kaum merkliches Schlucken. Servillo braucht keine großen Gesten, um die inneren Kämpfe seiner Figur sichtbar zu machen. Dass er dafür bei den Filmfestspielen von Venedig den Darstellerpreis gewonnen hat, überrascht mich nicht. Es ist bereits die siebte Zusammenarbeit zwischen ihm und Sorrentino. Man merkt, dass sich die beiden blind verstehen.

Prunkvolle Räume
Auch visuell hat Sorrentino punktuell wirklich beeindruckende Bilder geschaffen. Die prächtigen Räume im Präsidentenpalast, der Garten vom Heiligen Vater oder opulente Opernhäuser machen optisch wirklich etwas her. Trotzdem ist da immer auch eine große Distanz zwischen De Santis und seinen Untertanen. Manchmal wirkt er aufgrund der räumlichen Distanz auch etwas abgehoben. Als hätte er mit dem gemeinen Volk nichts zu tun. Auch die Bibliothek fand ich visuell beeindruckend. Ein Ort, der gleichzeitig Wissen, Macht, aber auch Einsamkeit ausstrahlt. Im Gedächtnis bleibt mir auch der Besuch eines Staatsgastes im strömenden Regen. Der rote Teppich wickelt sich dabei so unglücklich auf, dass der arme Mann darüber stolpert. Eine völlig absurde Szene, die zeigt, wie fragil Würde und das Zeremoniell eigentlich sind. Gleichzeitig gibt es aber auch surreale Szenen wie eine Traumsequenz in einer Raumstation.

Der Mensch zwischen Pflicht und Zweifel
Im letzten Drittel hat LA GRAZIA ein Tempoproblem. Der Film dreht sich inhaltlich etwas im Kreis. Die Gnadengesuche, der Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe, die Frage nach Auroras Liebhaber: alles wird wiederholt, ohne wirklich neue Aspekte in die jeweiligen Thematiken hereinzubringen. Man versteht das Dilemma recht schnell. Trotzdem umkreist der Film alle Themen mehrfach. Das bremst die Erzählung spürbar aus. Zwanzig Minuten weniger Laufzeit hätten dem Film gutgetan. Trotz dieser Längen bleibt LA GRAZIA ein sehenswerter Film. Sorrentino hat ein nachdenkliches Drama inszeniert, das sich von aktiongeladenen Polit-Thrillern abhebt. Es geht hier nicht um Intrigen oder Machtspiele. Es geht um einen Mann, der am Ende seiner Karriere versucht, das Richtige zu tun – und dabei merkt, wie vertrackt „das Richtige” sein kann. Die titelgebende Gnade funktioniert dabei auf mehreren Ebenen: als juristischer Akt (Gnadengesuch), als religiöses Konzept (Barmherzigkeit) und als zwischenmenschliche Haltung (Empathie). Wer moralischen Dilemmata etwas abgewinnen kann und Sorrentinos poetischen Stil schätzt, hat hier eine schöne Zeit im Kino. Stark gespielt, bildgewaltig, aber im Schlussdrittel etwas zu selbstverliebt ins eigene Grübeln.
7.5/10



