Pinocchio (2025)

Das Schöne an Theaterbesuchen in fremden Städten ist, dass man immer etwas Neues entdecken kann. Jetzt kann man Wien zwar wahrlich nicht mehr als „fremde Stadt“ bezeichnen – manche meiner Arbeitskolleginnen nennen die Stadt inzwischen schon liebevoll „deinen Zweitwohnsitz“ – aber im Dschungel Wien war ich tatsächlich vorher noch nie. Das Theaterhaus richtet sich an junges Publikum und befindet sich mitten im MuseumsQuartier. Die Geschichte werden die meisten schon kennen. Der alte Geppetto (Wolfram Rupperti) schnitzt aus einem Stück Holz eine Puppe und nennt sie Pinocchio. Die hölzerne Puppe beginnt zu sprechen und hat schnell große Pläne: Pinocchio will hinaus in die Welt und ein echtes Kind werden. Pinocchio (Florian Klingler) stolpert also steifen Schrittes von einem Abenteuer ins nächste. Er trifft auf eine Grille (Lara Sienczak), die lieber Partylieder singt als weise Ratschläge zu geben. Er begegnet dem betrügerischen Duo Fuchs und Katze, das ihn eiskalt um sein Gold bringt. Schließlich lässt er sich von Lausbuben ins Spielzeugland verführen. Und zwischendurch taucht immer wieder eine geheimnisvolle Fee (Jasmin Weissmann) auf, die ihm Mut zuspricht. Geppetto, plötzlich alleinerziehender Vater einer lebendigen Holzpuppe, hat alle Hände voll zu tun.

Szenenbild aus PINOCCHIO - Dschungel Wien - Pinocchio (Florian Klingler) - © Susanne Hassler-Smith
Pinocchio (Florian Klingler) – © Susanne Hassler-Smith

Italo-Pop statt Disney-Romantik

Wer an Pinocchio denkt, hat wahrscheinlich zuerst den Disney-Zeichentrickfilm vor dem geistigen Auge. In dem spielte der treuherzige Jiminy Cricket, die Grille, eine relativ prominente Rolle. Die Fassung von Nils Strunk und Lukas Schrenk hält sich da ein bißchen mehr an die Vorlage des italienischen Autors Carlo Collodi. Hier nimmt die Grille einen erstaunlich kleinen Teil ein. Dafür setzt die Fassung stärker auf Musik. Die Musik greift berühmte italienische Arien mit umgetexteten, kindgerechten Texten auf und arrangiert sie um. Und ein umgetextetes „Nessun Dorma“ sorgt für Gänsehaut bei den Großen und Ohrwürmer bei den Kleinen. Der musikalische Leiter Andrej Agranovski schickt Pinocchio durch verschiedene Genres: von opernhaftem Pathos bis hin zum italienischen Schlager.

Szenenbild aus PINOCCHIO - Dschungel Wien - Pinocchio (Florian Klingler) und Geppetto (Wolfram Rupperti) - © Susanne Hassler-Smith
Pinocchio (Florian Klingler) und Geppetto (Wolfram Rupperti) – © Susanne Hassler-Smith

Ein Bühnenbild, das sich dreht und wandelt

Es ist zuckersüß mitanzusehen, wie ein Raum voller Kinder Pinocchio davon abhalten möchte, in sein Unglück zu laufen. „Der Fuchs und die Katze sind meine Freunde!“, beteuert Florian Klingler in der Titelrolle trotzig. Die Kinder rufen, warnen und flehen. Und Pinocchio? Lässt sich natürlich nicht abbringen. Genau solche Momente machen Kindertheater lebendig. Die vierte Wand existiert hier nicht. Alex Gahr hat ein raffiniert variables Bühnenbild geschaffen. Grafische Flächen in Rot und Blau dominieren den Raum. Im Zentrum steht ein Haus auf Rollen, das sich wie ein Karussell dreht. Mal wird es zu Geppettos Werkstatt, mal zum Marionettentheater, mal zum Steg am Meer. Das variable Set sorgt immer wieder für neue Bilder. Besonders gelungen: Die Farbgebung in Rot und Blau spiegelt laut Gahr die gesellschaftliche Zweiteilung wider, in die Kinder hineingedrängt werden. Gut und böse, richtig und falsch. Dass es so einfach nicht ist, lernt Pinocchio im Laufe des Stücks.

Szenenbild aus PINOCCHIO - Dschungel Wien - Pinocchio (Florian Klingler) wird von Katze (Jasmin Weissmann) und Fuchs (Lara Sienczak) hinter's Licht geführt. -  © Susanne Hassler-Smith
Pinocchio (Florian Klingler) wird von Katze (Jasmin Weissmann) und Fuchs (Lara Sienczak) hinter’s Licht geführt. – © Susanne Hassler-Smith

Mehr als ein Erziehungsroman

Regisseur Leonard Dick hat PINOCCHIO als sein Wiener Regiedebüt klug inszeniert. Die Vorlage von Carlo Collodi stammt aus dem Jahr 1883 und moralisiert stellenweise kräftig. Davon hat sich diese Version emanzipiert. Pinocchio durchläuft hier eine echte Entwicklung. Vom impulsiven Kleinkind über den rebellischen Teenager bis hin zu jemandem, der erwachsen wird. Auch die vermeintlich „bösen“ Figuren handeln nicht aus reiner Bosheit. Unterschwellig treiben sie ihre eigenen finanzielle oder soziale Nöte an. So kann das Publikum sogar mit Fuchs und Katze mitfühlen. Die vier Darstellerinnen und Darsteller – Florian Klingler, Wolfram Rupperti, Lara Sienczak und Jasmin Weissmann – tragen das Stück mit spürbarer Spielfreude durch 80 kurzweilige Minuten. Sienczak und Weissmann spielen dabei noch mehrere Rollen. PINOCCHIO berührt, unterhält und regt zum Nachdenken an und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Das Stück lief bis zum 14. Januar 2026 und ist leider schon abgespielt.

9/10

Bewertung: 9 von 10.

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