Brunhilde Pomsel hat sich jahrzehntelang nicht geäußert. Dann, mit 103 Jahren, hat sie im Rahmen eines Dokumentationsfilms namens EIN DEUTSCHES LEBEN erstmals umfassend über ihre Zeit als Stenotypistin und Sekretärin von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gesprochen. Sie hat für einen der größten Verbrecher der Geschichte gearbeitet. Trotzdem hat sie sich stets als „Randfigur“ bezeichnet. Völlig „unpolitisch“, wie sie immer wieder betont hat. Selbst in den letzten Kriegstagen ist sie in der bereits zerstörten Stadt Berlin geblieben. Danach geriet sie in sowjetische Gefangenschaft. Bis zuletzt hat Pomsel darauf beharrt, vom Holocaust erst nach dem Ende des Nationalsozialismus erfahren zu haben. Der englische Dramatiker Christopher Hampton hat aus den originalen Gesprächsprotokollen des Regieteams Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer einen packenden Theatertext verfasst. Und der wirft eine zentrale Frage auf: Wie viel Verantwortung trägt jeder Einzelne?

Alte Frau erzählt vom Krieg
Lore Stefanek spielt hier quasi einen Monolog. Zwei volle Stunden sitzt sie auf der Bühne und erzählt. Das allein ist schon ziemlich beeindruckend. Ihre Rede wird gelegentlich von einem Männerchor unterbrochen. Man hört Schlager der damaligen Zeit, alte Volkslieder und belastete Heimatlieder wie „Tapfere, kleine Soldatenfrau“. Stefanek zieht das Publikum relativ schnell in ihren Bann. Man hängt an ihren Lippen, folgt jeder Wendung, jedem vermeintlich harmlosen Satz. Regisseurin Andrea Breth hat EIN DEUTSCHES LEBEN bewusst nicht als lautes Historienstück inszeniert. Hier donnern keine Explosionen, hier marschieren keine Soldaten über die Bühne. Der Text an sich erzeugt schon eine Atmosphäre, die unter die Haut geht. Die sehnsüchtig, teils auch hoffnungsvoll klingende Musik kommentiert das unaussprechliche Grauen.

Wankende Wände
Raimund Orfeo Voigt hat ein besonderes Bühnenbild entworfen. Der Raum, in dem Pomsel sitzt, ist mehr kein richtiger Ort. Kein Wohnzimmer, in dem sie sitzt. Es ist ein fiktiver Raum. Ein Erinnerungsraum. Mal tauchen einzelne Personen auf. Sie reden nichts. Manchmal singen sie aber auch. Die Wände kommen im Verlauf der Erzählung buchstäblich ins Wanken. Angedeutete Türen verschließen sich während den Kriegstagen und sorgen für eine beklemmende Atmosphäre. Auf Requisiten wurde auch weitgehend verzichtet. Hier ein Stuhl. Da eine Lampe. Ein Grammophon. Die Wände wirken karg. Nichts Persönliches, nur Erinnerungsfetzen. Diese Reduzierung auf das Wesentliche, nämlich auf den Text, entfaltet eine packende Wirkung. Man braucht wirklich nicht viel, wenn Text, Schauspiel und die Musikanteile so stark tragen wie hier. Gleichzeitig sorgt das minimalistische Bühnenbild auch für eine gewisse Intimität. Es ist nun mal eine sehr persönliche Lebensgeschichte, die hier erzählt wird. Diese ablenkungsarme Umgebung richtet den Blick auf das Wesentliche: auf Pomsels Worte und auf das, was zwischen den Zeilen liegt.

(Lore Stefanek) erinnert sich. – © Bernd Uhlig
Wo ist die Stimme dagegen?
Bei aller Begeisterung gibt es einen Punkt, der mich beschäftigt hat. Im Text fällt das N-Wort. Auch der Begriff „Reichskristallnacht“ wird verwendet. Beides gehört zur historischen Sprache, das ist mir klar, aber diese Worte sind eben auch klar kodiert. Es fehlte mir die Gegenrede, der Protest. EIN DEUTSCHES LEBEN lässt Pomsels Perspektive weitgehend unkommentiert stehen. Die Musikeinlagen setzen zwar kleine Kontrapunkte, aber ich hätte mir dann doch ein deutlicheres „Dagegen“ gewünscht. Oder zumindest die Widersprüche in der Erzählung stärker herausgearbeitet. Vereinzelt hat mich außerdem gestört, dass Gesang und gesprochener Text gleichzeitig zu hören waren. Das Ende des Stücks kommt dann etwas zu abrupt. Trotz dieser kleinen Ambivalenzen hat mich der Abend ziemlich beeindruckt. Lore Stefanek liefert eine wirklich herausragende Leistung ab. Und jetzt habe ich richtig große Lust, den Dokumentarfilm zu sehen.
Premiere 18.12.2025. Gesehen am 04. März 2026 im Theater in der Josefstadt in Wien.
9/10



